HEREAFTER

Hereafter      (USA, 2010)

Regie: Clint Eastwood. Buch: Peter Morgan. Kamera: Tom Stern. Musik: Clint Eastwood. Produktion: Clint Eastwood, Kathleen Kennedy, Robert Lorenz
Mit: Matt Damon (George Lonegan), Cécile de France (Marie Lelay), George + Frankie McLaren (Marcus + Jason), Jay Mohr (Billy Lonegan), Bryce Dallas Howard (Melanie) u. a.
129 Minuten     (6 von 10 Punkten)

Synopsis: Marie Lelay, eine erfolgreiche TV-Moderatorin, ertrinkt im Jahre 2004 beinahe während des Tsunamis in Indonesien. Nach der Wiederbelebung und Rückkehr nach Paris begleiten sie Visionen, sie nimmt eine Auszeit vom Beruf und schreibt ein Buch über ihre Begegnung mit dem Tod.
San Francisco: John Lonegan besitzt die Gabe, mit Verstorbenen zu kommunizieren, gab seine lukrative Praxis aber auf, weil die Belastung ein normales Leben verhinderte. Als er den Job verliert und sein Bruder Billy zur Wiederaufnahme der Sitzungen drängt, reist er fluchtartig nach England ab.
London: Der 12-jährige Marcus lebt mit drogenabhängiger Mutter und seinem Zwillingsbruder Jason von Sozialhilfe. Als Jason bei einem Unfall stirbt und Marcus bei Pflegeeltern unterkommt, sucht er hartnäckig die Hilfe eines Mediums, um Kontakt zu seinem Bruder aufzunehmen.
Auf der Londoner Buchmesse kreuzen sich die Wege der drei Protagonisten.

Kritik: Als im Abspann die Eintragung „Hair stylist for Mr. Damon“ anrollte, entlockte sie mir das erste und einzige Schmunzeln, das dieser Film zu erwecken ermöglicht. Meine bis dahin stärkste Gefühlsäußerung. In den 126 Minuten zuvor war mein überwiegendes Gefühl ein mildes mitfühlendes Interesse, vergleichbar mit der Anteilnahme am Schicksal des Bekannten eines Bekannten. Mehr nicht. Große Gefühle werden durch HEREAFTER nicht transportiert. Die Pein spielt sich im Kopf der Personen selbst ab, die intendierte Empathie durch das Publikum findet nur begrenzt statt, zumal es sich bei den geschilderten Schicksalen um Einzelphänomene handelt, die schwierig nachzufühlen sind. Wer hat schon den Tod des Zwillingsgeschwisters zu verkraften, oder fühlt sich von der Last gequält, beim Händeschütteln von Visionen von Verstorbenen heimgesucht zu werden?

Das Phänomen Tod lädt auf der Leinwand gemeinhin zu Effekt haschenden Darstellungen des Sensenmannes bzw. der in sein Reich Geholten ein oder verkommt leicht zu einem tränenreichen Rührstück mit Halskloßgarantie. Vom Altmeister Eastwood ist indes weder eine Tendenz in die eine noch andere Richtung zu erwarten. Zumal er bereits in MILLION DOLLAR BABY (2004) gezeigt hat, dass er das Thema Sterben durchaus mit Fingerspitzengefühl zu behandeln wusste. Behutsam, beinahe betulich widmet er sich in seinem aktuellen Oeuvre der Problemstellung, räumt den drei Protagonisten ungefähr die gleiche Leinwandpräsenz ein, um deren ureigenstes Schicksal dem Publikum deutlich zu machen. Wir verfolgen den Wechsel der Orte und Geschehnisse, die Abfolge scheint zufällig, allenfalls mit Konzentration auf chronologische Passgenauigkeit und Vermeidung (zu ermüdender) Bevorzugung eines Stranges. Hier ist es eine schöne Frau, dort ein Zwölfjähriger mit stoisch-gefasstem Blick, und last but not least Matt Damon, der neben dem Regisseur seinen bekannten Namen in die Produktion und auf das Filmposter bringt.

Eastwood befördert die Jenseitserfahrung abseits des Plakativen, verzichtet auf reißerische Machart, nimmt aber auch in Kauf, für die Mehrzahl der Zuschauer einen „lauen“ Film zu präsentieren, der wenig wirkliche Höhepunkte hat. Durch den weitgehenden Verzicht auf Musik und das gemessene Agieren der Schauspieler (vor allem Damon wirkt wie unter Beruhigungsmitteln) wird die Grenze zwischen Transzendenz auf der Leinwand und Trance in den Sitzreihen zugunsten letzterer häufig überschritten. In Sachen Darstellung des Jenseits gibt es nur schemenhafte Gegenlichtaufnahmen, Personen auf freier Fläche, bewegungslos dastehend und wieder in Nebel verschwindend. Selbst der verheißungsvolle Beginn mit der filmerischen Neuinszenierung des Tsunamis, der eine Hotelanlage und angrenzende Ladenpassagen wegfegt, ist bei genauerem Hinsehen nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik und nach 10 Minuten und folgender kammerspielartiger Inszenierung vergessen.

Jede Episode hatte nicht die Qualität zu einem abendfüllenden Film, ergo wurde kombiniert, gemischt und neu serviert. Sitzfleisch ist angesagt, und trotz aller Anerkennung für die ruhige Hand des Regisseurs werden sich die Gäste fragen, welchen Nährwert die 128 Minuten gehabt haben.


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