THE FOLK SINGER – A TALE OF MEN, MUSIC AND AMERICA

*** THE FOLK SINGER – A TALE OF MEN, MUSIC AND AMERICA / THE FOLK SINGER * Deutschland 2008 * Kamera: Philip Koepsell * Konzept, Drehbuch und Regie: M.A. Littler * Musik und Darsteller/-innen: Jon Konrad Wert, Scott Biram, Tom VandenAvond, Reverend Davis, Reverend Deadeye, Eliza Jane Smith, Drew Landry, Jim XXX, Cade Callahan, Steve Dean, Steve Schechter, Soda, Jimmy Rocket, u. a. * [teilw. s/w] * [OmU] * 104 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

The Folk Singer
(Bildrechte: Slowboat Films)

„Fuck the devil!“ (Reverend Deadeye)

Synopsis: Slowboat Films, die Frankfurter Produktionsfirma, welche es sich zu ihrem Markenzeichen hat werden lassen, derartige Obskuritäten abseits des musikalischen mainstreams auf Zelluloid zu bannen, dass man nicht mal mehr auf sie stößt, wenn man zufällig auf dessen Nebenarmen schippert, schickte vor zwei Jahren Regisseur und Drehbuchautor M.A. Littler und dessen winziges Filmteam nach Texas und Louisiana, um einem Mann (und seinem gleichfalls über alle Maßen begabtem Freundeskreis) nichts weiter als sein filmisches Denkmal zu setzen: Jon Konrad Wert alias Possessed By Paul James.

Das deutsche Filmteam trifft in ihm auf einen werdenden Vater, dessen schon in seinem Künstlernamen angedeutete Besessenheit, in seinem Fall für US-amerikanische roots music, mit den an ihn gerichteten Forderungen einer konformativen (und gelinde gesagt konservativen) Gesellschaft kollidiert; der aber auch eine Antwort darauf finden muss, wie er es als dem Alkohol nicht gerade abgeneigter hillbilly-Musiker inmitten einer um ihn herum verfallenden Südstaaten-Kulisse aus schäbigen Bars und barbecue grills, fluchtartig verlassenen Eigenheimen und herunter gekommenen Tankstellen schaffen soll, mit seiner so hingebungsvollen wie unkommerziellen Musik Geld für seine in den Wehen liegende Familie zu verdienen.

Rat sucht der an Gott zugleich glaubende und verzweifelnde (Ex?)-Mennonit bei seinen (Musiker-)Freunden, in der Kirche, im Alkohol und in seiner Musik … finden wird er ihn nirgends, „poor wayfaring stranger“ der er ist.

Kritik: Als Kinofilm, so hart muss das Urteil leider ausfallen, scheitert THE FOLK SINGER, zumindest nach herkömmlicher Betrachtung. Musikdokumentationen sind im Grunde ein dankbares Genre, haben die Filmemacher doch immerhin die Möglichkeit, auch mal Nicht-Cinéasten ins örtliche Lichtspielhaus zu locken, wenn der oder die porträtierte Musiker/-in eine stattliche fan-Schar im Laufe seiner oder ihrer Karriere versammelt hat, dass man ihnen auch zweidimensional gerne zuhören möchte.

Man kann sogar Musiker/-innen, die nichts weiter verbindet als ihr Instrument, gemeinsam vor die Kamera stellen und das erfolgreich vermarkten, wenn die Namen der Protagonisten/-innen nur bekannt genug sind, so zuletzt geschehen bei Davis Guggenheims IT MIGHT GET LOUD: Eine sehenswerte Dokumentation, bei der man aber in jeder Sekunde spürt, dass der Regisseur von seinem sujet keinerlei Ahnung hat. Funktioniert dennoch.

M.A. Littler schert sich einen Dreck um diese Konventionen, und diese Halsstarrigkeit wird THE FOLK SINGER im Grunde genommen zum Verhängnis. Ihm reicht es nämlich nicht, eine „schale“ Dokumentation über Possessed By Paul James alias Jon Konrad Wert, Scott H. Biram alias Scott Biram und Reverend Deadeye alias wer-auch-immer zu drehen, dafür sind seine Protagonisten einfach zu schillernde Persönlichkeiten, auch abseits der herunter gekommenen Bühnen, auf denen sie performen. Littler baut daher Spielszenen ein, um die Grenzen zwischen ohnehin schon Fiktion annehmender Realität und Drama bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen – doch diese Koketterie mit dem schwierigen Bastard mockumentary tut THE FOLK SINGER einfach nicht gut.

Irgendwann, und zwar schneller als angesichts ihres selbst in den USA geringen Bekanntheitsgrads gedacht, werden Jon Konrad Wert und seine Freunde als rein dokumentarisch porträtierte Figuren nämlich so eindrucksvoll und übermächtig (und streckenweise zum Brüllen komisch), dass die vage Form, mit der hier nur andeutungsweise dokumentiert wird (vor allem, was die Jungs im Stande sind, zu saufen – Himmel, nochmal!), ihrem hinreißenden Leinwandpotential im Wege steht.

THE FOLK SINGER glaubt leider, die Verweigerung seiner Protagonisten dem US-amerikanischen mainstream gegenüber eins zu eins auf Film bannen zu müssen, dabei hätte es Jon Konrad Wert & Co. besser gestanden, wenn man einen waschechten Dokumentarfilm, von mir aus mit all den sattsam bekannten und hier zum x-ten Male aufgewärmten audiovisuellen Südstaaten-Klischees angereichert, über sie produziert hätte: Denn wer sich nicht und vor allem stante pede und dies auch nur beispielsweise in Scott (H.) Biram verliebt, diesen suizidgefährdeten, übergewichtigen Alkoholiker mit seinem alles versengenden, großartigen Humor, dessen menschliche Wärme allein die Leinwände von Austin, TX bis Münster, NRW in lodernde Riesenfackeln verwandeln kann, der (oder seltener auch die) hat kein Herz. Und wird auch keins transplantiert bekommen.

Das Wunder, das THE FOLK SINGER letztendlich darstellt, speist sich nämlich allein aus den Menschen, die er fokussiert, wobei er dummerweise die Blende ständig unscharf zu stellen vermeinen muss: Jon Konrad Wert, besessen nicht nur von den Dämonen seiner Vorfahren (sein Vater und sein Großvater hießen Paul und James), sondern auch von der gesamten brutalen und ständig glorifizierten Geschichte der US-amerikanischen Südstaaten, die er in seinen, die Leinwand zum Erzittern bringenden live performances, bei denen man sich unweigerlich an Szenen aus DER EXORZIST erinnert fühlt, auslebt, braucht keine mehr oder weniger kunstvoll in den dokumentarischen „plot“ einfließenden Spielfilmszenen: Er, seine Freunde und seine im sechsten Monat schwangere Frau, mit der er einen Liebestanz von solch berückender Anmut zelebriert, dass man(n) heulen könnte, sind Sensation genug.

Sicher, die Bilder, die Kameramann und Co-Produzent Philip Koepsell hier einfängt, sind ebenso berückend schön … bekannt. Und: Sicher, auch die Jahrhunderte alte Musik, der hier gehuldigt wird, ist ebenso schön … und eben uralt und schon lange kein Gassenhauer mehr. Doch die Hingabe, mit der sie hier vorgebracht wird, mit all ihren Begleiterscheinungen, hauptsächlich leider Alkoholismus und (menschlicher, natureller und urbaner) Verfall, ist so rückhaltlos ergreifend, dass man der angestrengt obskuren Machart des Films gerne verzeiht.

THE FOLK SINGER ist dann letzten Endes ebenso rückhaltlos ergreifend. Was hier an schmutzigen Juwelen fernab jeglicher Popkultur – der Begriff „indie“ greift in jedem Fall zu kurz – auf- und freiwillig, sei es aus berechtigter Schüchternheit oder noch berechtigterer Misanthropie wieder untertaucht, … das ist zu kostbar, als dass 104 Minuten dem genügen würden.

Und was bleibt ist in keinem Fall ein Fazit oder ein Schlussstrich, sondern ein in Tränen aufgelöster Jon Konrad Wert, der allein in seinem Motelzimmer mit seinem Banjo und dem traditional „Wayfaring stranger“ zurück bleibt und den man in den Arm nehmen möchte, um vielleicht, irgendwie, Trost zu spenden:

„Nein / Niemand ist allein / Und wir haben die Musik …“ (Tom Liwa)


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