THE DARK KNIGHT

*** THE DARK KNIGHT * USA 2008 * Musik: James Newton Howard und Hans Zimmer * Drehbuch: Christopher und Jonathan Nolan, nach einer Geschichte von Christopher Nolan und David S. Goyer, basierend auf den comics von Bob Kane * Regie: Christopher Nolan * Darsteller/-innen: Christian Bale, Michael Caine, Heath Ledger, Gary Oldman, Aaron Eckhart, Maggie Gyllenhaal, Morgan Freeman, Cillian Murphy, Eric Roberts, Anthony Michael Hall, Monique Curnen, Chin Han, Nestor Carbonell, Ritchie Coster, Joshua Harto, Melinda McGraw, Nathan Gamble, u. v. a. * [teilw. kantones. OmU] * 152 Minuten * (9 von 10 Punkten) ***

Synopsis: Die Tage der organisierten Kriminalität in Gotham City scheinen gezählt zu sein, seitdem nicht nur der dunkle Ritter Batman (alias Bruce Wayne (Christian Bale)) in enger Zusammenarbeit mit der Polizei (personifiziert durch Detective Lieutenant James Gordon (Gary Oldman)) die Häuserschluchten reinigt, sondern auch mit Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart) eine wahre Lichtgestalt sein gerechtes Zepter schwingt.

In ihrer Not wendet sich die multikulturelle Mafia Gothams an den psychopathischen „Joker“ (Heath Ledger in seiner vorletzten Rolle brilliert als völlig durchgeknallter Massenmörder), dem es weder um Geld, noch um Einfluss geht: Sein tödliches Spiel ohne Sinn, Regeln und Verstand versetzt nicht nur die Bürger der 30-Millionen-Stadt in Angst und Schrecken, sondern zwingt alsbald auch die Vertreter des Gesetzes dazu, ihre Grenzen zu überschreiten.

Als der „Joker“ Batmans ehemalige Geliebte Rachel Dawes (Maggie Gyllenhaal in Katie Holmes’ Rolle aus BATMAN BEGINS), welche inzwischen nicht nur beruflich mit dem Staatsanwalt liiert ist, als Schwachstelle zwischen den beiden positiven Antipoden Batman / Bruce Wayne und Harvey Dent aus- und zu seiner Zielscheibe gemacht hat, fallen die Masken auf Seiten der Ach-so-Guten gleich reihenweise … und zwar in ein Blutbad.

Nicht einmal seine beiden väterlichen Freunde und Gönner Alfred (Michael Caine) und Lucius Fox (Morgan Freeman) können Batman / Bruce Wayne jetzt noch helfen … Welcome to a world without rules.

Kritik: Eine comic-Verfilmung? Nein, das hier ist Dantes Inferno. Mehr als das. THE DARK KNIGHT spottet jeder Beschreibung, außer einer: Meisterwerk.

Die Gebrüder Nolan (zuletzt eher mau gewesen mit PRESTIGE – DIE MEISTER DER MAGIE) öffnen mit einem der besten Drehbücher der Filmgeschichte nichts weiter als die Büchse der Pandora und heraus springt mit Heath Ledgers „Joker“-Darstellung nicht nur ein epochales, dauergrinsendes Über-Monster, sondern ein 152 Minuten andauerndes bild- und tongewaltiges Trommelfeuer von Sinneseindrücken, das seines Gleichen sucht und möglicherweise auf Jahre hin nicht finden wird, so dermaßen erdrückend (erniedrigend?) und beunruhigend, dass man sich vor seiner eigenen Faszination beinahe ekelt.

Ist das hier noch Zelluloid, oder schon Schwarzfilm? THE DARK KNIGHT spielt so virtuos auf der Klaviatur des absolut Bösen, öffnet so unerbittlich eine Falltür nach der anderen hinab in tiefste Untiefen der menschlichen Abgründe, als gelte es vor allem erstmal seine Herkunft als grellbunt-banales Groschenheftchen für pubertierende teenager auf so unsentimentale Art wie nur irgend möglich zu negieren. Und das auf einem noch nie dagewesenen Niveau. Es tut trotzdem weh. Ungeheuer weh.

Aus einem Superhelden ohne Superkräfte, dessen Karriere lange Zeit von seinem eigenen Fledermausschatten als camp-ige und selbstironische Witzfigur überschattet war, schmelzen Christopher und Jonathan Nolan einen vielfach in sich gebrochenen Anti-Helden, und mit in den Schmelztiegel kommt als Hauptzutat eine nüchtern-nihilistische Sicht auf die augenblickliche Weltlage: Superheld Batman kann dem Angstregime des „Jokers“ ebenso wenig entgegen setzen, wie die Supermacht USA dem globalen Terror: Dass THE DARK KNIGHT als Seismograph der aktuellen Krise des Humanismus nicht nur fungiert, sondern auch noch funktioniert, ist das eigentliche Wunder dieses bitterbösen Machwerks.

Dessen eigentlicher star, bei all den schwindelerregenden stunts und special effects und technisch durchweg atemberaubender Perfektion, man kann es nicht oft genug betonen, das Drehbuch der Nolans ist: Im Minutentakt spuckt es neue Charaktere auf die Leinwand, neben mindestens einem halben Dutzend Hauptakteuren/-aktricen finden sich ebendort bald mehrere Dutzend Nebendarsteller/-innen ein, zudem gefühlte 1.000 Sprechrollen und zirka 10.000 Komparsen, mindestens. Sie alle werden in den wirbelnden Maelstrom dieses Skripts geworfen und alle schwimmen, niemand geht unter, niemand wird vergessen: Schicksal kollidiert mit Schicksal, ein Drama folgt dem nächsten, nur die wenigsten Blätter wenden sich zum Guten: Die arme Kinoleinwand, ohnehin nur hauchdünner Schutzfilm zwischen der orgiastischen Gewalt Gotham Citys und den verletzlichen Zuschauerreihen vor ihr, liegt schon zur Pause (nötig, weil Überlänge) in Fetzen.

Da ist man als verzweifelt nach emotionalem Halt suchender Cinéast geradezu dankbar für die ruhige Souveränität, mit der die großen alten Charmebolzen Michael Caine und Morgan Freeman ihre durchaus einander ähnelnden Rollen ausfüllen. Zusammen mit Heath Ledger, Gary Oldman, Aaron Eckhart und Maggie Gyllenhaal sorgen sie zudem dafür, dass Batman-Darsteller Christian Bale den Film nicht mit seinem einzig bei ihm vorhandenen Gesichtsausdruck tragen muss. Weiterhin negativ ins Gewicht fällt die angesichts der sonst vorherrschenden Genialität die doch recht einfallslose Musik der Hollywood-Dauerbeschaller James Newton Howard und Hans Zimmer – angesichts des schwachen scores muss die Frage erlaubt sein, warum man denn gleich beide engagieren musste. Angenehm egal ist aber inzwischen die Tatsache, dass, seitdem die Nolan-Brüder in BATMAN BEGINS den dunklen Ritter unter ihre Fledermaus-Fittiche genommen haben, nicht mehr New York als Gotham City fungieren darf, sondern Chicago; die Herren Giuliani und Bloomberg werden das angesichts ihrer rigorosen Säuberungspolitik („No more worms in the Big Apple!“) zufrieden zur Kenntnis nehmen.

Aber apropos Zufriedenheit: Merkwürdig, ja sogar äußerst unangenehm ist deren Ausbleiben nach Ende des Films, obwohl man gerade ein definitives Meisterwerk gesehen hat. Und Vorfreude auf den dritten Batman von Christopher und Jonathan Nolan will ebenfalls irgendwie nicht aufkommen.

Denn bei aller Genialität, die THE DARK KNIGHT objektiv messbar innewohnt: Noch nie zuvor habe ich mich nach einem Kinobesuch so kaputt und zerschlagen an Seele wie Sinnesorganen zugleich gefühlt.

Dass einer der Hauptdarsteller das hier nicht überleben konnte, erscheint, so pervers es auch klingen mag, daher nur konsequent.

Heath Ledger, R.I.P.


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