OLD JOY

*** OLD JOY * USA 2006 * Musik: Yo La Tengo * Kamera: Peter Sillen * Drehbuch: Jonathan Raymond und Kelly Reichardt, nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Jonathan Raymond * Regie: Kelly Reichardt * Darsteller/-innen: Daniel London, Will Oldham, Tanya Smith, Robin Rosenberg, Keri Moran, Autumn Campbell, Steve Doughton, Matt McCormick, Darren Prolsen, Jillian Wieseneck, u. a. * [OmU] * 73 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Old Joy
(Bildrechte: Peripher Filmverleih)

„Well I hope that someday buddy / We have peace in our lives / Together or apart / Alone or with our wives / And we can stop our whoring / And pull the smiles inside / And light it up forever / And never go to sleep / My best unbeaten brother / This isn’t all I see / Oh no, I see a darkness / And did you know how much I love you / Is a hope that somehow you, you / Can save me from this darkness“ (Bonnie „Prince“ Billy / Will Oldham)

Synopsis: Mark (Daniel London) und Kurt (Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy), beide Mitte 30, kennen sich ihr halbes Leben, doch ihre Freundschaft ist in die Jahre gekommen. Mark bewohnt ein hübsches Häuschen in Portland, Oregon, seine Freundin Tania (Tanya Smith) erwartet ihr erstes Kind, als ihre, wenngleich links-alternativ angehauchte bürgerliche Idylle von Kurt, seines Zeichens (Wassermann?) vagabundierender hippie, gestört wird.

Kurt, trotz seines Zottelbarts ist er Kind geblieben und lebt verantwortungsfrei in den Tag hinein, lädt Mark zu einem Zweitagestrip in die Wälder südöstlich von Portland ein: Zu den Bagby Hot Springs (http://en.wikipedia.org/wiki/Bagby_Hot_Springs), einer abgelegenen Thermalquelle, will er wandern, und Mark stimmt trotz der Bedenken seiner hochschwangeren Freundin, die ihn nur ungern ziehen lässt, zu.

Während im Autoradio von Marks Volvo die besorgten Anrufer des liberalen Radiosenders „Air America“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Air_America_Radio) den Zustand der USA, insbesondere der amerikanischen Linken, bekritteln, verfahren sich die beiden ungleichen Freunde und erreichen erst verspätet ihr Ziel. Derweil buhlt Kurt, zunehmend unsicherer und labiler werdend, um Marks Aufmerksamkeit und Zuneigung, doch die alten Zeiten lassen sich nicht so einfach wieder aufleben, ihre unvereinbaren Lebensentwürfe erscheinen unüberbrückbar.

Kritik: Johnny Cash hat es mit seiner cover version einem mainstream-Publikum eröffnet, das vielleicht schönste Lied, das je über eine Männerfreundschaft geschrieben wurde, „I see a darkness“ von Bonnie „Prince“ Billy, der unter seinem bürgerlichen Namen Will Oldham in OLD JOY den kiffenden Träumer Kurt spielt. Eine mutige, wie gelungene Besetzung von Regisseurin Kelly Reichardt, deren zweites Werk nach RIVER OF GRASS zwölf Jahre auf sich warten ließ. Daniel London erweist sich als Kurts bürgerlicher Gegenentwurf Mark allerdings als ebenbürtig, beide Schauspieler zeigen sich den Anforderungen dieses Kammerspiels unter freiem Himmel gewachsen und lassen ihre Charaktere zu allegorischen Figuren werden, deren unterschiedliche Lebensphilosophien man ohne Substanzverlust ins eigene Leben wiedergespiegelt sehen kann: ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN.

Voraus gesetzt natürlich, man lässt sich auf diesen ungewöhnlichen Film und seine karge, unprätentiöse Machart ein. Ohne künstliches Licht auf 16mm gedreht, unterbrochen nur von Straßen- und Naturaufnahmen, sparsam unterlegt mit den anheimelnden Gitarrenklängen von Yo La Tengo, fokussiert der Film nur Mark und Kurt und ihre rührenden Bemühungen, ineinander das wieder zu entdecken, was ihre Freundschaft einst so bedeutsam hat werden lassen.

Zwar ist Kurt die Triebfeder des Ganzen, sein „Elan“ ist es, der die Geschichte voran treibt, doch treiben lässt sich eben auch OLD JOY an sich, fokussiert wird hier gar nichts, nichts wird wirklich mit Bedeutung aufgeladen, der Film endet genauso offen wie er begonnen hat, auf der Leinwand scheint binnen der gerade einmal 73 Minuten Spielzeit keinerlei Veränderung stattgefunden zu haben.

Auf ein solches Nichts von einem Film muss man sich wirklich einlassen, man sollte zumindest ungefähr wissen, was einen erwartet, dann enttäuscht OLD JOY nicht, ganz im Gegenteil. Mal abgesehen davon, dass dann doch noch so etwas wie Erkenntnisgewinn abfällt, wenn Kurt eine Stimme aus einem seiner seltsamen Träume rezitiert, die behauptet, „sorrow is nothing than worn out joy“. Und auch abgesehen davon, dass man in diesem Kinojahr 2008 selten etwas Schöneres vernommen hat, als Kurts besoffene Quantenphysiktheorie, wonach das Universum einer Träne gleich durch das Weltall fällt …

… OLD JOY beglückt vor allem durch seine simple Machart. So ungeheuer viel Raum lässt dieser Film, sowohl seinen Protagonisten, als auch dem Zuschauer. OLD JOY schmeisst sich niemals an den Betrachter ran, hat das nie nötig, sondern bleibt lieber subtil und in sich gekehrt, verharrt schüchtern auf der Stelle, ohne eine definitive Position einnehmen zu wollen. So darf dann das Private ruhig politisch sein, muss es aber eben nicht. Und Kurts Schultermassage, die er dem perplexen und sich dabei sichtlich unwohl fühlenden Mark an den Bagby Hot Springs verpasst, kann man homoerotisch verstehen, oder eben auch nicht.

Inhalt und Form bedingen und durchdringen sich in OLD JOY gegenseitig, bilden eine beglückende Einheit, genauso wie Bild- und Tonspur des Films mehr als die Summe der einzelnen Teile (darstellen): Hier Peter Sillens von Budget und Handlung zugleich limitierte Kamera, die gerade eben wegen dieser selbstgesteckten Grenzen Einstellungen von höchst ungewöhnlicher Schönheit (er)findet. Dort die Musik von Yo La Tengo, die über jeden Zweifel wie Beschreibung erhaben ist. Zu dieser stimmigen Koexistenz von Bild und Ton befand der film-dienst, „man muss OLD JOY wohl erst sehen, um zu glauben, dass banale Straßeneindrücke, mit Musik der band Yo La Tengo unterlegt, tatsächlich zu den schönsten Sequenzen gehören, die das Kino der letzten Jahre zu bieten hatte“. Das ist einerseits so übertrieben, wie andererseits wahr.

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass Yo La Tengo nun endlich ihre gesammelten soundtracks unter dem lakonischen Titel „They shoot, we score“ auf Tonträger geb(r)annt haben (http://www.yolatengo.com/forsale/index.php?main_page=product_music_info&products_id=210). Neben den instrumentals aus OLD JOY gibt es dort ein Wiederhören mit den Klängen von JUNEBUG, SHORTBUS und GAME 6.


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