GRAN TORINO

Gran Torino      (Australien, Deutschland, USA, 2008)

Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: Nick Schenk und David Johannson. Kamera: Tom Stern. Musik: Kyle Eastwood und Michael Stevens. Produzenten: Clint Eastwood, Robert Lorenz, Bill Gerber
Mit: Clint Eastwood (Walt Kowalski), Bee Vang (Thao Lor), Ahney Her (Sue Lor), Christopher Carley (Father Janovich), John Carroll Lynch (Martin, der Frisör), Brian Haley (Mitch Kowalski), Geraldine Hughes (Karen Kowalski), William Hill (Tim Kennedy) u. v. a.
116 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Synopsis: Detroit, Gegenwart. Nach dem Tod seiner Frau ist mit Korea-Kriegsveteran und Ex-Autobauer Walt Kowalski nicht mehr gut Kirschen essen. Besonders die neuen asiatischen Nachbarn Lor wecken durch ihre bloße Gegenwart seinen Argwohn. Als er deren Sohn Thao notgedrungen vor der Misshandlung durch eine Jugend-Gang rettet, überschütten ihn die Lors mit Dankbarkeit, was seine harte Schale bröckeln lässt. Allerdings sinnt die düpierte Gang auf Rache für die Schmach.

Kritik: Auf dem Plakat mit Flinte vor dem wertvollen Ford Gran Torino, im Film Dosenbier trinkend auf der Veranda: Clint Eastwood alias Walt Kowalski alias das Abbild des pensionierten Dirty Harry, der Zeit seines Lebens seine verdammte Pflicht getan hat und nun missmutig auf die sich gewandelte Welt blickt. Kowalski steht für die alten USA, in dem die Leistung des einzelnen noch gezählt hat, wo man mit Beharrlichkeit und Fleiß von kleinen Anfängen an zu einem bescheidenen Auskommen gelangen konnte und wusste, wo man hingehörte.

Wir möchten ihm in diesen Tagen allzu gerne glauben, dass früher alles besser war und der einzelne überschauen und beeinflussen konnte, was um ihn herum passierte. Zumal Walt Kowalski wie ein Monolith die Szene beherrscht und mit Würde und Beharrlichkeit an seinen Werten festhält. Er ist einfach eine Institution, der Herr Eastwood, und die Figuren seines Spätwerkes verbergen hinter der harten Schale nicht nur einen weichen Kern, sondern auch die Weisheit und Erfahrung des Alters.

Wir nehmen auch großzügig in Kauf, dass Kowalski zum Thema Integration von ethnischen Minderheiten bzw. US-Bürgern mit Migrationshintergrund nur vorurteilsgeschwängerte Statements und Schimpfwörter übrig hat. Erstens zieht der Film einen großen Teil seiner Komik aus dergleichen Auftritten des Griesgrams, zweitens möchte man sich dem Urteil z. B. über seine überzeichnete Familie gerne anschließen, und drittens wissen die Beschimpften ohnehin (wenn es seine Kumpel sind) oder im Laufe der Zeit (die asiatischen Nachbarn), wie sie Kowalski zu nehmen haben. Dass er zähneknirschend eingestehen muss, der beharrlichen asiatischen Freundlichkeit immer mehr zu erliegen, trägt nicht unwesentlich zur überwiegenden Leichtigkeit des Films bei, der an vielen Stellen fast Sitcom-Charakter hat. Bildlich passend dazu verzichtet Eastwood auf große Kamerafahrten, das Handlungsgeschehen entfernt sich kaum von den beiden Nachbargrundstücken und die Protagonisten werden auf Augenhöhe beleuchtet.

GRAN TORINO ist ein versöhnlicher Film mit humanistischer Note, der die Werte Toleranz, Glück des einzelnen Menschen und Nächstenliebe transportiert. Auf die Obrigkeit braucht man nicht zu hoffen, und auch die Institution Kirche bekommt (wie auch schon in MILLION DOLLAR BABY) einige Seitenhiebe ab. Was die humanistische Qualität „Gewaltfreiheit“ betrifft, fühlen wir uns allerdings bisweilen an alte Dirty Harry-Zeiten erinnert. Das dürfte einerseits eine späte Hommage an Eastwoods stilbildende Paraderolle sein, trifft andererseits gewiss auch die Erwartungen des Publikums. Lange Zeit scheint die Hmong-Gang auch ein Teil der persiflierten Gruppen zu sein, die Kowalski so genüsslich verspottet. Da Bandenkriminalität aber ein realer Bestandteil des Lebens in Detroit ist und als Element den Fortgang der Story überhaupt ermöglicht, musste Eastwood bei den Szenen letztlich eine härtere Gangart an den Tag legen. Der düstere Schluss katapultiert uns dann wieder in seine frühe 70er-Jahre-Schaffenszeit, als Männer Dinge heldenhaft selbst zu Ende brachten.

Wenn man so will, haben wir es alles in allem mit einer bunten Mischung aus Charakterstudie, Tragikomödie, (quasi) Vater-Sohn-Beziehung, Gesellschaftskritik, Bewältigung von Kriegstraumata, dem Altwerden und der Propagierung von guten Werten zu tun. Eastwood ist nach wie vor ein Regisseur, der getrost mehrere Eisen auf der großen Leinwand zu schmieden vermag. Auch wenn bei GRAN TORINO eine gewisse Altersmilde nicht zu übersehen ist.


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