DER BAADER MEINHOF KOMPLEX

Der Baader Meinhof Komplex      (Deutschland, 2008)

Regie: Uli Edel. Drehbuch: Uli Edel und Bernd Eichinger, nach dem gleichnamigen Buch von Stefan Aust. Kamera: Rainer Klausmann. Musik: Peter Hinterthür u. Florian Tessloff. Produzent: Bernd Eichinger
Mit: Martina Gedeck (Ulrike Meinhof), Moritz Bleibtreu (Andreas Baader), Johanna Wokalek (Gudrun Ensslin), Nadja Uhl (Brigitte Mohnhaupt), Bruno Ganz (Horst Herold), Stipe Erceg (Holger Meins), Niels Bruno Schmidt (Jan Carl Raspe) sowie Jan Josef Liefers, Vinzenz Kiefer, Alexandra Maria Lara, Hannah Herzsprung, Tom Schilling, Daniel Lommatzsch, Sebastian Blomberg u. v. a.
150 Minuten     (7 von 10 Punkten)

Synopsis: Erzählt wird die Geschichte der ersten Generation der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) von den Wurzeln in der Studentenbewegung der späten 60er Jahre bis zu den Toden von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe und der Ermordung Hans-Martin Schleyers im Oktober 1977.

Kritik: Zum Werbematerial des Films gehört ein Flyer, der auf drei Seiten auch eine Chronik der RAF beinhaltet. Jene 60 Daten sind jedem dringend zur Lektüre angeraten, dem die Ereignisse nicht vertraut sind und an Überblick gelegen ist. Der Film folgt in loser Folge der Liste und zitiert bisweilen wörtlich aus dem Buch des früheren SPIEGEL-Chefredakteurs Stefan Aust, das in erster Auflage 1985 erschien. Aust fungierte zudem als Berater am Set, was – mit dem Namen des Nachrichtenmagazins im Hinterkopf – der Produktion den Nimbus der Faktentreue verleiht.

Die ganze Wahrheit also und nichts als die Wahrheit? Die selbst für heutige Kinoverhältnisse noch stolze Länge von 150 Filmminuten kann nur fragmentarisch wiedergeben, was in 10 Jahren deutscher Vergangenheit passierte. Das Gezeigte soll bei aller gebotenen Sorgfalt noch massenverträglich sein, so dass in fast allen Bereichen Abstriche gemacht wurden. In vielen Fällen mag das verzeihlich sein, aber schmerzlich vermisst habe ich zumindest ein Augenmerk auf die Rolle der Rechtsanwälte und ihrer Überwachung während des Prozesses, die Legitimierung der Isolationshaft und Abhörung in Stammheim und überhaupt mehr vom Zusammenspiel von Polizei, Politik und Jurisdiktion bei der Terrorbekämpfung. Den Opfern der Terrorakte wird keine Stimme verliehen, das Töten an sich als gewaltsamer, gewollter Akt muss als Anklageausdruck reichen. Erwähnenswert ist auch, dass sich der Film – im Gegensatz zum Buch – zu einer klaren Aussage über die Todesursache von Bader, Ensslin und Raspe an jenem 18. Oktober 1977 bekennt, obwohl auch nach 30 Jahren nicht alle Akten freigegeben wurden und offene Fragen bleiben. An der Herkulesarbeit einer kritischen Reflektion der Terrorjahre und ihrer Auswirkungen haben sich die Macher wohlweißlich nicht versucht.

Bei allen Versäumnissen kann DER BAADER MEINHOF KOMPLEX mit unbestreitbaren Vorzügen aufwarten: Er besitzt einen sagenhaften Drive von der ersten bis zu letzten Minute. Er geht mit seinen Akteuren in verschwenderischer Weise um, eine Vielzahl der just eingeführten Gesichter beendet sein Dasein kaum 5 Minuten darauf als durchgeixtes Fahndungsbild. Der Anspruch der Authentizität reicht von der verblüffenden Ähnlichkeit der Schauspieler/-innen mit den echten Personen bis zur detailgenauen Nachstellung der Tatorte. Auf die Höhe der Zeit bringen an geeigneten Kernstellen eingefügte Originalbeiträge aus Radio- und TV-Nachrichten. Schwerpunktmäßig und titelkonform sind es die Geschicke von Meinhof, Baader und Ensslin, später noch Brigitte Mohnhaupt, die in einer Art Kaleidoskop in Szene gesetzt werden. Der theoretische Unterbau der Aktionen, zunächst sporadisch illustriert durch Meinhofs Kolumne in der Zeitschrift „Konkret“ und späteren Verlautbarungen, tritt im Verlauf des Films in den Hintergrund, was nicht groß negativ auffällt. Die Konzentration auf die Verbrechensakte außerhalb von Stammheim und die Vorgänge während der Haft und des Prozesses geben nun die Linie vor. Nicht unwesentlich läuft DER BAADER MEINHOF KOMPLEX Gefahr – auch wegen knapper Biographie und der überzeugenden Darsteller Bleibtreu und Wokalek – ein fast charismatisches Bild seiner Protagonisten zu zeichnen. Martina Gedeck verleiht Ulrike Meinhof indes eine differenziertere Persönlichkeit. Durch sie wird beispielsweise wenigstens deutlich, dass Einzelhaft kein Abenteuerspiel ist und die Gegenseite mit härteren Bandagen zu kämpfen gelernt hatte. Jene wird praktisch allein durch Bruno Ganz als BKA-Chef verkörpert. Horst Herold, der fast 10 Jahre als Quasi-Gegenspieler von Baader in der Wiesbadener Zentrale waltete, dürfte ihm wegen der dramaturgischen Nähe zu einer seiner früheren Paraderollen nicht besonders schwer gefallen sein.


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