ALL TOMORROW’S PARTIES

*** ALL TOMORROW’S PARTIES * Großbritannien 2009 * Kamera und Regie: Jonathan Caouette, und die Besucher/-innen und Mitarbeiter/-innen der „All Tomorrow’s Parties“-Festivals * Musik und Darsteller/-innen: Portishead, Iggy & The Stooges, Patti Smith, Sonic Youth, Yeah Yeah Yeahs, The Gossip, Belle & Sebastian, Grinderman, Mogwai, Slint, Shellac, The Mars Volta, GZA, John Peel, John Cooper Clark, Roscoe Mitchell, Daniel Johnston, Jerry Garcia, Kevin Shields, Saul Williams, Les Savy Fav, Grizzly Bear, Two Gallants, Sun Ra, The Dirty Three, Battles, The Boredoms, Lightning Bolt, A Hawk and a Hacksaw, Akron/Family, Fuck Buttons, Seasick Steve, The Octopus Project, Micah P. Hinson, David Cross, Jah Shaka, u. v. a. * [teilw. s/w] * [OmU] * 82 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

All Tomorrow's Parties
(Bildrechte: Rapid Eye Movies)

„And what costume shall the poor girl wear / to all tomorrow’s parties / A hand-me-down dress from who knows where / To all tomorrow’s parties / And where will she go and what shall she do / When midnight comes around / She’ll turn once more to Sunday’s clown / And cry behind the door“ (The Velvet Underground & Nico)

Synopsis: Unter dem Namen „Bowlie Weekender“ im April 1999 vom Belle & Sebastian-Frontmann Stuart Murdoch im verschlafenen Feriendomizil Camber Sounds, East Sussex, England ins Leben gerufen und von Barry Hogan unter dem Namen „All Tomorrow’s Parties“ weiter geführt und mit einer zweiten location versehen (Butlin’s Holiday Camp, Minehead, Somerset, England), hat die Festival-Reihe seit 2002 auch einen Ableger in New York City.

Die „All Tomorrow’s Parties“-Festivals kommen ohne die ansonsten so überpräsenten Weltunternehmen als Sponsoren aus und zeichnen sich zudem dadurch aus, dass eine band oder ein(e) Künstler/-in, der / die nicht unbedingt aus dem music business (zum Beispiel SIMPSONS-Schöpfer Matt Groening) kommen muss, als Kurator/-in das line-up zusammen stellt: „It’s the ultimate mixtape!“ (Thurston Moore / Sonic Youth)

Die „All Tomorrow’s Parties“-Festivals gelten deswegen als eines der letzten Refugien für do-it-yourself-Kunst und -Kultur und haben sich inzwischen über eine Dekade lang als verlässlicher Seismograph für herausragende Musik aus den Bereichen indie, post-rock, underground hip hop, trip hop, dub, folk & Co. erwiesen.

Kritik: Allein der Anfang ist ein Genuss. Wie Jonathan TARNATION Caouette hier alte Wochenschau- und Dokumentarfilm-Aufnahmen über die beiden englischen Küstenbadeorte, in denen die Festivals stattfinden, mit den live-Aufnahmen eines Auftritts der post-rock-all-star-Kapelle Battles zusammen kaleidoskopiert, unterlegt mit deren hypnotischem Über-hit „Atlas“ … der Film ist keine zwei Minuten alt und schon hat man sich seinen Allerwertesten im Kinosessel wund getanzt.

ALL TOMORROW’S PARTIES behält diesen furiosen Auftakt als Tempovorgabe für die nächsten 80 Minuten bei, und Jonathan Caouette verquirlt split screen-Verfahren, Super8-Aufnahmen, verwackelte handy-Videos und klassische Rockkonzert-Aufnahmen derart wild mit seinem Regisseursmixstab, das einem alsbald Hören und Sehen vergeht. Gleichzeitig wächst der Neid auf diejenigen, die einmal bei einem dieser Festivals dabei waren, mit jeder vergehenden Filmminute schier ins Unerträgliche.

Weil: Es folgt highlight auf highlight. Kaum sind Battles verklungen, kommen The Gossip auf die Bühne und Beth Ditto & Co. dürfen in einer grandiosen performance, welche drei Jahre vor ihrem Durchbruch stattfand, zeigen, warum sie inzwischen zurecht super stars sind.

Dann sind da auch noch ein bestens aufgelegter Nick Cave, der mit seinem Bad Seeds-Ausflugsprojekt Grinderman den „No pussy blues“ anstimmt, der immer noch so schwer verstörte wie geniale Daniel Johnston, der ein freies Konzert auf dem Rasen vor der Ferienanlage gibt, Sonic Youth, die sich im Probenraum über die (Ver-)Stimmungen ihrer Gitarren streiten, Portishead, die einen unvergesslichen set hinlegen, die grindcore-weirdos von Lightning Bolt, die open air, ebenfalls auf dem Rasen der Ferienanlage, ein derart infernalisches Kurzkonzert geben, dass die Nachbarn sich beschweren, Grizzly Bear, die mit einem devoten Anhängsel aus zirka 100 fans am Strand entlang wandern und das wunderschöne „Deep blue sea“ intonieren, A Hawk and a Hacksaw, die illegal in einer örtlichen Spielhalle auftreten, während sich der stiernackige security guard einfach nicht dazu durchringen kann, sie rauszuwerfen, weil ihre Musik so hinreißend ist …

… und …

… und …

… und …

Dieses Undundund ist auf Dauer aber auch ein Nachteil. Denn so mitreißend das alles ist … es kehrt halt nie Ruhe ein. An der Tonspur kann man sich zwar niemals satt hören, aber die sie unterstützenden Bilder buhlen halt, dabei immer farbenfroh psychedelisch vor sich hin blubbernd, ebenfalls um die Aufmerksamkeit: Split screen um split screen wird aufgemacht, Super8-Aufnahmen werden kommentarlos dazwischen geschnitten, Jahrzehnte von englischer Seebad-Historie werden in Bruchstücken von Sekunden aufgegriffen und genau so schnell wieder abgehandelt, ein Ausschnitt aus der Sonic Youth-Tour-Doku 1991 – THE YEAR PUNK BROKE wurde auch noch aufgetrieben und ohne Fußnote verwendet und dann werden zu allem Überfluss auch noch private handy-Videos von besoffenen, knutschenden und urinierenden Festival-Besuchern mit in diesen Maelstrom geworfen, als hätte der Film nicht schon audiovisuelle Zutaten genug.

Und das ermüdet leider auf Dauer, zumal nirgendwo ernsthaft die Absicht ausgemacht werden kann, dass hier eine Dokumentation stattfindet. Diese war möglicherweise auch nie angedacht, aber dass ALL TOMORROW’S PARTIES einfach nur eine Ansammlung von Bruchstücken bleibt, ein inkohärentes Konglomerat aus Aus-, Ein- und Zufällen und sich damit ohne jeden roten Faden, ohne jede bindende Klammer zufrieden gibt, ist schon ein nicht weg zu diskutierendes Manko dieses ansonsten selbstverständlich absolut sehenswerten Films.


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