DISTRICT 9

District 9      (Neuseeland, USA, 2009)

Regie: Neill Blomkamp. Drehbuch: Neill Blomkamp u. Terri Tatchell. Kamera. Trent Opaloch. Musik: Clinton Shorter. Produzent: Peter Jackson
Mit: Sharlto Copley (Wikus Van De Merwe), Jason Cope (Bradham), Louis Minnaar (Piet Smit), William Allen Young (Dirk Michaels), Vanessa Haywood (Tania Van De Merwe), David James (Koobus Venter) u. a.
112 Minuten      (5 von 10 Punkten)

Synopsis: Johannesburg, Gegenwart. Seit dem Jahre 1981 schwebt ein defektes Raumschiff über der Stadt. Über 1,5 Millionen Aliens vegetieren im abgeriegelten District 9 innerhalb der Stadtgrenzen. Um sich der leidigen, weil integrier-resistenten Gäste zu entledigen, wird die Privatfirma „Multi-National United“ (MNU) mit der Umsiedlung der „Shrimps“ beauftragt. Insgeheim forscht MNU auch und bislang erfolglos an der Nutzbarmachung extraterrestrischer Waffentechnik. Das ändert sich, als der naive Leiter der Deportation, Wikus Van de Merwe, sich mit einem Alien-Virus infiziert und zum Schlüssel für die Anwendung der Waffen durch Menschenhand wird.

Kritik: Wirklich gelungen an DISTRICT 9 ist zweifellos das Filmplakat: Das unheimliche, riesige Raumschiff, das schwerelos über der elenden Hüttensiedlung schwebt. Der Vordergrund zeigt ein Warnschild mit einem Außerirdischen: No Humans Allowed. Wenn das keine Einladung ist?! Im ersten Drittel besticht der Film zudem mit mutigen Ideen im arg abgenutzten Sciencefiction-Genre. Schon der Ansatz ist beeindruckend, Aliens nicht als Bedrohung darzustellen, sondern als Gestrandete, mit denen wohl oder übel zusammenzuleben ist. Auf der sozialen Entwicklungsleiter sind sie irgendwo zwischen Tier und Mensch einzuordnen. Um ja keine zu frühe Fraternisierung mit der Spezies zu forcieren, werden ihr Äußeres und ihre Fressgewohnheiten als ausnehmend abstoßend gestaltet. Mitleid erregende Massenszenen der Deportation? Fehlanzeige. Die Aliens bleiben lange Zeit anonyme Verfügungsmasse, die man je nach Wetterlage und politischen Interessen vegetieren lässt.

Nach 28 Jahren fruchtlosen Jahren des Nebeneinanderlebens stellt sich Johannesburg – stellvertretend für die Menschheit – nun die Frage: Was tun mir den Aasfressern? Darf man sie als Lebewesen zweiter oder dritter Klasse abstempeln und nach Belieben behandeln? Pikant, dass gerade Südafrika als Handlungsort gewählt wird. Bei den gegenwärtigen Folgen des Neoliberalismus höchstaktuell: Ist es zulässig, einer Privatfirma die Drecksarbeit zu überlassen? Deren offenes Geheimnis es ist, dass sie neben der Auftragsbefolgung auch kommerziellen Nutzen durch die Forschung an Aliens betreibt? Für einen Sciencefiction-Film beinhaltet DISTRICT 9 jede Menge gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Jenes Selbstverständnis wird noch unterstrichen durch die pseudodokumentarische Art der Darstellung, in dem die Situation vor der Umsiedlung durch Interviews mit Experten und Beteiligten beschrieben und beurteilt und die Maßnahme selbst in Form des „Embedded Journalism“ an der Seite von Wikus Van De Merwe verfolgt wird.

An der Figur des Wikus werden sich die Geister scheiden, und leider steht und fällt mir ihr der ganze Film. Ich konnte mich nur kurz der Komik erfreuen, die die Einsetzung des Strohmannes als Leiter der Operation mit sich bringt. Bald ist sein Dilettantismus eine Nervenbelastung, die in doppelter Weise im Laufe der Zeit zunimmt. Einerseits verliert DISTRICT 9 die aufgeworfenen grundlegenden Fragen völlig aus den Augen, ohne auch nur ansatzweise eine Antwort geliefert zu haben. Andererseits mutiert die bestenfalls tragische Hauptperson aus der Anfangshalbenstunde mit zunehmender Dauer zum Superhelden, der als alleiniger Retter eine riesige Materialschlacht anzettelt und leider natürlich auch erfolgreich beendet. Parallel zur unglaubwürdigen Wandlung des Wikus verlieren die dann eingeblendeten Statements der Experten an Wert, weil ihr nach-wie-voriges Buhlen um Ernstnahme diametral dem entgegensteht, was in Wildwestmanier auf der Leinwand abging.

Niemand verlangt, dass ein auf kommerziellen Erfolg ausgerichteter Film (und vor allem einer aus dem Sci-Fi-Genre) auf alles eine schlüssige Antwort gibt, was er an brisanten Fragen aufwirft. Aber bei DISTRICT 9 ist die Diskrepanz zwischen brillanter Ausgangslage und jähem Absturz in altbekanntes Fahrwasser so dermaßen eklatant, dass dem Betrachter angesichts der vertanen Möglichkeiten die Zornesröte ins Gesicht schießt.


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