ANVIL – DIE GESCHICHTE EINER FREUNDSCHAFT

*** ANVIL – DIE GESCHICHTE EINER FREUNDSCHAFT / ANVIL! THE STORY OF ANVIL * USA 2008 * Musik: Anvil, David Norland, Phantom-X, Iron Mask, Icory, u. a. * Drehbuch und Regie: Sacha Gervasi * Darsteller/-innen: Steve „Lips“ Kudlow, Robb Reiner, Glenn „G5“ Gyorffy, Ivan Hurd, Chris Tsangarides, Tiziana Arrigoni, Cut Loose, Mad Dog, Lars Ulrich, Lemmy Kilmister, Scott Ian, Slash, Tom Araya, Michael Schenker, Scorpions, Whitesnake, Bon Jovi, u. v. a. * [OmU] * 80 Minuten * (10 von 10 Punkten) ***


(Bildrechte: Rapid Eye Movies)

„Metal on metal / It’s what I crave / The louder the better / I’ll turn in my grave“ (Anvil)

„You think I’d crumble / You think I’d lay down and die / Oh no, not I / I will survive“ (Gloria Gaynor)

Synopsis: Cinema Münster, Montag, 22. Februar 2010, 20.30 Uhr. Dies ist eine Vorpremiere, die in Zusammenarbeit mit dem hiesigen, legendären club Gleis 22 zu Stande gekommen ist, also gibt es nicht das sonst übliche Kino-Vorprogramm. Stattdessen steht eine einsame Plattenhülle vor der Leinwand, darauf ein Amboss und die Worte „Anvil – Live in concert“ (Metal Blade Records, 1989). Nebenan steht ein ebenso betagter wie portabler Plattenspieler und dudelt tapfer das vor sich hin, was ein Mitschnitt eines Anvil-Konzertes in Japan Ende der 80er darstellen soll. Was ohnehin schon surreal daher kommt, wird angesichts dessen, was danach 80 Minuten über die Leinwand flimmert, nur noch unglaublicher:

No, THIS ISn’t SPINAL TAP – it’s Anvil!: Dass Anvil tatsächlich existieren, dass es diese band ohne Scheiß wirklich gibt, ist nicht nur angesichts der zahlreichen SPINAL TAP-Momente (Regie: Rob Reiner – ist das nun Zufall oder Schicksal?), die Sacha Gervasi hier eher unfreiwillig vor die Linse und man als irgendwann restlos in Tränen aufgelöster Zuschauer zu sehen bekommt, nämlich dennoch nicht zu fassen:

ANVIL! THE STORY OF ANVIL erzählt die unglaublicherweise wahre Geschichte der Sandkastenfreunde Steve „Lips“ Kudlow (lead vocals / lead guitar) und Robb Reiner (drums) und ihrer band Anvil, welche 1982 mit ihrem gerade erst zweiten Album „Metal on metal“ den Weg für die großen Vier (Anthrax, Megadeth, Metallica, Slayer) des von ihnen quasi erfundenen genres thrash metal ebneten, nur um wenig später in der Versenkung zu verschwinden, sich dennoch nicht aufzulösen und nicht ohne dabei sage und schreibe 10 lächerlich erfolglose Alben heraus zu bringen.

Drehbuchautor, Regisseur und Anvil-fan der ersten Stunde, Sacha Gervasi, begleitet die beiden ungleichen Freunde fürs Leben (Robb ist Sohn eines ungarischen Auschwitz-Überlebenden, Edward Hopper-Verehrer und Kunstmaler, „Lips“ ist das schwarze Schaf seiner gleichfalls jüdischen Familie) auf ihrer größten (und unfasslich desaströsen) Tour seit 20 Jahren durch Schweden, Tschechien, Rumänien, Deutschland etc. im Jahre 2005 und bei den Aufnahmen zu ihrem dreizehnten Album („This is thirteen“, 2007), das, obwohl sie es mit ihrem Lieblingsproduzenten Chris Tsangarides (der nicht nur ihr legendäres „Metal on metal“-Album produziert hat, sondern auch Black Sabbath, Thin Lizzy & Co.) in der beschaulichen englischen Grafschaft Dover aufnehmen, bei keiner Plattenfirma unterbringen können …

Als sich scheinbar alles gegen die zunehmend verzweifelten und sich untereinander zerfleischenden heavy metal-Blutsbrüder zu wenden scheint, erreicht „Lips“ ein Anruf aus Japan …

Kritik: Schlichte Mathematik ist hier ausnahmsweise mal hilfreich: „Monsters of Transylvania“-Festival, Târgu Mures, Rumänien, 2005: Fassungsvermögen der Konzerthalle: 10.000 Zuschauer. Anwesend: 174. Headliner: Anvil. Steve „Lips“ Kudlow dazu im Vorfeld: „10.000 fans! Sogar der Bürgermeister von Transylvanien [sic!] soll da sein!“

Und das ist nur ein „zum Beispiel“.

Drehbuchautor und Regisseur Sacha Gervasi ist auch gerade deswegen schlichtweg ein Genie. Denn wie sehr sich seine Lieblings-band Anvil, insbesondere das ewige, ständig mit weit aufgerissenen, staunenden Augen auf die Welt blickende, Kind in Familienvatergestalt, Steve „Lips“ Kudlow auch am Rande der Lächerlichkeit und bisweilen weit darüber hinaus bewegt, Sacha Gervasi lässt es niemals zu, dass „Lips“, Robb & Co. zu Witzfiguren verkommen.

Stattdessen weint man sich als geneigter Betrachter die Augen aus und ist dank Gervasi auch irgendwann stolz darauf, weil da nämlich keine schwermetallenen Lachtränen in die längst geleerte Bierflasche tropfen (wer denkt schon daran, ausgerechnet Taschentücher in eine heavy metal-Doku mitzunehmen?), sondern weil man Rotz und Wasser über eine Männerfreundschaft vergießt, die rührender ist als CASABLANCA, LOVE STORY und VOM WINDE VERWEHT zusammen. Und das ist noch maßlos untertrieben.

ANVIL ist aber eben nicht nur die GESCHICHTE EINER FREUNDSCHAFT in einer zugegeben etwas antiquiert tönenden thrash metal band, gegen deren output selbst Iron Maiden progressiv klingen, sondern auch eine Ode an das Durchhaltevermögen des menschlichen Geistes, ein TRIUMPH DES WILLENS, ohne falsches Pathos, ohne unreflektierte Heldenverehrung und vor allem ohne auch nur irgendetwas beschönigen zu wollen:

Nach dem schönsten happy end der Dokumentarfilmgeschichte stehen „Lips“ und Robb zwar exakt an der Kreuzung in Shibuya, Tokio, Japan, an der sich vor gar nicht allzu langer Zeit die Wege von Bill Murray und Scarlett Johansson in einem der schönsten Liebesfilme aller Zeiten trennten: LOST IN TRANSLATION. Dabei haben sie am Ende nichts weiter erreicht, als auf einem metal festival als erster act auf dem line-up, um 11.35 Uhr morgens, das Haus zu rocken.

Schlichte Mathematik ist hier ausnahmsweise mal hilfreich: Tokio, Japan, 2007: Fassungsvermögen der Konzerthalle: 20.000 Zuschauer. Anwesend: 20.000. Opening act: Anvil. Steve „Lips“ Kudlow dazu, später: „Look, Godzilla!“

P.S.: Anvil haben bis heute keinen Plattenvertrag. Sie vertreiben ihre Platten, t-shirts, ihre Autobiographie (quasi das Buch zum Film, mit einem Vorwort von Slash) und sonstigen merchandise über ihre homepage.

Kaufen! Alles!

Sonst Satan.

(Kinostart: 11. März 2010)


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