THE ROAD

The Road         (USA, 2009)

Regie: John Hillcoat. Buch: Joe Penhall, nach dem Roman von Cormac McCarthy (2006). Kamera: Javier Aguirresarobe. Musik: Nick Cave, Warren Ellis. Produktion: Nick Wechsler, Paula Mae Schwartz, Steve Schartz u. a.
Mit: Viggo Mortensen (Mann), Kodi Smit-McPhee (sein Sohn), Charlize Theron (seine Frau), Robert Duvall (Ely, alter Mann), Guy Pearce (Veteran) u. a.
112 Minuten         (8 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Ascot-Elite)

Mann: D’ you wish you could die?
Ely: No, it’s foolish to ask for luxuries in times like these.

Synopsis: Ostküste der USA, nahe Zukunft. Der Erdteil ist durch eine nicht spezifizierte Katastrophe zerstört. Ständiger Regen, sinkende Temperaturen, ausgelöschte Tierwelt und tote Vegetation reduzieren die Existenz der verbliebenen Menschen auf einem Überlebenskampf. Ein Mann und sein 10-jähriger Sohn ziehen zu Fuß in Richtung Atlantik, ihre Besitztümer schieben sie in einem Einkaufswagen vor sich her. Ständig sind sie auf der Suche nach Nahrung und in Gefahr, auf marodierende Banden und Kannibalen zu stoßen. Wem kann man noch trauen? Ist das Meer ein Zielort der Hoffnung oder eine Illusion, die nur den Überlebenswillen nährt?

Kritik: THE ROAD ist so recht dazu angetan, einem den Appetit auf Popcorn, Schokoriegel oder Cola zu verderben. Aus Loyalität zu Viggo Mortensen und seinem (Film-)Sohn, die sich in einer postapokalyptischen Welt jedes Nahrungsmittel-Korn mühsam erobern müssen. Für einen Kinostreifen, der auf einem zunächst nicht verfilmbar erscheinenden Roman beruht, ist diese Wirkung vorab schon mal eine bemerkenswerte Leistung und ein Kompliment wert

Die Jahre, die seit der Katastrophe vergangen sind, werden nicht näher behandelt, impliziert wird die Erkenntnis, dass die Heilungsmechanismen der menschlichen Zivilisation offenbar durchgängig versagt haben. Der Planet ist reduziert auf die Funktion des Schauplatzes der Apokalypse, wo niemand mehr weiß, wer Freund oder Feind ist, jeder Tag hoffnungsloser als der vorherige zu sein scheint und eigene Kraft und Hoffnung zugunsten animalischer Instinkte schwinden. THE ROAD vermag von Minute Eins an bis zum Schluss dieses Stimmungstief zu halten.

Beeindruckend und in Erinnerung bleibend in diesem Szenario ist der verzweifelte Durchhaltewillen des Protagonisten. Viggo Mortensen verkörpert den Vater mit Ingrimm und fanatischer Liebe, die darauf zielen, den Hauch der Chance auf ein Überleben der Menschheit zu ermöglichen, ausgedrückt durch die nächste Generation (resp. seinen Sohn). Ein Überleben, das sich zumindest auf einige prinzipielle ethische Werte gründet. Die beiden sind dem Verhungern nahe, aber um zu den Guten zu gehören, darf man zum Beispiel niemals Menschen essen. So schärft es ihm der Vater ein, wenngleich es ihm selbst immer schwerer fällt, Reste von Nächstenliebe zu bewahren in einer Zeit, in der Misstrauen und Argwohn über Leben und Tod entscheiden. Nicht umsonst lehrt er ihn, mit den letzten Patronen des alten Revolvers so umzugehen, bevor die Anderen ihn lebendig erwischen.

Der Vater als Geprüfter, Prophet, Identifikationsfigur? Das Szenario hat etwas Biblisches, und die postapokalyptischen Bilder, kalt und unwirtlich eingefangen von Javier Aguirresarobe, unterstreichen den Exodus der beiden Protagonisten zu einem nicht definierten Heilsziel am Meer. Gefilmt wurde u.a. am Mount St. Helens, in Louisiana nach dem Sturm Katrina und den Tagebau-Gebieten in Pennsylvania. Das Design der zerfetzten Lumpen am Körper der Menschen entstammt Beobachtungen von Obdachlosen. Allerdings ist der Vater weit davon entfernt, dem Geschehen eine Wendung zu geben. Zu begrenzt sind seine Mittel, er selbst ist Opfer in einer (End-)Zeit, die Größerem bedarf, um wieder gut zu werden. Falls Romanautor McCarthy dies überhaupt anzudeuten beabsichtigte.

THE ROAD lässt viele Fragen offen, hält sich trotz Einbaus von kurzen (traumhaften) Rückblenden und eines Voiceovers mit Erklärungsversuchen zurück, der Film gleicht dem Eintauchen in einen bösen Traum, aus dem es kein Erwachen gibt. Ratlosigkeit, Zorn und instinktiver Überlebenswille, die Vater und Sohn innerhalb der 10 Jahre Martyrium geformt haben, sollen das Publikum ad hoc überfallen und fortan beherrschen. Es klappt.


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