COUSCOUS MIT FISCH

Couscous mit Fisch     (La graine et le mulet, F 2007)

Regie: Abdellatif Kechiche
Buch + Dialoge: Abdellatif Kechiche und Ghalya Lacroix. Kamera: Lubomir Bakchef
Mit: Habib Boufares (Slimane Beiji), Hafsia Herzi (Rym), Faridah Benkhetache (Karima), Abdelhamid Aktouche (Hamid), Alice Houri (Julia), Marzouk Bouraoucea (Souad), Cyril Favre (Serguei), Leila D’Issernio (Lilia), Hatika Karaoui (Latifa) u. a.
154 Minuten     (8 von 10 Punkten)

Couscous mit Fisch
(Bildrechte: Arsenal Filmverleih)

Synopsis: Sète, Südfrankreich, Gegenwart. Slimane Beiji ist seit 35 Jahren Werftarbeiter. Der Job überfordert den 60-jährigen Einwanderer aus Nordafrika zunehmend, sein Traum ist ein eigenes Restaurantschiff. Von einer Abfindung kauft er einen schrottreifen Kahn, die weitere Verwirklichung soll mit Hilfe der Familien aus erster Ehe und seiner jetzigen Lebenspartnerin geschehen. Am Abend, als potentielle Finanziers und Behördenvertreter zu Couscous mit Fisch an Bord geladen werden, spitzen sich die Ereignisse zu.

Kritik: Underdog krempelt in späten Jahren sein Leben um und verwirklicht seinen Traum: Das Sujet ist nicht wirklich neu, aber das, was COUSCOUS MIT FISCH zu einem ausnehmend schönen und gelungenen Film macht, ist die Ungekünsteltheit der Situationen und die Liebe der Macher zu den dargestellten Personen. In vielen Situationen, bei denen wortgewaltig die Fetzen fliegen und der Zuschauer ganz nahe am Geschehen ist (quasi mit am Wohnzimmertisch sitzt), da habe ich mich gefragt, wie verteufelt gut sich Regisseur und Drehbuchautor Kechiche in die Köpfe seiner Leute hineinversetzen kann. So etwas kann man sich nicht ausdenken, das muss er selbst erlebt und sich gut gemerkt haben.

Ein Lob, das besonderes Gewicht hat, weil es vornehmlich die Frauen sind, die das Wort führen. Mal sanft, tröstend, aufmunternd, mal witzig ausgelassen, aber auch anklagend und unbequem die Dinge auf den Punkt bringend. In der mitreißenden Geschichte um Slimane Beiji und seine beiden Familien ist es wahrlich das „schwache“ Geschlecht, das die Welt im Innersten zusammenhält. Die Männer geben im Vergleich dazu nur die Randfiguren ab. Das gilt für alle Söhne und Schwager ohnehin, aber auch im gewissen Sinne für den arg gebeutelten Slimane, der mit den harten Realitäten der modernen Leistungsgesellschaft nicht mehr zurechtkommt. Sein Erscheinen hat den Charakter eines stummen Schreis nach Hilfe. Im Vergleich dazu geben die ungeheuer standfest im Leben stehenden und von wahrhaft üppiger physischer Präsenz ausgestatteten Frauen eine Figur ab, die mich an der Echtheit der meisten publikumswirksam durchgestylten Hollywood-Schönheiten zweifeln ließen.

Nun hätte Kechiche mit den Klischees „arabische Männer = Pascha“ und „Frauen regieren die Welt“ eine turbulent witzige, aber inhaltlich flache Komödie stricken können. Zweifellos: Humor ist ein wesentlicher, aber nicht ausschließlicher Teil des Ganzen. Es gibt gibt ernstzunehmende Differenzen zwischen Slimanes Familie aus erster Ehe und seiner jetzigen Lebensgefährtin, und auch die sexuellen Eskapaden eines Sohnes geben immer wieder Anlass zu Ärger und Verzweiflung. Die Szenen, wo am Werdegang Slimanes die Arbeitsplatznot, das unbarmherzige Leistungsprinzip des Kapitalismus und das Fischereisterben thematisiert werden, erscheinen eher beiläufig, sind aber durch die Verknüpfung mit dem Einzelschicksal umso eindringlicher. COUSCOUS MIT FISCH ist kein Protestfilm über soziale Ungerechtigkeit in Bezug auf Franzosen mit „arabischen Migrationshintergrund“, dazu fehlen die scharfe Note und die Gegenüberstellung mit dem Establishment. Er ist viel mehr ein emotional bewegender Einblick in die Befindlichkeit einer ausgewählten Gruppe Individuen, die durch Familienbande miteinander verknüpft sind. Von der Authentizität der Personen und der an ihnen dokumentierten Lebensumstände ist der Film durchaus vergleichbar mit Alan Parkers COMMITMENTS. Hier wie dort gibt ein Traum den Anstoß und der Weg bringt den Zuschauer an die beseelten Akteure heran. Und Scheitern und Gelingen liegen in beiden Fällen eng beieinander.

Ich kann mich anderen Kommentatoren nur anschließen: Die 154 Minuten Filmdauer gehen weg wie nichts, trotz der Menge an Familienmitgliedern verliert sich nicht die Übersicht, und die Handlung besitzt einen Drive, der sich vom tragisch-behutsamen Beginn in ein wahres Finale Furioso steigert. Und ich behaupte einfach mal, dass die Dialoge in der OF noch einen Bonuspunkt einbringen würden.


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