DER KNOCHENMANN

*** DER KNOCHENMANN / THE BONE MAN * Österreich 2008 * Musik: Sofa Surfers, Lali Puna, Nazareth, Opus, Spider Murphy Gang, u. a. * Drehbuch: Wolf Haas, Josef Hader, und Wolfgang Murnberger, nach dem gleichnamigen Roman von Wolf Haas * Regie: Wolfgang Murnberger * Darsteller/-innen: Josef Hader, Josef Bierbichler, Birgit Minichmayr, Christoph Luser, Simon Schwarz, Dorka Gryllus, Pia Hierzegger, Stipe Erceg, Ivan Shvedoff, Edita Malovcic, u. a. * [teilw. russ. OmU] * 120 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Der Knochenmann
(Bildrechte: Majestic Filmverleih)

„Wir garantieren, dass während der Dreharbeiten keine Tiere verletzt, keine Menschen oder Tiere getötet und keine Menschen gegessen wurden.“ (aus dem Abspann)

Synopsis: Jetzt ist schon wieder was passiert …: Ex-Polizist und Ex-Privatdetektiv Simon Brenner (Josef Hader in seiner Paraderolle) wird von Kumpel Berti (Simon Schwarz), inzwischen sein Vorgesetzter bei einer Autoleasing-Firma, beauftragt, einen Kunden namens Horvath in der niederösterreichischen Provinz aufzuspüren, der seinen Wagen nicht fristgerecht zurück gebracht hat.

Der Brenner findet den Wagen, der sogleich wieder wie von Geisterhand gelenkt vom Parkplatz des für seine Brathähnchen berühmten Wirtshauses Löschenkohl verschwindet. Was dem Brenner allerdings bald egal ist, als er Birgit (gerade mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet: Birgit Minichmayr) die Schwiegertochter des grantigen Patriarchen Löschenkohl (Josef Bierbichler) kennen und lieben lernt, dessen gewalttätige Streitigkeiten mit seinem missratenen Sohn Pauli (Christoph Luser) ein düsteres Licht auf das nach außen hin perfekte Familienunternehmen werfen.

Und wäre der Brenner nicht über beide Ohren verliebt, es wäre ihm möglicherweise früher aufgefallen, dass in der niederösterreichischen Provinz nicht nur geleaste Autos verschwinden, sondern auch Menschen. Und dass er sein Fremdenzimmer in einem wahren Horrorhaus bezogen hat, in dem einem auch schon mal Gulasch serviert wird, das, so zart es auch schmecken mag, gar nicht von einem Tier stammt …

Kritik: Als Filmtitel klingt DER KNOCHENMANN einfach ein bisschen eleganter als DAS NIEDERÖSTERREICHISCHE FLEISCHWOLFMASSAKER, rein deskriptiv gesehen beschreibt Letzteres das unfassbare Geschehen in dieser dritten Verfilmung der Brenner-Krimis von Österreichs Erfolgsautor Wolf Haas allerdings besser und trifft den Nagel auf dem Kopf, respektive den Finger an der Wurzel, denn um Finger geht es bestürzend oft in dieser Krimigroteske, deren Untiefen man nur ausloten sollte, wenn man einerseits einen starken Magen mitbringt, andererseits vegetarischen Gerichten nicht unbedingt abgeneigt ist und als Cinéast mit dem TEXAS CHAINSAW MASSACRE (dem Original aus dem Jahre 1974) vertraut ist. (Während das trendige Wörtchen finger food zum persönlichen Unwort des Jahres gerät; aber das nur nebenbei.)

Denn auch wenn im KNOCHENMANN die Liebe in Form der feschen Wirtshausbedienung Birgit Einzug ins wenig erfreuliche Leben des leidenschaftlichen Misanthropen Simon Brenner Einzug hält … das Triumvirat aus Hauptdarsteller und Star-Kabarettist Josef Hader, Romanvorlagenautor Wolf Haas und Regisseur Wolfgang Murnberger, wobei man die Wiener Avantgarde-Elektroniker von den Sofa Surfers nicht vergessen darf, die ebenfalls zum dritten Mal für den soundtrack mit ins Boot geholt wurden, bleibt seiner bereits in den Vorgängerverfilmungen KOMM, SÜSSER TOD (2000) und SILENTIUM (2004) erfolgreich erprobten Mischung aus lakonisch-schwarzem Humor und grotesk überzeichneten und bei schwachen Gemütern mit ziemlicher Sicherheit Brechreiz erzeugenden Gewaltszenen treu.

Trotz einiger Längen gelingt diese bereits bewährte Wiener Melange erneut, vor allem auch weil sie diesmal vor der beschaulichen Kulisse der niederösterreichischen Provinz verköstigt wird, mit einigen Abstechern ins benachbarte slowakische Bratislava allerdings, dessen finsteres Rotlichtmilieu angesichts der bis zum Kannibalismus und darüber hinaus stattfindenden Grausamkeiten im EU-Vorzeigestaat Österreich alsbald wie von Disney illuminiert wirkt: DER KNOCHENMANN bringt ohne großen Substanzverlust das Kunststück fertig, eben jenen aus US-amerikanischen Schockern berühmt-berüchtigten blutrünstigen Hinterwäldler-Horror in die beschauliche Ländlichkeit des Alpenstaates zu transferieren, wobei man allerdings ohne Kettensägenmörder (TEXAS CHAINSAW MASSACRE) und genetisch degenerierte Mutanten (WRONG TURN, West Virginia) auskommt. Ein einfacher Fleischwolf im Keller eines schmucken Wirtshauses tut es auch.

Und dann auch wieder nicht, denn, wie die eindringliche Erzählerstimme bereits am Anfang weiß: Es wäre überhaupt nichts passiert … ohne die Liebe. DER KNOCHENMANN erzählt, und das dies dann auch noch gelingt, ist nur umso erstaunlicher, bei all seiner grausamen Obszönität (FSK 16? Bitte???) auch von bedingungsloser und leidenschaftlicher Liebe. Nicht nur der Brenner befindet sich im hormonellen Vollrausch, auch dem menschlichen Monster des Films ist die Liebe nicht unbekannt, vielmehr wird sie zu seiner rücksichtslosen Triebfeder, was DER KNOCHENMANN von Anfang an nicht müde wird zu betonen.

Dies kann sich der Film auch leisten, weil Haas, Hader und Murnberger, wie auch schon in SILENTIUM, den klassischen Verlauf eines Krimis, nämlich die Suche des Zuschauers nach dem Mörder (Whodunit?), bewusst vernachlässigen und lieber die menschlichen Beweggründe recherchieren, die Darstellung anrührender zwischenmenschlicher Zärtlichkeit mitinbegriffen: DER KNOCHENMANN funktioniert tatsächlich auch als Liebesfilm.

Dennoch überwiegt das Groteske im Auge des fasziniert angeekelten Betrachters. Zum Ende hin kulminiert das Geschehen derart, dass man seinen Augen nicht traut, denn es werden folgende Szenen im munteren Wechsel aneinander geschnitten: Eine erotisch aufgeladene Lesung aus einem medizinischen Fachbuch über Transsexualismus, eine ausgelassene Karnevalsfeier („Life is life / Nana-nanana!“) und ein Kühlhaus mitsamt an ihren Fußsehnen an Fleischerhaken aufgehängten Menschen.

So verwundert es dann auch mitnichten, dass Josef Hader in einem interview bemerkte, das Filmteam habe mit zunehmender Dauer der Dreharbeiten einen gewissen Hang zum Vegetarismus entwickelt.


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