ZEITEN DES AUFRUHRS

*** ZEITEN DES AUFRUHRS / REVOLUTIONARY ROAD * Großbritannien / USA 2008 * Musik: Thomas Newman, Art Blakey & the Jazz Messengers, Glenn Miller Orchestra, The Nat King Cole Trio, Vince Giordano & the Nighthawks, u. a. * Drehbuch: Justin Haythe, nach dem gleichnamigen Roman von Richard Yates * Regie: Sam Mendes * Darsteller/-innen: Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Kathy Bates, Michael Shannon, Kathryn Hahn, David Harbour, Richard Easton, Dylan Baker, Zoe Kazan, Max Casella, Max Baker, Jay O. Sanders, u. a. * 119 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

„Wissen, was man hat, Komma, wissen, was man braucht, Komma, wissen, was man ohne schafft, Gedankenstrich – das heißt Bestandsregelung. Absatz.“ (Frank Wheeler)

„Hoffnungslose Leere … Wow!“ (John Givings)

Synopsis: Frank’n’April Wheeler (Leonardo DiCaprio und Kate Winslet) sind ein ausnehmend schönes Ehepaar. Zusammen mit ihren beiden Kindern leben sie an der Revolutionary Road im US-Bundesstaat Connecticut, in einem schmucken weißen Haus, das diejenigen der Nachbarn auf einem kleinen Hügel stehend überragt.

Ihr Anwesen entspricht dann auch der Wheelerschen Weltsicht: Zum einen fühlen sie sich den um sie herum vegitierenden Kleinbürgern moralisch und intellektuell überlegen (man ist mondän, progressiv), zum anderen versichern sie sich gegenseitig immer wieder, dass sie jederzeit – Kinder hin oder her – dem Mief der New Yorker Vorstadt entfliehen können.

Als April ebendies in die Tat umsetzen will – sie macht ihrem über alles geliebten Mann den Vorschlag, für immer nach Paris (das in Frankreich, nicht Texas) zu ziehen – bringt ihr Angebot Franks Weltbild ins Wanken, zumal eine Beförderung für ihn in Aussicht ist und April ihr drittes Kind erwartet …

Kritik: The Traumpaar strikes again! Leonardo DiCaprio und Kate Winslet, zusammen mit der TITANIC untergegangen, fanden sich zu ZEITEN DES AUFRUHRS, unter der Regie von Kate Winslets Ehemann Sam Mendes, seit AMERICAN BEAUTY sowas wie der Killer amerikanischer Vorstadt-Utopien, wieder zusammen und … versinken erneut in einem Maelstrom: ZEITEN DES AUFRUHRS, basierend auf dem gleichnamigen Roman des fanatischen Kettenrauchers Richard Yates (4 Päckchen am Tag und die Sauerstoffflasche immer griffbereit … now, that’s a combination!), beschreibt mit grausamer Akribie die Abwärtsspirale einer nach außen perfekten, nach innen aber völlig zerrütteten Ehe im ach so beschaulichen Connecticut der 50er Jahre.

Die Tragödie der Familie Wheeler wird visuell perfekt in Szene gesetzt, man meint förmlich den Mief der Vorstadtidölle – der einzige Freigeist hier ist der munter wabernde Zigarettenqualm – riechen zu können. Doch zu einer Kleinstadt gehören eben auch Kleingeister, wozu in ZEITEN DES AUFRUHRS der Großteil der sogenannten Nebendarsteller/-innen verdonnert werden, allen voran die wie immer großartige Kathy Bates als geradezu grotesk spießige Mrs. Helen Givings.

Deren Sohn John (Oscar für die beste Nebenrolle?: Michael Shannon) wiederum, Doktor der Mathematik, dessen Intellekt man ihm mit Stromstößen austreiben musste, damit er sich passgenau ins Spießer-Puzzle einfügt, wogegen er leidenschaftlich rebelliert, fungiert als alter ego von Romanautor Richard Yates. Entsprechend beeindruckend wird die als offiziell krank titulierte, in Wirklichkeit aber mit seherischen Qualitäten ausgestattete Nebenfigur des an seiner Umgebung verzweifelnden Mathematikgenies, von Sam Mendes inszeniert und von Michael Shannon dargestellt.

Überhaupt, die Schauspieler: Wann hat man von solch erfolgsverwöhnten Hollywood-Größen je solch absolute Hingabe an ein literarisches Werk gesehen? Nicht nur dass die seit TITANIC erprobte Chemie zwischen DiCaprio und Winslet atemberaubend ist – was vor allem Letzere hier abliefert, ist mit keinem Oscar aufzuwiegen: Winslets Gesicht scheint zwei Stunden lang an Nuanceritis zu leiden, hinter ihren Augen spielen sich wahre Sternenschlachten ab, ihre Impersonifikation der schrecklich durchschnittlichen, aber doch so unendlich heroischen Hausfrau April Wheeler … ein STAR WARS der Gefühle.

Ja, es wird viel geweint, geschrien und gelitten in ZEITEN DES AUFRUHRS. Was kein Wunder ist, denn Richard Yates hatte es offenbar in seiner gnadenlosen Romanvorlage darauf abgesehen, den selbstzufriedenen amerikanischen Mittelstand der 50er mit all seinen Lebenslügen, heimlichen Affären und sonstigen Monstrositäten ein für allemal zu vernichten. Selbst aus der Drehbuchadaption von Justin Haythe spürt man noch seinen Hass auf die allgegenwärtige Bigotterie lodern.

Aber ob es nun an der Vorlage, oder am Skript liegt: REVOLUTIONARY ROAD lässt den Zuschauer im Gegensatz zu Mendes Erstling (und vom sujet her ähnlichen Werk) AMERICAN BEAUTY ziemlich kalt, zumal die Humorlosigkeit des Ganzen geradezu beängstigend ist. Es sei denn, man ist derart glühender Misanthrop, dass man sich am Untergang der tatsächlich nicht wirklich sympathischen Familie Wheeler erfreuen kann: Dann ist ihre zum Himmel schreiende Lächerlichkeit womöglich ja gar zum Brüllen komisch.

Die eiskalte Machart von ZEITEN DES AUFRUHRS hat zuallererst eine perfekte Literaturverfilmung im Sinn; Ausstattung, Licht, Kostüme, alles sitzt brilliant; die nur aus ein paar, dafür aber umso nachdrücklicher angeschlagenen Klavierakkorden bestehende Musik von Thomas Newman tut ihr Übriges, aber die Inszenierung sprüht keine Funken, obwohl Leonardo DiCaprio und die unfassbare Kate Winslet (deren klassische, anti-anämische Hollywood-Schönheit im 21. Jahrhundert der Strichmädchen angenehm deplatziert wirkt) sich um Kopf und Kragen spielen:

Warum berührt das tragische Schicksal der Wheelers bloß so wenig?

Weil der Film dies nicht will, weil er es nicht soll. Es geht hier um die absolute Vernichtung der Vorstadtidölle, da ist kein Platz für Sentimentalitäten.

(Wieviel Ehen und Beziehungen dieser Film wohl auf dem Gewissen haben wird?)

Achselzucken.

Gedankenstrich.

Absatz.


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