NOKAN – DIE KUNST DES AUSKLANGS

Nokan – Die Kunst des Ausklangs     (Okuribito. Japan, 2008)

Regie: Yojiro Takita. Drehbuch: Kundo Koyama. Kamera: Takeshi Hamada. Produktion: Toshiaki Nakazawa, Ichirô Nobukuni, Toshihisa Watai. Musik: Jô Hisaishi u. a.
Mit: Masahiro Motoki (Daigo Kobayashi), Ryoko Hirosue (Mika Kobayashi), Tsutomu Yamazaki (Ikuei Sasaki), Kazuko Yoshivuki (Tsuyako Yamashita), Kimiko Yo (Yuriko Kamimura), Takashi Sasano (Shokichi Hirata) u. a.
130 Minuten     (7 von 10 Punkten)

Nokan - Die Kunst des Ausklangs
(Bildrechte: Kool Filmdistribution)

Synopsis: Tokio, Gegenwart. Daigo Kobayashi hat gerade einen Vertrag als Profi-Cellist in der Tasche, als das Orchester aufgelöst wird. Er und seine Frau Mika ziehen in den Norden, in die Präfektur Yamagata und in das alte Haus seiner Mutter. Sie ahnen nicht, dass sich hinter einer Stellenanzeige für die Mitarbeit in einem „Reisebüro“ die Anstellung als Bestatter verbirgt. Daigo nimmt den Job an und lernt, in einer Zeremonie Verstorbene in Beisein der Angehörigen für die Sarglegung vorzubereiten. Er findet allmählich Gefallen an der Arbeit, aber Vorbehalte von Frau und Freunden schlagen ihm entgegen.

Kritik: Der Film beginnt mit einem Paukenschlag: Im Konzertsaal wird Beethovens „Ode an die Freude“ wird gespielt, der Chor skandiert lautstark. Im Kopf des Betrachters braust es gewaltig, die Aufmerksamkeit auch des letzten Kino-Hinterbänklers ist geweckt. Indes: Nach dieser pompösen Eröffnung endet der Höhenflug jäh: Die anschließende Ansprache des Orchesterbesitzers vor den Angestellten besteht aus exakt 4 Wörtern: „Das Orchester wird aufgelöst“. Verbeugung, Abgang.

Tragik, Humor und Haltung vereinigen sich in dieser Szene, die beispielhaft für die Grundstimmung von NOKAN ist. Durch den ganzen Film weht eine Melancholie, die aber bei weitem nicht erdrückend ist, sondern würdevoll, friedlich, bisweilen wie aus einer anderen Zeit stammt. NOKAN ist, wie klassische Orchestermusik an sich, von Anfang bis Ende durchkomponiert: Die Metropole Tokio wird rasch gegen die Provinzialität von Yamagata ausgetauscht. Daigo ist ein höflicher, introvertierter Mann, seine junge Frau liebevoll und folgsam. Im Haus der verstorbenen Mutter scheint die Zeit still zu stehen, und auch das Bestattungsinstitut verströmt als Familienbetrieb in beengten Verhältnissen den Hauch vergangener Dekaden. Die Zahl der namentlich Handelnden bleibt übersichtlich, die Interaktionen entwickeln sich in angenehmer Weise und harmonischer Vorhersehbarkeit. Dass Daigos verschwundener Vater dessen Gegenwart überschattet und die Aufklärung seines Schicksals mit zunehmender Filmdauer zum Sub-Plot wird, kann bei kritischer Betrachtung gar als störender Exkurs von der Gutmenschwelt eingestuft werden.

Eine hektische und intellektuell anspruchsvolle Handlung wäre auch zu kontrastreich zum zentralen Hauptaugenmerk des Films: Die Zelebration der Aufbahrung bzw. Sarglegung (= NOKAN wörtlich übersetzt) und die einfühlsame Darstellung der Trauer der Hinterbliebenen. Für das deutsche Publikum, das verstorbene Angehörige bestenfalls im offenen Sarg ein letztes Mal zu Gesicht bekommt, mag die Vorstellung unangenehm sein, bei der Waschung und dem Schminken in den Privatgemächern anwesend zu sein. Die Kunst, die der Okuribito (= sendender, hinaus begleitender Mensch) vollführt, wirkt aber zu keiner Sekunde albern, peinlich oder gar eklig. Als uns, dem Publikum, beim fünften oder sechsten Todesfall Teile der Ablaufes bereits bekannt sind, halten wir trotzdem schweigend inne, um die weihevolle Zeremonie auf der Leinwand nicht zu stören. Auf besonders hässliche oder arg zugerichtete Leichen wird allerdings verzichtet, und mehr als das Gesicht des Toten bekommen wir – wie auch die Angehörigen – nicht zu sehen.

NOKAN unterstreicht in buddhistisch durchdrungener Weise, dass Leben und Tod eine Einheit bilden, das Sterben ein Übergang ist und der Existenz zwingend innewohnt. Neben den Zeremonien wird dies durch lange Autofahrten über einsame Landstraßen deutlich, dem Vergehen der Kirschblüten im Frühling, dem Fluss mit den Lachsen, die zu ihren Laichplätzen ziehen etc. Immer wieder hören wir Daigos Cellomusik, oft ist er konzentriert spielend im Bild. Will man den Film in Wirkung und Aussage genießen, muss man sich auf bisweilen großzügig Aufgetragenes einlassen. NOKAN belohnt dann mit liebenswerten Charakteren, (unfreiwilliger) Komik und einem Meer besinnungsvoller Gelassenheit.


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