WALL·E – DER LETZTE RÄUMT DIE ERDE AUF

*** WALL·E – DER LETZTE RÄUMT DIE ERDE AUF / WALL·E * USA 2008 * Musik: Richard Strauss, Louis Armstrong, Peter Gabriel, Bobby McFerrin, u. a. * Drehbuch: Andrew Stanton und Jim Reardon, nach einer Geschichte von Andrew Stanton und Pete Docter * Regie: Andrew Stanton * Deutsche Stimmen: Timmo Niesner, Luise Helm, Markus Maria Profitlich, Joachim Kerzel, Hans-Jürgen Dittberner, u. a. * 98 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

*** PRESTO * USA 2008 * Musik: Scot Blackwell Stafford * Drehbuch: Doug Sweetland, nach einer Geschichte von Ted Mathot, Valerie LaPointe, und Justin Wright * Regie: Doug Sweetland * 5 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

WALL·E - Der Letzte räumt die Erde auf
(Bildrechte: Walt Disney)

Synopsis / Kritik (PRESTO): WALL·Es Vorfilm PRESTO erinnert trotz modernster Animationstechnik eher an die aus heutiger Sicht geradezu anarchi(sti)sch-brutalen TOM & JERRY-Filmchen, an denen man sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch ergötzen konnte, bevor das Nachmittagsfernsehen die Kindheit zugunsten der Unterirdischenschicht zu vernachlässigen begann:

Der eitle und selbstverliebte Varieté-Magier PRESTO ist der Meister des Kaninchen-aus-dem-Zylinder-Tricks. Geblendet von seinem Ruhm, beginnt er allerdings seinen tierischen compagnon zu vernachlässigen: Die delikate Möhre, nach der sich sein hungriger kleiner Partner verzehrt, verweigert der Zauberer dem weißen Hoppler – erst muss ein weiterer umjubelter Auftritt routiniert abgespult werden. Vor Hunger und Wut bebend vermasselt Kumpel-Kaninchen PRESTO die show, mit ebenso haarsträubenden wie schmerzhaften Konsequenzen für den Star-Magier, dessen ahnungslose Zuschauerschar die Kette von Unfällen, die er dank der erfolgreichen Sabotage seines Kaninchens zu überleben hat, mit Beifall überschüttet.

PRESTO dauert nur 5 Minuten und brennt währenddessen ein geradezu apokalyptisches Feuerwerk an slapstick ab. Und nicht nur der nostalgische Abspann erinnert dabei an die gute alte Zeit des Zeichentrick, als dieser noch nicht „kindgerecht“ zu sein hatte und statt faschistoider political correctness lieber gnadenloser Anarchie frönte: PRESTO ist nichts weiter als ein fünfminütiger, Zelluloid-gewordener Lachkrampf auf allerhöchstem Zwechfell-Niveau.

Synopsis (WALL·E): Wir schreiben das Jahr 2700. Vor fast 600 Jahren hat die Menschheit den unbewohnbaren Planeten Erde verlassen und auf dem gigantischen Raumkreuzer „Axiom“ Zuflucht gefunden, eigentlich ein Kreuzfahrtschiff für den interstellaren Ferienausflug.

Während die Menschen ihren bereits Jahrhunderte andauernden „Urlaub“ von ihrem Heimatplaneten „genießen“, haben Roboter der Baureihe WALL·E (steht für Waste Allocation Load Lifter-Earth-class) versucht, den völligen zugemüllten Himmelskörper für eine eventuelle Rückkehr der Menschheit aufzuräumen. Doch das Projekt ist gescheitert, weil alle Roboter den Geist aufgegeben haben.

Alle? Nein, einer verrichtet noch seinen Dienst, begleitet von seinem besten Freund, einer fidelen Küchenschabe. Der letzte der mobilen Schrottpressen hat binnen der Jahrhunderte eine Persönlichkeit entwickelt: Zwar geht er tagtäglich pflichtbewusst seiner Arbeit nach, doch irgendwann ist ihm die Errichtung von gigantischen Wolkenkratzer-Türmen aus menschlichem Zivilisationsmüll nicht mehr genug, und er beginnt sich sein eigenes „Museum der Unschuld“ einzurichten, aus Dingen, denen er persönlichen Wert zumisst. (Orhan Pamuk, der türkische Literaturnobelpreisträger, welcher gerade in Istanbul sein so tituliertes Museum zu seinem gleichnamigen Roman aufbaut, in welchem er Dinge sammelt, die seine Hauptfigur an die Liebe seines Lebens erinnern, wäre stolz auf die kleine Schrottpresse.)

WALL·Es größter Schatz in seinem „Museum“ ist eine Videokassette mit dem Hollywood musical HELLO, DOLLY!, die er sich einsam und verlassen jeden Abend ansieht, sich sehnsüchtig nach Gesellschaft sehnend. Und diese kündigt sich eines Tages dann auch tatsächlich an: Unter gewaltigem Donnergrollen setzt ein Raumtransporter auf der Erde auf und entlässt die Sonde EVE (erinnert stark an den I-Pod und steht für Extraterrestial Vegetation Evaluator), die den Auftrag hat, neue Vegetation aufzuspüren, damit die Menschheit wieder zur Erde zurück kehren kann.

WALL·E verliebt sich augenblicklich in die kalte Schönheit, die seinem hingebungsvollen Drängen bald nachgibt. Doch kaum hat EVE mit WALL·Es Hilfe tatsächlich eine Pflanze aufgespürt, da gibt sie auch schon ihrem Auftrag gemäß den Geist auf und wird von dem Raumtransporter zurück zur „Axiom“ gebracht, zusammen mit dem liebestollen WALL·E, der als blinder Passagier mitreist.

Die Ankunft der zwei verliebten Roboter auf der „Axiom“ setzt eine anarchi(sti)sch-chaotische Kettenrevolution in Gang, in deren Verlauf die von Konsumterror und tödlicher Langeweile versklavte Menschheit, allen voran der von seinem Autopiloten „Otto“ gegängelte Schiffskapitän, sich an ihren Heimatplaneten zu erinnern beginnt und an all das, was das Leben auf ihm so lebenswert hat sein lassen …

Kritik (WALL·E): NUMMER 5 LEBT wieder und in WALL·E weiter. Zumindest erinnert dieser physiognomisch an den kultigen metallenen Antiheld aus den 80er Jahren. Und auch sonst versucht der Film, so vehement, überzeugend und erfolgreich zugleich, an unter Zivilisationsmüll verschütt gegangene menschliche Ideale zu appellieren, allen voran natürlich: die Liebe.

Dabei entwirft WALL·E quasi nebenbei und mit leichter Hand ein überzeugendes Zukunftsszenario, genau so könnte die Menschheit tatsächlich degenerieren: Auf der „Axiom“ vegetieren aufgequollene Schlappschwänze und Fettsäcke, nicht mehr zum Gehen befähigt, sondern sich faul auf schwebenden Liegen fläzend, wurstige Finger umklammern den Becher mit Flüssignahrung, der starrtrübe Blick nimmt nur noch den zweidimensionalen Bildschirm vor dem teigigen Gesicht wahr, über den jegliche Kommunikation, oder das, was davon übrig ist, abläuft. Der Konsumterror des regierungsähnlichen Großkonzerns BNL (steht für Buynlarge) ist allgegenwärtig, der neueste Modetrend („Blau ist das neue Rot!“) wird per Lautsprecher postuliert und die Menschheit reagiert prompt und gefügig per Knopfdruck und „kleidet“ sich entsprechend der Firmendirektive neu ein: Das alles geschieht hinreißend animiert und ist ebenso böse wie genau gezeichnet.

Doch die vernichtende Kritik an der menschlichen Rasse und „Zivilisation“, die WALL·E so überzeugend zu vermitteln versteht, hält leider nicht allzu lange vor, genauso wenig im übrigen, wie der Stummfilmcharakter der ersten Hälfte des Films, der seinen berückenden Charme vor allem aus den so wortlosen wie rührenden Annäherungsversuchen WALL·Es und EVEs zieht; hier gelingt dem Film das grandiose Kunststück, dem frühen Kintopp-slapstick à la Charlie Chaplin und Buster Keaton zu huldigen, vor der Kulisse einer apokalyptischen Zukunftsvision, die an BLADE RUNNER oder PLANET DER AFFEN erinnert.

Im zweiten Teil des Films, welcher auf der „Axiom“ spielt, verliert aber leider WALL·E nicht nur seinen Stummfilmcharakter: Die Frage, ob die sich so genüsslich ihrem armseligen Dasein als Konsumsklaven hingebende Menschheit ihre Errettung durch die beiden verliebten Roboter überhaupt verdient hat, stellen sich die Macher des Films nicht, immerhin ist Pixar inzwischen Teil von Walt Disney, und allzubald muss ein Wohlfühlszenario her: Die Menschheit beginnt sich daran zu erinnern, was es wirklich heißt, Mensch zu sein und beginnt gegen die eigene Technikgläubigkeit, die antiseptische Umgebung und den von Maschinen gesteuerten Big Brother-Konzern BNL zu rebellieren.

Das wird weiterhin auf allerhöchstem Niveau und sogar mit einigen live action-Elementen (zum ersten Mal in einem Pixar-Film) animiert, gleichzeitig wird aber so lieblos direkt auf ein happy end zugesteuert, dass man bald geneigt ist, das gesamte Drehbuch dahingehend in Frage zu stellen: Ging es etwa dann doch nur um dieses etwas plakative Weltrettungsszenario? Wenn ja, dann schade drum.

Wie dem auch sei: WALL·E stellt einen Klassiker des Animationsfilms dar. Er beweist lange Zeit Mut, in Stummfilm-Form daher zu kommen, ist von Anfang bis Ende hinreißend animiert, ist so rührend wie zwerchfellerschütternd komisch zugleich und beweist sogar noch in den zwei Abspännen sein überbordendes kreatives Potential, wenn er zunächst der menschlichen kulturellen Evolution von der Höhlenmalerei bis zu Künstlern wie Vincent van Gogh und Auguste Renoir huldigt, um dann auch noch, während die credits rollen, alten Computerspielen der 8-Bit-Generation wie BOULDER DASH oder IMPOSSIBLE MISSION seine Ehrerbietung zu erweisen. (Und irgendwann spielen WALL·E und EVE auch noch auf einem alten ATARI 2600 den alten Computerspiel-Klassiker PONG.)

Somit funktioniert das digitale Rührstück WALL·E auch noch als überzeugender Vertreter der „Sehnsucht nach einer analogen Welt“ (Susan Vahabzadeh, Süddeutsche Zeitung) und schafft es zudem, diese Sehnsucht besser zu bebildern und auszufüllen als Michel Gondrys ABGEDREHT, der dem abgenutzten Medium Videokassette, das der kleinen Schrottpresse (in) WALL·E mit Hilfe von HELLO, DOLLY! die Liebe näher bringt, ebenfalls ein Denkmal gesetzt hat.


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