THE LIMITS OF CONTROL

*** THE LIMITS OF CONTROL * Japan / Spanien / USA 2009 * Musik: Boris, Sunn O))), Earth, Bad Rabbit, LCD Soundsystem, The Black Angels, Franz Schubert, u. a. * Kamera: Christopher Doyle * Drehbuch und Regie: Jim Jarmusch * Darsteller/-innen: Isaach de Bankolé, Alex Descas, Jean-Francois Stévenin, Luis Tosar, Paz de la Huerta, Tilda Swinton, Youki Kudoh, John Hurt, Gael García Bernal, Hiam Abbass, Bill Murray, u. a. * [OmU] * 116 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

The Limits of Control
(Bildrechte: Tobis)

„Sometimes I like films where people just sit there, not saying anything.“ (Blonde (Tilda Swinton))

„And sometimes I simply don’t.“ (Blond (Der Autor))

Synopsis: Ein namenlos bleibender Mann (Isaach de Bankolé) in einem eleganten, bläulich schimmernden Anzug, trifft auf einem Flughafen auf zwei ebenso namenlos bleibende, zwielichtige Gestalten (Alex Descas und Jean-Francois Stévenin), die ihm eine Streichholzschachtel überreichen, in der ein Zettel mit einem Chiffrencode steckt. Ferner erhält er einen Schlüsselbund.

Sein Flug führt den „Lone Man“ nach Spanien, zunächst in die Hauptstadt Madrid, wo er in einem Straßencafé erneut einen namenlos bleibenden Zwielichtigen (Luis Tosar) trifft, mit dem er Streichholzschachteln austauscht und einen neuen Chiffrencode erhält. (Den alten hat er mit zwei Espressi – in zwei Tassen, kein doppelter – herunter gespült).

In seinem Hotelzimmer trifft er auf eine namenlos bleibende Nackte (Paz de la Huerta hat während des gesamten endlosen Films zur Freude des Zuschauers nichts anzuziehen außer einer „Ich bin Jean-Luc Godard!“-Hornbrille), die ihm eine Streichholzsch… (Gähn.)

(…)

Und am Ende des Films ist Dick Cheney tot. (Und THE LIMITS OF CONTROL wird ein blóquèbústèr in Frankreich).

Ja, das wäre jetzt so in etwa die Synopsis, kicher.

Kritik: THE LIMITS OF CONTROL hat meine limits of Geduldsfaden derart (über-)strapaziert, dass ich jetzt böse bin. Böse auf meinen Lieblingsregisseur, der hier sein möglicherweise schwächstes Werk seit seinem unausgegorenen, aber wenigstens sympathischen Erstling PERMANENT VACATION (1980) abgeliefert hat.

Doch der Reihe nach …

Wie auch schon Woody Allen in seinem jüngsten Meisterwerk VICKY CRISTINA BARCELONA verfällt Jarmusch der Sonne (und den Gitarren, und den Frauen) Spaniens. Und mit ihm Wong Kar Wais Linsenmann Christopher Doyle hinter der Kamera: Was dieses Genie hier mal wieder mit dem Format 35mm anstellt, ist ein Augenschmaus für Cinéasten. Bewundern Doyle und Jarmusch zunächst noch die Madrider (Architektur-)Sehenswürdigkeiten mit einem fast schon touristisch anmutenden Blick, verwandelt sich die iberische Halbinsel IM LAUF DER ZEIT und je näher der namenlose, sich bald als Auftragskiller entpuppende „Lone Man“ seinem mörderischen Ziel kommt, in eine surreale Mars(-mond-)landschaft, zu real, um wahr zu sein. Weil: Zu schön.

Ja, Jim Jarmusch hat mit THE LIMITS OF CONTROL einen hochästhetischen (-ätherischen?), wunderschönen arthouse film geschaffen und hat somit sein Ziel (leider) erreicht: Er ist endlich im europäischen Kunstkino-Olymp angekommen … und langweilt sich dort mit Bertolucci, Godard, Wenders & Co. zu Tode.

Denn das, was Jarmusch immer ausgemacht hat, nämlich die kunstvolle Benutzung des Atlantiks als Spiegelfläche und das erfolgreiche Über-Setzen europäischer Kinotradition in die Weiten des von Hollywood-Kitsch durchseuchten Cinema Americana (besonders gelungen in DEAD MAN und DOWN BY LAW), kommt mit dem geographischen Sprung über den großen Teich urplötzlich zum wenig befriedigenden Stillstand.

Ein kleiner, möglicherweise gar allzu logischer Schritt für Jarmusch, aber leider kein großer für das Publikum. Zwar kann man dem allzeit weißhaarigen und sonnenbebrillten Regisseur, den den coolen Popkultur-afficionado auch hier wieder mit einem hinreißenden soundtrack (der doom / drone bands Boris, Sunn O))) und Earth) raus hängen lässt, zugestehen, dass THE LIMITS OF CONTROL ein Film ist, der einfach gemacht werden musste, weil die Wut auf den jeglichen Humanismus erstickenden Kontrollwahn der Bush-Cheney-Regierung das Einzige ist, was THE LIMITS OF CONTROL körperlich (er-)spürbar werden lässt.

Aber was am Ende dabei heraus kommt, ist die erschreckende Feststellung, dass Jarmusch nicht etwa an der spanischen Grippe erkrankt ist, sondern an der gefürchteten, bislang nur bei europäischen Filmemachern, die zwar in ihren besten Jahren sind, aber selbige eben auch schon gesehen haben, bekannten Krankheit WimWenderseritis leidet:

Allegorische Figuren, dargestellt von einem internationalen star ensemble (Bill Murray, Tilda Swinton, John Hurt, Gael García Bernal, etc. pp.), versuchen ein Nichts von einem Drehbuch mit allegorischen, schlimmstenfalls allerdings esoterisch klingenden, Sätzen aufzuladen; das Ganze wird von einem renommierten Kameramann (Christopher Doyle) exquisit bebildert, und der soundtrack ist natürlich fantastisch, will sich aber partout nicht ins Gesamtkonstrukt einfügen, sondern dröhnt (besser: droned) für sich vor sich hin. (Und: Der cutter ist ein Feigling. Endlose 116 Minuten zieht sich dieses so schwer verständliche, wie schwer verdauliche Machwerk, und das bei einem plot, den man in fünf Minuten hätte abhandeln können, bloß hätte man(n) dann Paz de la Huertas Nacktszenen … okay, doch kein Feigling.)

Klargestellt werden muss aber auch, dass THE LIMITS OF CONTROL, mag er auch der schwächste Jarmusch seit drei Jahrzehnten sein, deswegen beileibe kein schlechter Film ist. Interessanterweise ist es ausgerechnet die sonst bei Jarmusch immer ausbleibende Pointe, die den Streifen letztendlich (fast) rettet: Der elegant ausgeführte finale Mord am kulturlosen US-amerikanischen Angst-Fabrikateur, den Bill Murray nur schlecht kaschiert als Dick Cheney dastehen lässt. (Und der seine spanischen Adjutanten demütigt.)

Geradezu rührend outet sich Jarmusch hier als Repräsentant und wütender Verteidiger des Lebens und der damit inhärenten Schönheit der bohème (nicht umsonst wird Aki Kaurismäkis LA VIE DE BOHÈME explizit gehuldigt) – warum diese glühende Liebe zu Europa, Flamenco, krachenden Gitarren, weiblichen Kurven und Franz Schubert allerdings so hüftsteif (auch in Person des mimisch völlig unterforderten Isaach de Bankolé, der so herrlich witzig (GHOST DOG) sein kann) daher kommt …

(ein) Fragezeichen (das Trauerflor trägt).


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