SHUTTER ISLAND

Shutter Island      (USA, 2009)

Regie: Martin Scorsese. Drehbuch: Laeta Kalogridis, nach dem Roman von Dennis Lehane. Kamera: Robert Richardson. Musikalische Leitung: Robbie Robertson. Schnitt: Thelma Schoonmaker u. a.
Mit: Leonardo DiCaprio (Teddy Daniels), Mark Ruffalo (Chuck Aule), Ben Kingsley (Dr. Cawley), Michelle Williams (Dolores), Emily Mortimer & Patricia Clarkson (Rachel Solando), Max von Sydow (Dr. Naehring), Ted Levine (Warden), John Carroll Lynch (Deputy Warden McPherson) u. a.
138 Minuten     (6 von 10 Punkten)


(Bildrechte: Concorde Filmverleih)

Synopsis: Ostküste der USA, 1954. Der seit seinem Einsatz im 2. Weltkrieg traumatisierte US-Marshal Teddy Daniels wird samt Kollegen Chuck Aule nach Shutter Island Ashecliffe Hospital beordert, um das spurlose Verschwinden einer mehrfachen Mörderin aufzuklären. Die Gefängnisinsel fungiert gleichzeitig als Klinik psychisch gestörter Straftäter. Wachpersonal und Ärzte kooperieren nur widerwillig mit den Beamten. Als die Vermisste wie aus dem Nichts wieder auftaucht, wittert Daniels weitere dunkle Machenschaften, forscht auf eigene Faust und kann bald niemandem mehr trauen.

Kritik: SHUTTER ISLAND sieht man ab der ersten Szene an, dass Geld – viel Geld – im Spiel ist und die Beteiligten keine Anfänger ihres Faches sind. Da wirkt nichts hingeschludert: Bis in die kleinsten Ecken wurde Staub gewischt oder – je nachdem – ostentativ verteilt, die letzte Fluse von der Uniform des Wachhabenden gepustet, im Arbeitszimmer ist bedeutungsschwanger ein steinerner Adonis drapiert, Gustav Mahler ertönt aus dem Grammophon und und und. Erst wenn Perfektion in Griffweite ist, erweckt Meister Scorsese durch ein „Action“ die Szenerie zum Leben.

Eine Szenerie wie hinter Glas: Museumsreif, artifiziell, konstruiert und bisweilen vorhersehbar. Dem Zufall wird auch im Handlungsgeflecht nichts überlassen. Wenn der Sturm über die Insel zieht, fällt natürlich nicht nur die Telefonverbindung zum Festland aus, sondern das gesamte Stromnetz zusammen. Der Hochsicherheitsblock C ist weit mehr als ein labyrinthischer Trakt aus Stahl und Beton, nämlich ein Hölleninferno à la Hieronymus Bosch, gegen das die Einzelzellen in Chateau d’If wie Luxussuiten aussehen. Die Insel selbst hat nichts Anheimelndes an sich, besteht nur aus Steilküsten, grobem Waldbewuchs, einem Leuchtturm und der Gefängnisklinik selbst.

Bevölkert ist Shutter Island ebenfalls von den üblichen Verdächtigen. Ben Kingsley und Max von Sydow spielen das, was sie am besten können: Sinistre Herren, die von den Gefangenen als Patienten sprechen, aber als Alleinbeherrscher der Behandlungsmaßnahmen manche Leiche im Keller haben. DiCaprio macht seine Sache als 50er-Jahre-Marshal gut, wenngleich er und Kollege Mark Ruffalo die langen Trenchcoats und tiefen Hüte nicht ganz so ausfüllen wie dereinst gestandene Herrschaften wie James Gandolfino und John Travolta in LONELY HEARTS KILLERS (2006). Immerhin: DiCaprio spielt seinen Teddy Daniels als einen Besessenen, seine Performance ist intensiv und (Leinwand-) formatfüllend, der Film ganz auf seine Figur zugeschnitten.

Es ist ein Männerfilm. Frauen haben in den USA des Jahres 1954 nicht viel zu melden, und auf einer Gefängnisinsel schon gar nicht. Wenn sie denn auftauchen, dann als mahnende Kassandra oder Kalypso, die den Helden nicht loslassen will. Jene Einschübe, die gerne auch als Flashbacks im Kopf von Daniels zur Anwendung gebracht werden, öffnen das Feld für weitere Spekulationen über das Wie und Warum, führen aber leider auch zur Ausbremsung des ansonsten ständig unter Strom stehenden Protagonisten. Wie häufig bei Mystery-Thrillern, die von begrenzter Personenzahl auf abgeschottetem Areal handeln, wird aus dem Jäger der Gejagte, er sieht sich von Widersachern umgeben, fassbare wie auch jene, die sich in sein Bewusstsein schleichen. Dass Scorsese es mit jenen Winkelzügen, falschen Fährten und überraschenden Wendungen besonders zum Schluss hin übertreibt, nagt am Spannungsgehalt der ansonsten furiosen Handlung.

Überhaupt werde ich den Eindruck nicht los, dass beim Drehbuchschreiben nach dem Motto verfahren wurde: Je mehr Abweichen von der klaren Linie, desto besser. Eine Verschwörungstheorie jagt die nächste, die Dämonen der Vergangenheit mischen kräftig mit, ein ums andere Mal darf das Publikum den Film erneut Revue passieren lassen, um zu erkennen, dass es andersherum noch viel mehr Sinn macht. Für manche ein Ärgernis, aber immerhin: Passgenauigkeit auf höchstem Niveau ist garantiert. Schließlich sind wir beim Meister persönlich zu Gast.


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