SHOTGUN STORIES

*** SHOTGUN STORIES * USA 2007 * Musik: Lucero, Bennie Mardones, Ben Nichols, Pyramid * Kamera: Adam Stone * Drehbuch und Regie: Jeff Nichols * Darsteller/-innen: Michael Shannon, Douglas Ligon, Barlow Jacobs, Natalie Canderday, Glenda Pannell, Lynnsee Provence, Michael Abbott Jr., G. Alan Wilkins, David Rhodes, Travis Smith, Cosmo Pfeil, Coley Capany, Gary Hawkins, Cole Hendrixson, Mark W. Johnson, Tom Kagy, Vivian Morrison Norman, Tucker Prentiss, Wyatt Ashston Prentiss, u. a. * [OmU] * 92 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

Shotgun Stories
(Bildrechte: Fugu Films)

„And if you love him / Oh, be proud of him / ‚Cause after all he’s just a man / Stand by your man“ (Tammy Wynette)

„I know it’s hopeless hell / Ain’t big enough to hold us back / Come on let’s pick a fight / We hunt for trouble tonight“ (Astronautalis)

Synopsis: Die drei Brüder Son (Michael Shannon), Boy (Douglas Ligon) und Kid (Barlow Jacobs) Hayes, allesamt verarmte Gelegenheitsarbeiter, sind nicht nur Abkömmlinge des white trash der amerikanischen Südstaaten (in diesem Fall Arkansas), sondern auch verbitterte Sprösslinge einer kaputten Familie.

Ihr verhasster Vater dagegen hat in ihren Augen den Absprung geschafft, eine neue Frau geheiratet und ihre noch verhassteren Stiefbrüder aufgezogen – ihr Anblick allein bedeutet stete Demütigung.

Als Vater Hayes stirbt, kommt es bei seiner Beerdigung zum längst überfälligen Eklat: Son redet schlecht über ihn und spuckt auf den Sarg. Eine Schlägerei während der Trauerzeremonie kann gerade noch verhindert werden, doch die vier Halbbrüder von Son, Boy und Kid wollen diese Schmach nicht ungesühnt lassen: Sie töten Boys’ Hund Henry mit Hilfe einer ausgesetzten Giftschlange.

Und das ist nur der Anfang einer grausamen Gewaltspirale, weil Männer nun mal Dinge zu müssen meinen, die ein Mann aus falsch verstandenem Ehrgefühl nun einmal tun muss, während ihre Ehefrauen und Freundinnen mit an Masochismus grenzender Leidensfähigkeit zu ihnen stehen – komme, was da wolle. Der Tod, in diesem Fall.

Kritik: Jeff Nichols, zusammen mit seinem Bruder Ben, der hier mit seiner band Lucero den kargen, aber wunderschönen soundtrack beisteuert, in Arkansas aufgewachsen, hat seinem Heimatstaat, der hierzulande wohl nur dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, weil der ehemalige US-amerikanische Präsident Bill Clinton dort mal Gouverneur war, mit seinem Drehbuch- und Regiedebüt ein wenig schmeichelhaftes filmisches Denkmal gesetzt, in etwa vergleichbar mit dem bitteren Abgesang von Phil Morrison auf dessen Heimat North Carolina in dem wunderbaren JUNEBUG.

War Morrisons Werk immerhin noch von anheimelndem Humor durchdrungen, hellt in SHOTGUN STORIES allerdings keinerlei Lächeln oder beiläufig angedeuteter Witz die triste Szenerie auf: Nichols umschifft nahezu sämtliche optisch nahe liegenden Südstaaten-Klischees (Arkansas sieht überraschenderweise aus wie Ostwestfalen), wobei sein Kameramann Adam Stone dennoch immer wieder „Bilder zum Niederknien“ (epd Film) findet, was die durchweg düstere Grundstimmung der SHOTGUN STORIES aber auch nicht retten kann:

Präzise und unerbittlich dokumentiert, nehmen die Blutrache-Gelüste der eigentlich gar nicht so verschiedenen Halbbrüder ihren verhängnisvollen Lauf, doch die Gewalt wird dankenswerterweise nur angedeutet. Vielmehr sind es die verhärmten und verhärteten Gesichter, allen voran das des wieder einmal erschütternd intensiven Michael Shannon, der hier erneut eine Oscar-reife performance, wie schon in ZEITEN DES AUFRUHRS geschehen, abliefert, die den wahren Schrecken, der von diesem American gothic-Gespenst von Film ausgeht, unbarmherzig verbreiten.

Nicht nur was die Ausblendung von Brutalo-Szenen angeht, unterläuft SHOTGUN STORIES, während sich die gelinde gesagt unangenehme Handlung zu einem wahren Blutschwall zu entwickeln droht, dabei konsequent etwaige Erwartungshaltungen des dennoch jederzeit unangenehm berührten Publikums:

Denn das „Ende“ von SHOTGUN STORIES treibt dieses gekonnte Spiel nur noch auf die Spitze – es lediglich „offen“ zu nennen, wäre eine Untertreibung. Plötzlich hält die Gewaltspirale inne, fast sowas wie Hoffnung ist dann doch endlich spürbar, die allerdings angesichts des gewaltigen 90 Minuten andauernden Schattens, die Nichols & Co. einem hier auferlegen, einfach nur trügerisch daher kommen kann.

SHOTGUN STORIES schafft es, mit karger Bildsprache und rudimentärer Tonspur, männliche Gewalt und die grenzenlose Dummheit, die mit ihr einher geht, ohne falsches Pathos oder gar einen Anflug von Moralgedusel auf die Leinwand zu bringen: Ländliches, nicht nur geographisch gesehen weitab von Hollywood funktionierendes Kino, das allerdings bei Betrachtung wenig Freude hinterlässt, weil hier alle Charaktere wie menschliche Sprengkörper durch die Gegend laufen, jeglicher Humanismus im Keim erstickt wird und sich ein Gefühl von solch grenzenlosem Kummer breitmacht, dass SHOTGUN STORIES, so sehenswert er auch sein mag, einem nicht nur das Cinéasten-Herz, sondern gleich auch noch das Rückgrat bricht.

Und sich nicht eine Sekunde dafür schämt.

Was für ein böser Film.


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