WINTER’S BONE

Winter’s Bone      (USA, 2010)

Regie: Debra Granik. Drehbuch: Debra Granik und Anne Rosellini, nach dem gleichnamigen Buch von Daniel Woodrell. Kamera: Michael McDonough. Musik: Dickon Hinchliffe. Produktion: Anne Rosellini und Alix Madigan-Yorkin
Mit: Jennifer Lawrence (Ree Dolly), John Hawkes (Teardrop), Kevin Breznahan (Little Arthur), Dae Dickey (Merab), Garrett Dillahunt (Sheriff Baskin), Sheryl Lee (April), Lauren Sweetser (Gail) u. a.
100 Minuten      (9 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Ascot-Elite)

Synopsis: Die Ozark Mountains, Missouri, USA. Die 17-jährige Ree muss sich sowohl um die beiden halbwüchsigen Geschwister und die depressive Mutter kümmern, weil Vater Jessup zunächst im Knast saß und nun auf Freigang spurlos verschwunden ist. Das Haus steht auf dem Spiel, es wurde für die Kaution verpfändet. Ree macht sich verzweifelt auf die Suche nach dem Vermissten und stößt in der Hinterwäldler-Gemeinde und selbst bei ihrem Onkel Teardrop auf Schweigen bis offene Ablehnung. Sie ahnt, dass ihr Vater ermordet wurde und muss schließlich selbst um ihr Leben fürchten.

Kritik: Schauplatz der Handlung sind die Ozark Mountains, ein Terrain, das für Hinterwäldler üblicherweise wie geschaffen ist, um alberne Collegestudenten oder naive Vorstadtfamilien auf Urlaub die falsche Abzweigung weisen und dann in die ewigen Jagdgründe befördern. Cineasten erinnern sich gerne an John Boormans Klassiker BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE (DELIVERANCE, 1972) und den Banjo spielenden Gesellen, dem in den nächsten knapp 40 Jahren nichts annähernd Hochwertiges mehr folgte.

Dass es keiner schaurigen Realitätsferne bedarf, um anspruchsvolle und zugleich packende Unterhaltung zu machen, beweist Regisseurin Debra Granik nach DOWN TO THE BONE (2004) in ihrem zweiten Langfilm. WINTER’S BONE vereint auf kleinstem Raum und über einen Zeitraum von knapp drei Wochen in überzeugender Weise Elemente von Familiendrama, Sozialstudie und Kriminalfilm. Wenn die Kamera gleich zu Beginn in matten Farben das karge Hochplateau mit den vereinzelnd stehenden Blockhäusern und Höfen einfängt, werden wir Zuschauer ausgesetzt in eine fremde Welt, die so gar nichts mit überkommener Aussteiger-Romantik zu tun hat. Die Strenge der Natur und des Winters hat ihr Pendant in den dort beheimateten Menschen, die aus der Not eine Tugend machten und abseits von Wohlstand, Recht und Ordnung ihre eigene archaische Zivilisation bewahrt haben.

Überlebenswichtig für den Bestand einer solchen Gemeinschaft ist nicht nur das Misstrauen gegen Einmischung von außen, sondern auch konsequent die Befolgung von Regeln und Einhaltung der Hierarchie im Innern. Es gibt eine Solidarität unter den Mitgliedern, zuweilen auch „Welpenschutz“ der Nachkommenschaft, aber jeder hat seinen Platz, Ausscheren ist gefährlich, ein bewusster Bruch des Ehrenkodex wird mit Sanktionen belegt, vor denen keiner gefeit ist. Wer sich das nicht vorstellen kann, ist in Sachen Demonstration bei Debra Graniks neuem Film an der richtigen Adresse.

WINTER’S BONEs Handlungsverlauf ist im Prinzip überschaubar, seine besondere Qualität liegt viel mehr in der atmosphärischen Dichte der Erzählung, der authentischen Milieuschilderung, des präzisen Auges für Ort, Zeit und Stimmung. Und last but not least in der schauspielerischen Leistung aller Beteiligten. Jennifer Lawrence, die sich nach dem Film vor Preisnominierungen nicht retten konnte, brilliert in der Rolle der 17-jährigen Ree Dolly, deren Kampf um ihre Familie und das Haus wie ein Sog wirkt auf die Zuschauer. Gerade erwachsen geworden, von Verantwortung belastet, verletzlich, entschlossen, störrisch und verzweifelt durchläuft sie mannigfaltige Facetten dessen, was das harte Schicksal ihr unverschuldet abverlangt. Es gibt keinen Glauben an ein Happyend, der nicht in der nächsten Szene wieder in die Binsen geht.

Was sich vordergründig wie eine One-Woman-Story anhört, ist durch die stets spürbare beklemmende Verstrickung von Ree in die Clan-Gemeinschaft austariert, in der Verwandtschaft nur eine brüchige Sicherheit bietet und Loyalität (Unterordnung) mehr zählt als Gerechtigkeit. Den bis in die kleinsten Rollen mit z.T. aus der Gegend stammenden (Laien-)Schauspielern treffend besetzte Film verlässt man mit dem seltsamen Gefühl, eine faszinierende Parallelzivilisation miterlebt zu haben, aber zum Glück durch das Filmende von weiterem Verbleiben erlöst worden zu sein.


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