FISH TANK

Fish Tank      (Großbritannien, 2009)

Buch und Regie: Andrea Arnold. Kamera: Robbie Ryan. Schnitt: Nicolas Chaudeurge. Ton: Joakim Sundström. Art Director: Christopher Wyatt. Produzenten: Kees Kasander, Nick Laws.
Mit: Katie Jarvis (Mia), Michael Fassbender (Connor), Kierston Wareing (Joanne), Rebecca Griffith (Tyler), Harry Treadaway (Billy) u. a.
123 Minuten      (9 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Kool Filmdistribution)

Synopsis: Havering in der Grafschaft Essex, England. Gegenwart. Die 15-jährige Mia wurde gerade von der Schule verwiesen, ist ohne echte Freunde und ständig im Clinch mit der jüngeren Schwester Tyler und der allein erziehenden Mutter Joanne. Der Alltag der Siedlung hat ihr nichts zu bieten, einzig beim Tanz zu Hip Hop-Musik schwitzt sie sich kurzfristig den Frust von der Seele. Als die Mutter einen neuen Liebhaber (Connor) anschleppt und dieser sich bald in der Wohnung einnistet, scheint Ärger vorprogrammiert. Doch von dem selbstbewussten Mann geht eine Anziehung aus, die für alle Beteiligten unwiderstehlich zu sein scheint.

Kritik: Die Vorgeschichte ist beinahe schon legendär: Schauspiellaie Katie Jarvis streitet sich an der Bahnstation Tilbury (nahe Havering) mit ihrem Freund, wird von einem Talentscout beobachtet und vom Fleck weg für FISH TANK vorgeschlagen. Nur Monate später gewinnt der Film den Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes. Zugegeben: Deren Votum muss nicht nach jedermanns Geschmack sein, aber wenn britische, sozialkritische Filme zudem den Sprung über den Kanal in die deutschen Kinos schaffen, dann sind es in der Regel Qualitätsprodukte. So auch bei FISH TANK.

Er beginnt wie eine Milieustudie: Mia beim Tanzen, beim verbalen und zuweilen handgreiflichen Schlagabtausch, ziellosen Streunen durch die Siedlung und an der Ausfallstraße. Zu Hause verteilt ihre entnervte Mutter Ohrfeigen, die 12-jährige Schwester ist ein Quell an Widerworten. Mia steckt alles mit Trotz und Wut im Bauch weg. Wie schon so oft. Wir nehmen ihre Gefühlsregung in Worten, Mimik und Gestik wahr, sehen die Welt wie durch Mias Augen. Authentisch, hart, direkt. Wie es zu dieser Lage kam, bleibt ausgeklammert, die Konzentration liegt auf dem Hier und Jetzt und der Hauptdarstellerin. Unterschwellig wächst die Befürchtung, dass Schlimmeres noch folgen wird. Die Kamera bedient sich des fahlen Lichtes der Grafschaft Essex im Osten Londons, der gänzliche Verzicht auf musikalische Untermalung bringt die Befindlichkeiten der Protagonisten noch unmittelbarer auf den Punkt. Realismus und Glaubwürdigkeit reichen sich die Hände.

Nach dieser tristen Bestandsaufnahme beginnen in FISH TANK die Ereignisse durch das Auftauchen von Connor aus dem Ruder zu laufen. Der in vielerlei Hinsicht eine Augenweide seiende Michael Fassbender spielt einen Mann, der durch seine physische Präsenz und gelassen-souveräne Art den Deckel auf dem brodelnden Topf hält, der sinnbildlich für das Zusammenleben der drei Frauen bis dahin stand. Die Gefahr des Klischees und der Weichzeichnung liegt nahe, zu rasch mögen der positive Einfluss von Connor und die Vertrauensfassung von Mia erscheinen. Aber haben wir es nicht insgeheim gehofft: Sie ist kein hoffnungsloser Fall und FISH TANK keine düstere Apokalypse, sondern ein von untergründiger Sympathie für die handelnden Personen bestimmter Blick auf die Befindlichkeit einer Familie am unteren Rand der Gesellschaft.

Bis zu dieser Erkenntnis ist gerade einmal die Hälfte des Films vergangen. Was danach folgt, dreht noch einmal an der Spannungsschraube und verbindet dramatische Elemente impulsiven Tuns mit Mias aufkeimender Ratio, angesichts einer Grenzerfahrung die Weichen für die Zukunft zu stellen. Stichwort „Coming-of-Age“: Sie erkennt ihr Potential zu eigenen Entscheidungen als Alternative, die Umstände nur mit destruktiver Kritik anzuprangern. Aus einem Menschen, der vom Milieu bestimmt gewesen zu sein schien, vermag ein verantwortungsbewusst handelndes Individuum zu erwachsen.

Wenn sich die Schwestern am Schluss des Filmes in den Armen liegen, sich „Schlampe“ nennen, erklären, einander zu hassen und doch das Gegenteil meinen, dann hat der Film einen seiner emotionalsten Momente. Es existieren Liebe und Zuneigung hinter den taffen Fassaden, schimmern in einer Atmosphäre von verbaler und optischer Provokation Hoffnung und Menschlichkeit durch.


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