UP IN THE AIR

Up in the air      (USA 2009)

Regie: Jason Reitman. Buch: Jason Reitman und Sheldon Turner. Nach dem Buch von Walter Kirn. Kamera: Eric Steelberg. Schnitt: Dana E. Glauberman. Musik: Rolfe Kent
Mit: George Clooney (Ryan Bingham), Vera Farmiga (Alex Gohan), Anna Kendrick (Natalie Keener), Jason Bateman (Craig Gregory), Danny McBride (Jim Miller), Melanie Lynskey (Julie Bingham), Amy Morton (Kara Bingham) u. a.
109 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Synopsis: USA, Gegenwart. Ryan Bingham ist ein gut situierter, perfekt organisierter und frei von emotionalen Bindungen lebender Flugnomade Ende 40, dessen Aufgabe es ist, Angestellten anderer Firmen die Kündigung im persönlichen Gespräch beizubringen. Auf einer seiner Reisen lernt er die seelenverwandte Vielfliegerin Alex Gohan kennen. Als seine neue Kollegin Natalie Keener ein Verfahren der Entlassung per Video-Mitteilung vorschlägt, nimmt er die Novizin mit auf Tour, um sie Vor-Ort-Erfahrung machen zu lassen. Die Nähe zu den beiden Frauen sowie die Hochzeit seiner Schwester führen schließlich dazu, dass Bingham den Wert seiner Lebensführung überdenkt.

Kritik: Regisseur und Autor Jason Reitman erklärte in einem Interview, seine beiden letzten Filme THANK YOU FOR SMOKING (2006) und JUNO (2007) seien nur wegen guter Kritiken und seiner Überzeugungsarbeit vom Publikum besucht worden, während UP IN THE AIR allein durch die Erwähnung von George Clooney die Kinos fülle*. Klar ist: Die Fans des 48-jährigen Stars werden nicht enttäuscht. Clooney Darstellung eines smarten Singles mit Platin-Karten und VIP-Status ringt zugleich Bewunderung und Amüsement ab, die Choreographie bewährter Handgriffe und Laufwege im Flughafen-Dschungel gleich zu Filmbeginn ist meisterhaft inszeniert, der Off-Kommentar vergnüglich. Nach wenigen Minuten wird deutlich, dass Reitmans Filme keine Zufallserfolge waren.

Clooneys Performance als Bingham ist selbst dann faszinierend, wenn er souverän und aalglatt völlig arglosen Angestellten die Kündigung mitteilt und sein Repertoire an wohlplatzierten Gesten, Tonfällen und Worthülsen zum Besten gibt. Ein Profi, der das Verkünden von Hiobsbotschaften zu einer Kunst gemacht hat. Aus seiner Motivation macht er keine Mördergrube. Als Redner in Motivationsseminaren betitelt er abfällig beziehungstreue Menschen als „monogamous swans“, sich selbst jedoch als „shark“, der persönliche Bindungen als Last empfände, die er wie einem Rucksack mit sich trüge.

Dass solche Charaktere zu bekehren sind, liegt in der Erwartung des Publikums. Mit einer großartigen Vera Farmiga als Alex wird Clooney auch ein Co-Star mit genügend Präsenz und Gewicht gegenüber gestellt, um ihm Paroli zu bieten. Wenn sie aufeinander treffen, knistert es merklich in der Luft. Ein Exkurs vom glamourösen Parkett seiner Arbeitswelt weg zur Hochzeit der Schwester leitet dann unweigerlich die Katharsis ein. Das ist nicht unvorhersehbar, die Atmosphäre driftet merklich ins Sentimentale ab, Binghams Familie gleicht vom Aussehen und Verhalten sehr den „Normalos“, die er fortwährend feuert …, wenn’s hier nicht passiert, wann dann?

Indes: Regisseur Reitman sträubt sich gegen die Bezeichnung „romantische Komödie“. Sein Film soll auch eine Kritik an gegenwärtigen Kapitalismus und der Hire&Fire-Mentalität sein. Nicht umsonst wurden Laien-Darsteller aus dem Raum Detroit und St. Louis gecastet, die unlängst selbst den Job verloren hatten. Die (Langzeit-)Wirkung ihrer authentischen Aussagen ist allerdings begrenzt. Der Zynismus geht unter angesichts der anderen Aspekte der Haupthandlung, die ins Komödiantische laufen. Reitman hat ein Händchen für spritzige Dialoge (insbesondere die Rivalität zwischen Bingham und der forschen Newcomerin Natalie zählen zu den Highlights), als Unterstreichung der Kritik an der Freisetzung von menschlichen Produktionsmitteln sind sie hingegen kontraproduktiv.

UP IN THE AIR erhält von der Kritikergemeinde fast durchweg gute Beurteilungen, und jene waren für mich der Grund, den Film anzusehen. Jetzt muss ich mich aber der zutreffenderen der weniger namhaften Wochenschau „na dann“ anschließen: Jason Reitmans gewagte Gradwanderung zwischen Kapitalismuskritik und Feel-Good-Komödie ist zwar der richtige Film zur richtigen Zeit, aber dennoch zu schablonenhaft und vorhersehbar, um länger als auf dem Nachhauseweg hängen zu bleiben.**

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*Sight and Sound, 20 (2010) 2, S. 30
** sirk in: na dann, Ausgabe 5 (2010) = 04.-10.02.2010, S. 4


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