DURST

Durst      (Bakjwi/Thirst, Südkorea, USA, 2009)

Regie: Park Chan-wook. Drehbuch: Park Chan-wook u. Chung Seo-kyung, inspiriert von Émile Zolas „Therese Raquin“. Kamera: Chung Chung-hoon, Musik: Jo Yeong-uk, Produzenten: Park Chan-wook u. Ahn So-hyun
Mit: Song Kang-ho (Sang-hyun), Kim Ok-vin (Tae-ju), Kim Hae-sook (Madame Ra), Shin-Ha-kyun (Kang-woo), Park In-hwan (Noh), Song Young-chang (Seung-dae) u. a.
133 Minuten      (5 von 10 Punkten)

Durst
(Bildrechte: MFA+ Filmdistribution)

Synopsis: Südkorea, Gegenwart. Der junge Priester Sang-hyun, nach einer Blutübertragung mit einem tödlichen Virus infiziert, überlebt auf Kosten der Mutation zum Vampir. Als Seelsorger im Hospital heilt er den krebskranken Kang-woo und beginnt eine obsessive Beziehung mit dessen Frau Tae-ju. Schließlich ertränken sie ihn. Sang-hyun macht Tae-ju zum Vampir. Er, der seinen Blutdurst bislang ohne zu töten stillen konnte, gerät bald in Konflikt mit seiner Partnerin, die auch vor Mord nicht zurückschreckt.

Kritik: Bereits zwei Tage sind vergangen, seit ich dieses bizarre Machwerk als Preview auf dem Filmfestival Münster 2009 gesehen habe, aber eine klare Vorstellung zur Formulierung einer wie-auch-immer gearteten Kritik will sich in meinem Kopf nicht einstellen. Mag die Inhaltsangabe auf eine nachvollziehbare Handlung unter Einbeziehung des Vampir-Mythos schließen lassen, so liegen die Herausforderung und der Reiz des Films aber im Detail und in der besonderen Darreichungsform, mit denen sich der unbedarfte Zuschauer konfrontiert sieht. Der Mainstream-Kinogänger hat in DURST kaum etwas verloren.

Ganz fraglos entfaltet sich ihm ein diffuses und manchmal schockierendes Treiben, dessen Fortgang ebenso wenig vorhersehbar ist wie das Ende des Films. Zeitlich in der Gegenwart spielend, lässt sich der Stoff prinzipiell in jedes beliebige Jahrhundert transferieren. Oft wirken die kammerspielartigen Szenen gar, als seien sie einer anderen Zeit entsprungen, so sorgsam sind die Dekors ausgesucht und in z. T. langen Einstellungen eingefangen. Aus der Enge des Tuchladens, der benachbarten Räume sowie der Klinik, die ein undefinierbar bedrohliches Unwohlsein vermitteln, geleitet uns die Kamera in der nächsten Szene hinaus in nächtliche Straßenzüge und zu schwerelosen Verfolgungsjagden von Dach zu Dach. Die wenigen namentlich erscheinenden Personen abseits der Protagonisten werden, kaum fragmentarisch eingeführt, wieder abserviert. Sicher ist in DURST nur die Unsicherheit.

Vom klassischen „gothical“ Vampirbild ist nur mehr die Furcht vor dem Sonnen-/Tageslicht übrig geblieben. Sang-hyun selbst hat ein Kruzifix in seiner Kemenate hängen, die Furcht vor Wasser ist ihm fremd. Sein Gewissen macht ihm zum „Vegetarier“, der seinen Nahrungsbedarf deckt, ohne dass Menschen nachhaltig zu Schaden kommen. Als tragischer Held wandelt er durch die Geschichte, bleibt bewundernswert seinen edlen Motiven treu, operiert aber über die gesamte Spielzeit hinweg mit kaum mehr als einen Gesichtsausdruck. Den optischen wie ausdrucksstarken Gegenpart liefert Kim Ok-vin als Tae-ju, die die Bandbreite von sensitiv, berechnend und aggressiv ausspielen kann.

Über weite Strecken und besonders zu Beginn des Films wartet DURST mit matten, gräulichen Farben auf, in der nur das Rot von Wunden und Blut als dominanter Ton förmlich ins Auge springt. Musikalisch wird häufig mit dramatischer Untermalung gearbeitet, Bach und traditionelle koreanische Musik vereint. Sogar das Saugen oder Spritzen von Blut wird lautstark gegenüber Nachbargeräuschen hervorgehoben. Die Nacht als überwiegende Handlungszeit tut ein Übriges, um eine unangenehme Atmosphäre zu schaffen. Einerseits ist sie natürlicherweise die Arbeitsschicht der Blutsauger, andererseits transportiert sie die innere Bedrücktheit in Sang-hyun: Seine Existenz beruht auf dem Fluch, ein Vampir zu sein, und sein Wirken will zwei Extreme verbinden, die unvereinbar sind: Das eigene Überleben sichern und kein Sterben von Menschen dadurch zu verursachen.

Bildgewalt tritt während des Filmes immer wieder sporadisch und besonders in der Endszenerie unter gleißender Sonne hervor. Aber auch im Detaillabyrinth der Wohnräume und Krankenzimmer beweist Park Chan-wook Gespür für Optik und Stil. Seine Ambition, dem Vampir-Genre neue Impulse zu verleihen, verläuft sich allerdings in einem Übermaß an Ideen, die zu Lasten einer spannenden Erzählstruktur gehen. Somit ist DURST eigentlich nur für Fans des Kultregisseurs zu empfehlen.


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