IN MEINEM HIMMEL

In meinem Himmel     (The lovely bones, USA, GB, NZE 2009)

Regie: Peter Jackson. Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, nach dem Roman von Alice Sebold. Produzenten: Carolynne Cunningham, Fran Walsh, Peter Jackson, Aimee Peyronnet. Kamera: Andrew Lesnie. Musik: Brian Eno
Mit: Mark Walberg (Jack Salmon), Rachel Weisz (Abigail Salmon), Saoirse Ronan (Susan „Susie“ Salmon), Susan Sarandon (Grandma Lynn), Stanley Tucci (George Harvey), Michael Imperioli (Len Fenerman), Rose McIver (Lindsey Salmon), Christian Ashdale (Buckley Salmon) u. a.
135 Minuten     (3 von 10 Punkten)

Synopsis: Eine Kleinstadt in Pennsylvania, USA, Dezember 1973. Die vierzehnjährige Susie Salmon nimmt auf dem Heimweg von der Schule die Abkürzung über ein Maisfeld. Dort wird sie vom Nachbarn George Harvey in ein Erdloch gelockt und getötet. Die Leiche wird nie gefunden. Von einer Art Zwischenhimmel aus verfolgt Susie, wie sich die Ermittlungen im Mordfall entwickeln und ihre Familie mit dem Verlust der Tochter umgeht. Sie versucht, die Hinterbliebenen zu kontaktieren.

Kritik: IN MEINEM HIMMEL ist eigentlich nur dann sehenswert und beklemmend, wenn Stanley Tucci als sinistrer Nachbar und Mörder im Bild erscheint. Im Jenseits hat er eine grauenvolle Szene mit Badezimmer, die der Vorstellung eines Guillermo del Toro (PANS LABYRINTH, HELLBOY 2) hätte entsprungen sein können. Im Diesseits und zum Glück wohldosiert häufig genug fasziniert er als Verkörperung des Wolfes im Schafspelz und bekleidet die einzig lohnenswerte Rolle inmitten einer Riege Akteure, die sich mit vorhersehbaren und in trauernder Apathie versinkenden Parts zufrieden geben muss. Sie bleibt das Highlight, die Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller für Tucci ist akzeptabel, allerdings nicht ausreichender Grund, einen ansonsten enttäuschenden Film anzusehen.

Die Romanvorlage aus dem Jahre 2002 führte lange Zeit die amerikanischen Bestsellerlisten an. Inklusive der Kindheitserinnerungen Susies erstreckt sich die Handlung über mehr als 15 Jahre und bietet sowohl ein Abbild der persönlichen Befindlichkeiten, als auch das des Kleinstadtlebens an der amerikanischen Ostküste in den 70er Jahren. Nicht ohne gewisse Längen wird aus der Sicht der toten 14-jährigen Susie erzählt, welche auch detaillierte Beschreibungen ihrer Zwischenwelt nicht auslässt.

Peter Jackson sah wohl Stoff genug, um nach seiner Runde durch die Bombastfilmabteilung zurück zu seinen Wurzeln im intimeren Beziehungskino (HEAVENLY CREATURES, 1994) zu finden. Der Rotstift wurde angesetzt und das üppige Buch entschlackt: Nebenfiguren: Weg! Susies Kindheit: Weg! Alle Geschehnisse in Chronologie gebracht und auf 2 Jahre zusammengepresst. Und die Elemente aus dem Jenseits ausgeweitet. Moment mal: Ausgeweitet?

Tatsächlich – und zu meinem (unser aller Betrachter) Leidwesen – verringert sich deren Zahl nicht im gleichen Verhältnis wie andere Teile der Romanhandlung. Susies Einfluss bleibt nicht bescheiden allgegenwärtig, sondern ist schlichtweg übermächtig. Beim Lesen habe ich die Möglichkeit, jene mich störenden Seiten (Füllsel) wegzublättern. Im Kino muss mich durch all jene Szenen quälen, die mehr Peter Jacksons Vorliebe für optischen Firlefanz ausdrücken als dem Fortgang der Kernhandlung dienlich sind. Die Befindlichkeit von Susie im Jenseits zu erfahren dürfte nur für die Esoteriker unter uns gerade noch von Interesse sein. Wer für einen melodramatischen Spielfilm gekommen ist, den erdrücken die kitschigen am Computer generierten Bilder à la Phototapete bzw. Bildschirmhintergrund schon von Beginn an. In die gleiche Kerbe schlägt die aufdringlich Gefühle betonende Orchestrierung durch Brian Eno. Und selbst Saoirse Ronan, deren misshandelter Susie anfangs unser aller Mitgefühl galt, trägt in ihrer Rolle einen so prägnanten wie einseitigen Gesichtsausdruck zu Markte, der mit zunehmender Filmdauer mehr als bekannt ist.

IN MEINEM HIMMEL wartet mit Schauspielern auf, deren Können einst ausgezeichnet wurde. Er zeigt aber auch die Richtigkeit des Leitspruches, dass aus einer Anzahl guter Einzelkünstler noch lange kein gutes Team wird, zumal für sie von der Kerngeschichte (Kriminalfall und Bewältigung) zu wenig bleibt, um sich auszeichnen zu können. Vielleicht hat sich der falsche Regisseur am Stoff vergriffen? Wenn zum Abspann das elegisch-träge „The Moon’s Lament“ von Cincy D’lequez-Sage gespielt wird, scheint sich Peter Jackson selbst für sein Machwerk entschuldigen zu wollen.


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