BABYLON A.D.

Babylon A.D.      (USA, F, 2008)

Regie: Mathieu Kassovitz
Buch: Mathieu Kassovitz, Eric Besnard, nach dem Buch „Babylon Babes“ von Maurice G. Dantec. Kamera: Thierry Arbogast. Musik: Atli Örvarsson. Produzent: Alain Goldman
Mit: Vin Diesel (Toorop), Michelle Yeoh (Schwester Rebecca), Mélanie Thierry (Aurora), Lambert Wilson (Darquander), Charlotte Rampling (Hohepriesterin), Gérard Depardieu (Gorsky) u. a.
101 Minuten     (3 von 10 Punkten)

Babylon A.D.
(Bildrechte: Concorde Filmverleih)

Synopsis: Osteuropa, in naher Zukunft. Söldner Toorop erhält den Auftrag, die junge Aurora von einem Kloster weg ostwärts über den halben Erdball und in 6 Tagen nach New York zu bringen. Dort wird sie von einer einflussreichen Hohepriesterin schon erwartet, die in ihr die Reinkarnation der Jungfrau Maria sieht. An Auroras Seite wacht die kampferprobte Nonne Rebecca. Das Trio hat auf dem Weg zum Zielort mit zahlreichen menschlichen und anderen Widersachern zu tun, derweil Toorop zunehmend erkennt, welche Absichten in Wirklichkeit hinter der Mission stecken.

Kritik: Eine zweifelhafte Allianz hat sich hier gebildet: Vin Diesel brauchte nach seiner Verirrung ins komische Fach (BABYNATOR) und fast zweijähriger Versenkung ein Vehikel, das ihn wieder in das Bewusstsein der Action-Liebhaber hievte. Regisseur Kassovitz hingegen bemächtigte sich eines zugkräftigen Namens, um nach dem GOTHICA-Flop wieder Fuß zu fassen. Das Ergebnis der Kooperation zahlte sich indes nicht aus: Die 60 Millionen US-Dollar Produktionskosten wurden nach drei Wochen auf dem lukrativen amerikanischen Markt zu gerade einmal einem Drittel eingefahren.

Dabei beginnt BABYLON A.D. zunächst wie bei einem Actionfilm erwartet eindimensional (was nicht unbedingt negativ sein muss): Diesel verkörpert den einsamen Söldner mit Prinzipien, der wortkarg und taff durch eine Welt stapft, die wie Tschetschenien oder Abchasien nach dem Abzug der russischen Truppen aussieht. So kennen (und mögen?) wir ihn: Das ovale Gesicht wird mit uniformem Ausdruck in die Kamera gehalten, und wer ihm dumm kommt, kriegt eins aufs Maul. In das düstere Bild passt dann auch der Kurzauftritt von Knollennase Dépardieu als Unterweltbaron, der ihm ein Angebot macht, das er nicht ausschlagen kann. Sequenzen, die einer Comicvorlage ähnlich sind.

So weit, so gut, und wäre die Basishandlung der Ablieferung des Paketes (wie Toorop anfänglich seinen Schützling Aurora nennt) gradlinig und aktionsreich fortgeführt worden, es hätte ein passabler Streifen im Mittelklassesegment werden können. Aber Kassovitz wollte offenbar mehr als nur einen weiteren TRANSPORTER-Film mit Endzeit-Optik schaffen. Ihm schwebte diffus die tiefere Durchdringung der Mission im Sinne einer Verquickung von Wissenschaftskritik und Heilstheologie vor. Mit übernatürlichen Fähigkeiten wird jongliert, Klonierung und Enhancement müssen herhalten, die Schaffung einer Herrenrasse war schon in seinem DIE PURPURNEN FLÜSSE ein Thema, und damals wie heute war die Logik so löchrig, dass auch die an den Haaren herbeigezogene Auflösung des Sub-Plots nicht überzeugt. Jene wird zu allem Unglück per konstruiertem Appendix nachgeschoben, lange nachdem die Gelegenheit zu einem akzeptablen Filmende verpasst worden ist.

Fatalerweise muss das Publikum einen Tempoabfall hinnehmen, je mehr Hinweise sich auf die wahre Identität der unschuldigen Aurora offenbaren. Auch hier lässt BABYLON A.D. ein Händchen fürs Timing vermissen. Spätestens seit der Rast in der kanadischen Eiswüste, wenn Toorop und Aurora als Schattenbild vor gerötetem Nachthimmel sitzen (de Beers „Kleiner Eisbär“ Lars lässt grüßen), schlingert die Story mehr oder weniger träge und zusammenhanglos dahin. Spannung ade.

An schauspielerischer Leistung gibt es abgesehen von den Anfangsminuten nichts zu vermelden. Michelle Yeohs undankbarer Part beschränkt sich auf ein paar Handkantenschläge und Mitlaufen. Charlotte Rampling gibt sich fünf Minuten lang die Ehre und hat keinen veritablen Grund, den Film in ihrer Vita zu erwähnen. Mit der Abnahme der Klopp-Szenen im Verlauf der Handlung offenbart sich leider auch die schauspielerische Beschränktheit von Diesel, was besonders in den Szenen der zarten Annäherung zwischen Aurora und ihm zum Ausdruck kommt. Die Ratlosigkeit zur Frage „Wie stelle ich denn nun Zuneigung dar?“ ist ihm praktisch ins Gesicht gemeißelt. Einer der wenigen und sicherlich nicht so geplanten komischen Momente, der mir fast einen Hauch Mitleid abverlangte.


About this entry