FROST/NIXON

Frost/Nixon      (USA, GB, F, 2008)

Regie: Ron Howard
Drehbuch: Peter Morgan, nach seinem eigenen Theaterstück. Kamera: Salvatore Totino. Musik: Hans Zimmer. Produzenten: Tim Bevan, Eric Fellner, Brian Grazer, Ron Howard
Mit: Michael Sheen (David Frost), Frank Langella (Richard Nixon), Kevin Bacon (Jack Brennan), Rebecca Hall (Caroline Cushing), Toby Jones (Swifty Lazar), Matthew Macfadyen (John Birt), Oliver Platt (Bob Zelnick), Sam Rockwell (James Reston Jr.) u. a.
122 Minuten     (7 von 10 Punkten)

Frost: „Sind Sie wirklich der Ansicht, dass dem Präsidenten illegale Methoden gestattet sind?“
Nixon: „Ich sage: Wenn der Präsident es tut, ist es nicht illegal!“

Synopsis: August 1974: US-Präsident Richard M. Nixon tritt wegen der Watergate-Affäre von seinem Amt zurück und lehnt jegliche Angebote der öffentlichen Aussprache ab. Drei Jahre später gelingt es dem britischen Moderator David Frost, ihn für die Summe von 600.000 Dollar für vier 90-minütige TV-Interviews zu gewinnen. Nixon sinnt neben dem Geld besonders nach Aufwertung seiner Reputation, während Frost ein Schuldgeständnis aus dem gewieften Politiker herausholen will.

Kritik: Sonntag, 08.02.2009, 17.00 Uhr, Cineplex Münster. Die Menschenmassen stehen an und kämpfen um die letzten der 635 Plätze für DER SELTSAME FALL DES BENJAMIN BUTTON. Derweil verlieren sich knapp 50 Leute im 220-Platz-Viereck des Saals 9. Erwartungsgemäß ist das Interesse an einem inhaltlich der puren Phantasie entsprungenen Film größer als an der Beleuchtung eines der zwielichtigsten US-Präsidenten überhaupt. Wenn, dann kommen solche Herren gerne in Komödien oder Kriminalfällen zum Einsatz. Aber Biopics (z.B. Oliver Stones NIXON) und/oder Dokumentationen (z. B. THE FOG OF WAR) taten sich an den deutschen Kinokassen eher schwer.

FROST/NIXON hingegen bringt nicht nur 5 Oscarnominierungen mit, sondern ein ganz großes Plus in den Akteuren Sheen und Langella, die die Titelrollen auch im erfolgreichen Theaterstück verkörpern. Wenn Langella als Nixon im Kreis seiner Getreuen agiert und später auf seinen Interviewgegner trifft, dann vibriert die Leinwand, seine Darstellung des politischen Schwergewichts ist einfach Furcht einflößend. Ich schwankte zwischen Reiz und Abscheu angesichts von Kalkül und Selbstherrlichkeit.

Sheens David Frost verbraucht mehr Filmzeit, um als Mischung aus Sonnyboy, Talkshow-Moderator und Politjournalist beschrieben zu werden. Erst gegen Ende wächst er – für meinen Geschmack zu abrupt – zu der Person heran, die Nixon endgültig ins Rentnerdasein in Kalifornien schickt. Die Szenen im Smith-House, dem Ort der Interviews, lassen Erinnerungen an das vergleichbare Duell Cruise/Nicholson in EINE FRAGE DER EHRE wach werden.

Abgesehen von den Aufeinandertreffen der beiden ist der Film von unruhiger Hand gestaltet. Den Beginn bilden die für Geschichtsfilme schon üblichen schnellen Clip-Kollagen, um die Turbulenzen bis hin zu Nixons Abdankung und seiner Begnadigung durch Gerald Ford zu beleuchten. Dann tritt die Politik in den Hintergrund, die Bildung des Teams um Frost, das Ringen um die TV-Rechte und die Finanzierung des Projektes bilden den Fokus. Brennan, Reston Jr. und andere Leute aus dem Umfeld der Hauptakteure treten parallel als Zeitzeugen vor die Kamera und kommentieren das, was gerade noch in der Haupthandlung gezeigt wurde. Ein Hingucker in Person von Rebecca Hall wird Frost an die Seite gestellt und tut den ganzen Film über nichts anderes, als schicke Klamotten zu tragen. Kurzum: Dynamik und Wirrness halten sich die Waage, das Drumherum, das sich vornehmlich um Frost dreht, ist gemeinhin kurzweilig und Spiegelbild des Drucks, in dem er und seine Leute agierten.

Die eigentlichen Höhepunkte sind jedoch die persönlichen Begegnungen zwischen den Kontrahenten und die Bemühungen, die Bastion „Tricky Dick“ vor laufender Kamera zu knacken. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Denn dort wurde nicht nur jene Nixon’sche Einschätzung der Rechtmäßigkeit illegalen Handelns offenbart. Seine Worte versinnbildlichen die auch heute noch in politischen und sonstigen Machtkreisen verbreitete Ansicht, über den Gesetzen zu stehen und nach eigenem Gutdünken, aber ohne (spätere) Rechtfertigung agieren zu dürfen. In dieser Hinsicht wirkt der Film mit seiner Botschaft aus der Historie bis weit in die Gegenwart hinein.


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