SO FINSTER DIE NACHT

So finster die Nacht      (Låt den rätte komma in, Schweden 2008)

Regie: Tomas Alfredson
Drehbuch: John Ajvide Lindqvist, nach seinem gleichnamigen Roman. Produzenten: John Nordling, Carl Molinder. Kamera: Hoyte van Hoytema. Schnitt: Dino Jonsäter, Tomas Alfredson. Kostüme und Make-Up: Maria Strid. Musik: Johan Söderqvist
Mit: Kåre Hedebrant (Oskar), Lina Leandersson (Eli), Per Ragnar (Håkan), Henrik Dahl (Erik), Karin Bergquist (Yvonne), Peter Carlberg (Lacke), Ika Nord (Virginia), Mikael Rahm (Jocke), Karl-Robert Lindgren (Gösta), Anders T. Peedu (Morgan), Pale Olofsson (Larry) u. a.
114 Minuten      (8 von 10 Punkten)

So finster die Nacht
(Bildrechte: MFA+ Filmdistribution)

Synopsis: Schweden, Februar 1982. Im Stockholmer Vorort Blackeberg lebt der 12-jährige Oskar bei seiner geschiedenen Mutter. Der Einzelgänger, der von einer Gruppe Schüler seiner Klasse schikaniert wird, trifft eines Nachts auf dem Spielplatz im Hof die gleichaltrige Eli, die neu zugezogen ist. Das scheue, seltsam blasse Mädchen und er werden zu Freunden. Derweil häufen sich in der Gegend Todesfälle mit dem verbindenden Merkmal, dass den Opfern das Blut entzogen wurde.

Kritik: Werte Leserinnen und Leser, lassen Sie sich nicht täuschen von der kindlichen Unschuld schwedischer Zwölfjähriger, deren zarte erste Schritte gegenseitiger Zuneigung in Bildern wie für den Bildschirmhintergrund geschaffen eingefangen werden. Oder wenn die Kamera für Sekunden auch nur auf Oskars Milchgesicht und Elis traurigen blauen Augen verweilt. Denn die Fenster der neuen Mieter im dritten Stock sind lichtdicht zugeklebt, der Pulverschnee von Blut durchtränkt, die anämische Eli in der Folgenacht wieder zu rosiger Frische erwacht. Es ist kein Geheimnis, dass der besondere Saft für sie gebraucht wird und sie ihn sich auch durchaus selbst zu verschaffen vermag. Neu ist auch nicht, dass es minderjährige Vampire in der Literatur und auf den Kinoleinwänden (und im richtigen Leben?) gibt.

Die Faszination, die von SO FINSTER DIE NACHT ausgeht, gründet sich in der ausgewogenen Darstellung der wortkargen Melancholie zwischenkindlicher Beziehung und einer zurückgenommenen – wenngleich bei Erscheinen vehementer – Rohheit von Elis Überlebenskampf. Letzterer stellt natürlich eine Bedrohung für die Bewohner Blackebergs dar, wir als Publikum der Geschehnisse sind indes gewillt, es als außergewöhnliche, aber nun mal für Eli dringliche Nahrungsaufnahme zu tolerieren. So, wie man Katzen das Mausen nicht abgewöhnen kann. Hauptsache, sie tut Oskar nichts. Oder doch?

Im Werbeflyer werden Analogien zu den Werken von Anne Rice, Stephen King und auch Guillermo del Toro gezogen. Durchaus angebracht. Es steckt aber auch eine Prise Aki Kaurismäki in der Bestsellerverfilmung von John Ajvide Lindqvist. Die winterliche Schneekulisse (die übrigens perfekt zum deutschen Kinostart am 23.12.2008 passt), die düstere Vorstadt mit den mehrstöckigen Wohnblocks und vor allem die vorkommenden (männlichen) Erwachsenen trifft man gerne auch in Werken des finnischen Realo-Dramatikers. In ihren dicken Mänteln, Mützen und Wollpullovern wirken die lakonischen Vertreter der unteren Mittelklasse klobig und ungelenk, die zeitliche Einordnung in die beginnenden achtziger Jahre und die sepia-dominierte Bildfärbung tun ein Übriges, um ihrem Sagen, Denken und Tun eine Existenz leicht schräg vom normalen Daseinsverständnis zu verpassen. Irgendwie fremd für heutige Augen, Neo-Gothic-Horror auf schwedische Art und stellenweise durchaus amüsant.

Im Vergleich zur Virtuosität der nächtlichen Szenen der Vorstadt ist der Handlungsstrang um Oskars Drangsalierung in der Schule konventionell gestaltet und dient eher der Charakterisierung und des Emanzipationsprozesses des Jungen denn der Präsentation neuer Aspekte zu diesem Thema. Wenn ich mal von der Lösung des Konfliktes absehe.

Regisseur Alfredson zeigt, dass er Blutorgien zu inszenieren vermag und stattet Eli mit allen (auch im Kampf erprobten) Attributen einer veritablen Vampirin aus. Aber er übertreibt es nicht. Seine Hauptaugenmerke bleiben – bei aller Berücksichtigung einer genuinen Horrorgeschichte – die vielen zweisamen, fast wortlosen Szenen zwischen Oskar und Eli, die von der Spannung weit intensiver sind als die durchaus treffgenau sonstwo eingefügten Schock- und Überraschungsmomente. Und Lina Leandersson als Eli in Verbindung mit dem stimmigen Make-up durch Maria Strid ist ohnehin DER Hingucker des Films.


About this entry