MUSIC FROM THE MOON

*** MUSIC FROM THE MOON / MUSIC FROM THE MOON: A SCENIC DOCUMENTARY FILM ABOUT MUSIC IN ICELAND AND GREENLAND * Deutschland 2009 * Grafik: Sven Kils * Kamera und Regie: Carsten Christochowitz, Christian Hund und Uwe Wältring * Musik und Darsteller/-innen: Emilíana Torrini, Benni Hemm Hemm, Sigur Rós, Múm, Eiríkur Orri, Helmus & Dalli, Hildur Ingveldardóttir Gudnadóttir, Dagur Kári, Slowblow, Ole Kristiansen, Naneruaq, Hjörleifur Jónsson, Magdalena Mayas, Jan Terstegen, Ravi Srinivasan, Frances Jane Ball, Mandy Burton, u. a. * [teilw. engl. OmU] * 92 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

Music from the Moon
(Bildrechte: GUCC grafik film)

„The most amazing scene in Iceland is arts and music. It just keeps the city alive. The city would be completely dead without it.“ (Emilíana Torrini)

Synopsis: Im Jahre 2006 brachen die Münsteraner Mediendesigner Carsten Christochowitz, Christian Hund (selber, unter seinem Alter Ego Herr Hund bei „Omaha Records“ unter Vertrag stehender Musiker) und Uwe Wältring, zusammen mit dem multinationalen „Hypno Theatre“, bestehend aus Hjörleifur Jónsson (Leiter / Musiker, Island), Magdalena Mayas (Musikerin, Tschechien), Jan Terstegen (Musiker, Deutschland), Ravi Srinivasan (Musiker, Indien), Frances Jane Ball (Puppenspielerin, England) und Mandy Burton (Puppenspielerin, England) nach Island und Grönland auf, um die dortigen Grundschulen mit ihrem Stück MUSIC FROM THE MOON zu bespielen.

In dessen nordischer Heimat lernten die Filmemacher und das Ensemble, bedingt durch die zahlreichen kulturellen Verbindungen ihres isländisch-künstlerischen Leiters Hjörleifur Jónsson, die dortigen (Indie-)Musikszenen näher kennen, darunter die inzwischen zur nächsten Björk mutierte Emilíana Torrini („Jungle drum“), Islands next big thing Benni Hemm Hemm und Grönlands local heroes Naneruaq und Ole Kristiansen.

Kritik: Irgendwie beruhigend, dass selbst Isländer Eislandschaften noch beeindruckend finden. Hjörleifur Jónsson, Leiter des „Hypno Theatre“, sitzt inmitten der Eisberge von Aasiaat, Grönland und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: „This is amazing …“

Mit diesen pittoresken Einstellungen beginnt und endet dieser SCENIC DOCUMENTARY FILM ABOUT MUSIC IN ICELAND AND GREENLAND – dazwischen hat sich das, was eigentlich bloß ein Werbefilm über das sowohl akustisch wie visuell auf hohem Niveau spielende „Hypno Theatre“ hatte werden sollen, in beeindruckenden Bildern an eben diesem „Amazing …“ abgearbeitet: Dass es eine vitale Musikszene in Island gibt, ist ja hinlänglich nicht erst seit Björk und Sigur Rós bekannt, aber Musik aus diesem weißen Fleck auf der Landkarte, den man trotz seiner Größe irgendwie ständig übersieht? Grönländischer Pop?

Hierin liegt der besondere Reiz von MUSIC FROM THE MOON: Er gewinnt nicht nur der isländischen (Indie-)Musikszene neue Sa/eiten ab, sondern wagt es auch konsequent, sich zur Mitte des Films aus der beschaulichen Geysir-Idylle zu verabschieden und den Fokus auf ausgerechnet Grönland zu legen, dessen Name „Grünland“ angesichts der Klimaerwärmung bald sichtbare Folgen nach sich ziehen dürfte. So zählen dann auch die Begegnungen mit den Protagonisten der grönländischen (Musik-)Kultur zu den audiovisuellen Highlights des Films.

Highlights hat MUSIC FROM THE MOON tatsächlich en masse zu bieten, doch seinen thematischen Fokus weiß er nicht zu fixieren. Unterfüttert von den anfangs noch beeindruckenden, auf Dauer aber ein wenig zu gewollt, wenn nicht gar redundant platzierten Landschaftsaufnahmen der Gletscherlandschaften Islands und Grönlands, changiert MUSIC FROM THE MOON ein wenig zu unentschlossen zwischen dem eigentlichen Thema das Films, nämlich der Tour des „Hypno Theatres“ durch nordische Grundschulen, Insider-Aufnahmen der polaren Popmusik-Szene und „Boah! Urlaub, here we come!“-Stilleben hin und her, ohne dass ein roter Faden wirklich erkennbar wird. Auch ist die zeitweise zelebrierte Nähe zu den Mitgliedern des „Hypno Theatre“ angenehm, aber auch irritierend, weil sie sonst niemals erreicht wird: Dank Hjörleifur Jónsson lernt man Mitglieder von Sigur Rós und Múm kennen, ferner Emilíana Torrini, deren Welthit „Jungle drum“ damals noch gar nicht geschrieben war und den eigentlichen musikalischen Protagonisten des Films, Benni Hemm Hemm (der auch die Weltpremiere im ausverkauften Münsteraner „Cineplex“ musikalisch einleitete), doch die immer wieder eingestreuten Interview-Schnipsel haben leider oftmals zu sehr Smalltalk-Charakter, als dass sie den Porträtierten wirklich Erhellendes entlocken könnten.

Was Grönland allerdings anbelangt, leistet MUSIC FROM THE MOON in jedem Fall Pionierarbeit und trifft dabei auf ein Land, das sich, vor allem Dank des Kulturzentrums „Katuaq“ in der Hauptstadt Nuuk, erst wieder auf seine eigenen Wurzeln zu besinnen beginnt. Wie lebenswichtig die „schönen Künste“ nördlich des Polarkreises sind, wird auch am kleinen Pendant des „Katuaq“ in Ilulissat deutlich: Seitdem man dort die verheerende Kombination aus Arbeitslosigkeit und Alkoholismus vor allem unter den jungen Inuit mit Kultur konfrontiert, ist die Selbstmordrate deutlich gesunken. Trotzdem scheint MUSIC FROM THE MOON das erste Theaterstück zu sein, das dort jemals gastiert hat: Ilulissat verabschiedet sich von der Multikulti-Truppe so applaus- wie offenbar ratlos.

Was die isländische (indie) music scene wiederum anbelangt, muss man aber, trotz der neuen Sa/eiten, der man tatsächlich ersichtlich werden darf, zu dem Schluss kommen, dass der 2005 ebendort produzierte Dokumentarfilm GARGANDI SNILLD / SCREAMING MASTERPIECE, der allerdings auch mit den ganz großen Namen (Björk, Sigur Rós) aufwarten konnte, MUSIC FROM THE MOON diesbezüglich den Rang abläuft. Worauf man wiederum einwenden muss, dass dieser Vergleich schlichtweg unfair ist, denn schließlich sollte das hier bloß ein Werbevideo in Kurzfilmlänge werden.

Und was dabei endlich heraus kam, ist sehenswert. MUSIC FROM THE MOON, so unausgegoren er auch sein mag, braucht einen Verleih. Er hat ihn verdient.

Und als Gesprächsthema für globetrottende Indie Rocker, die des Films hoffentlich nicht nur im arte-Spätprogramm in allzu ferner Zukunft ersichtlich werden, reicht er ohnehin allemal:

„Hast Du diesen Film gesehen?“
„Jupp. Gitarre ist gepackt, Tickets sind gebucht, Dackel hat Schlittenhundtraining absolviert. Aasiaat, here we come!“


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