ANTICHRIST

*** ANTICHRIST / LARS VON TRIERS ANTICHRIST * Dänemark / Deutschland / Frankreich / Italien / Polen / Schweden 2009 * Musik: Georg Friedrich Händel, Lars von Trier & Kristian Eidnes * Drehbuch und Regie: Lars von Trier * Darsteller/-innen: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg * [teilw. s/w] * 104 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Antichrist
(Bildrechte: MFA+ Filmdistribution)

„Die Natur ist Satans Kirche!“ (Sie)

„Lass mich weinen über mein grausames Schicksal und lass mich für Freiheit seufzen. Möge der Kummer brechen die Fesseln meiner Qual, wenn auch nur um des Mitleids Willen.“ (Georg Friedrich Händel)

„I will lay down my bones among the rocks and roots of the deepest hollow next to the streambed. The quiet hum of the earth’s dreaming is my new song. When I awake, the world will be born anew.“ (Wolves in the Throne Room)

Synopsis: Er (Willem Dafoe) und Sie (die hinreißende Charlotte Gainsbourg, völlig zurecht für ihre Rolle als beste Darstellerin mit der Silbernen Palme in Cannes prämiert) ficken leidenschaftlich in der Dusche, während ihr kleiner Sohn sich aus seinem Laufstall schleicht, den kopulierenden Eltern kurz beim Geschlechtsakt zusieht, das Fenster öffnet … und in seinen viel zu frühen Tod stürzt.

Von Schuldgefühlen überwältigt, machen sich die trauernden Eltern auf in ihre einsame Waldhütte namens „Eden“, damit Er (der rationale Psychiater), Sie (die dem Wahnsinn nahe Ehefrau und Ex-Mutter) dort in aller Ruhe therapieren kann. (Der Film gibt vor, in den Wäldern von Washington State nahe Seattle zu spielen, wurde aber in der Gegend von Köln gedreht.)

Das Therapie-Experiment wird, um es einmal vorsichtig auszudrücken, kolossal schief gehen. Hin und her gerissen zwischen gewalttätigem Sex, gegenseitiger emotionaler Zerfleischung und wachsendem zwischenmenschlichen Hass endet die Ehe von Ihm und Ihr in einem Blutrausch, an dessen Ende ein Scheiterhaufen wartet …

(Versuch einer) Kritik: Nein, das hier ist nun wahrlich nicht Lars von Triers Meisterwerk geworden. Aber all die fast Hass-erfüllte Negativpropaganda im Vorfeld hat ANTICHRIST nun auch nicht verdient. So verlieh die ökumenische Jury des diesjährigen Cannes-Filmfestivals, die normalerweise Preise für besonders humanistische Filme vergibt, Lars von Triers auf hohem Niveau gescheiterten, aber zweifelsohne mutigen Autotherapie-Versuch, dezidiert einen Anti-Preis. Wegen angeblicher Misognynie – ein Vorwurf, der irgendwie ständig fällt, wenn es um die Filme des offensichtlich tatsächlich wahnsinnigen Dänen geht.

Um es kurz zu machen: Wer ANTICHRIST und seinem Regisseur Frauenfeindlichkeit vorwirft, macht es sich zu einfach und übersetzt die gelinde gesagt schockierenden Bilder, die in einer Klitoris-Beschneidung in Großaufnahme gipfeln, einfach eins zu eins: Mann ist rational. Das ist gut. Frau ist komplett wahnsinnig und mit dem Satan im Bunde. Nicht so toll. Ab auf den Scheiterhaufen mit ihr! – Bitte, wer sich das Denken selbst verbieten möchte, übernehme doch einfach diese nahe liegende Interpretation und verübe Farbbeutel-Attacken auf Kinoleinwände und trinke ökologisch angebauten Champagner auf die menschliche Vernunft, die sich ja seit Jahrtausenden so herrlich bewährt.

Die anderen, die sich am besten in den Niederungen des orgiastisch-gewaltverherrlichenden Horrorfilms auskennen sollten (ANTICHRIST ist Andrei Tarkovski gewidmet, Lucio Fulci hätte besser gepasst), sollten die cinéastische Mutprobe namens ANTICHRIST zumindest versuchen auszuhalten, auch wenn es geradezu grotesk schwer wird: Solch übertriebene Gewaltdarstellungen hat es meines Wissens im mainstream-Kino noch nie gegeben.

Dann käme man nämlich vielleicht auf ganz andere Gedanken, so zum Beispiel den, dass das Furchtbarste an ANTICHRIST das Therapeuten-Gewäsch von Ihm (Willem Dafoe) darstellt, ständig darauf bedacht, die menschliche (!nicht: die weibliche!) Natur in rationale Schranken zu weisen: Hat sich der schwer depressive Regisseur vielleicht einfach nur auf möglichst drastische Art und Weise an seinem geschwätzigen Psychiater rächen wollen?

Descartes / Therapeut / Er: „Ich denke, also bin ich!“
Von Trier / Sie : „Ich denke, ich bin wahnsinnig. Und das ist auch gut so!“

Wenn man sich den damals noch sardonisch grinsenden und nicht Trauerflor tragenden Lars von Trier im Abspann einer jeden Folge seiner Krankenhaus-Horrorgroteske GEISTER vor Augen führt, könnte das sogar hin hauen: Eine seltsame Art von Humor war dem Dänen ja schon immer zu eigen.

Und während Philosophen und Theologen sich hoffentlich die Köpfe heiß reden werden, über den tieferen Sinn dieses im positiven Sinne abgrundtiefen Streifens, könnte so ganz nebenbei (nämlich während sich das mainstream-Publikum vor Ekel gar nicht mehr einkriegen kann) ANTICHRIST zum Kultfilm für Horrorfilm-afficionados und leidenschaftliche Black Metal-Hörer (allein schon wegen der impliziten Gleichsetzung von Natur und Satan, im Film dargestellt durch morbid-ästhetische Zersetzungsprozesse von Flora und Fauna) werden:

Lars von Trier hätte vielleicht eh besser das Fantasy Filmfest als die Croisette zur Premiere angesteuert.

Und Wolves In the Throne Room hätten als Musikuntermalung für Pro- und Epilog auch besser gepasst als ausgerechnet Georg Friedrich Händel, der alte Katholenkirchenkomponist.

Denn, auch das ist so verstörend an ANTICHRIST: Gott ist hier nicht nur nicht am Werk, sondern glänzt durch völlige Abwesenheit. Niemals hätte ein gläubiger Katholik, der Lars von Trier ja angeblich sein soll, solch eine Ausgeburt an menschenverachtendem (!nicht: frauenverachtendem!) Nihilismus erschaffen können.

Und zumindest das scheint die ökumenische Jury von Cannes ja auch verstanden zu haben.

P.S.: Da offenbar viele von Euch da draußen an Georg Friedrich Händels Filmmusik interessiert sind … es handelt sich dabei um die Arie „Lascia ch’io pianga“ aus seiner Oper „Rinaldo“ (Gefunden via www.kultur-online.net). Die Fassung für ANTICHRIST hat Tuva Semmingsen eingesungen (download / youtube).


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