ELEGY ODER DIE KUNST ZU LIEBEN

Elegy oder die Kunst zu lieben      (Elegy, USA 2008)

Regie: Isabel Coixet
Buch: Nicholas Meyer, nach dem Roman „Das sterbende Tier“ von Philip Roth. Kamera: Jean-Claude Larrieu. Editor: Amy Duddleston
Mit: Ben Kingsley (David Kepesh), Penélope Cruz (Consuela Castillo), Peter Sarsgaard (Kenny Kepesh), Patricia Clarkson (Carolyn), Dennis Hopper (George O’Hearn) u.a.
112 Minuten     (6 von 10 Punkten)

Elegy
(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: New York, Gegenwart. College-Professor David Kepesh hat ein Faible für junge Frauen, lässt sich aber nur auf kurze Affären ein. Die langjährige Praxis gerät ins Wanken, als er sich in die 30 Jahre jüngere Studentin Consuela Castillo verliebt. Unfähig zu einer echten Beziehung strapaziert er das Verhältnis, bis Consuela den Kontakt abbricht. Sein Leben gleicht fortan einer Hülle ohne Inhalt. Als er nach zwei Jahren glaubt, im Gleichgewicht zu sein, meldet sich Consuela plötzlich wieder.

Kritik: Ich habe mich schlau gemacht: Elegie [griech., zu élegos „Klagelied“], lyr. Gattung; nach der rein formalen Bestimmung ein Gedicht beliebigen Inhalts in eleg. Distichen, nach der inhaltl. Bestimmung ein Gedicht im Ton verhaltener Klage und wehmütiger Resignation.* Vor Augen schwebt mir eine abgedunkelte Bühne mit Spot auf einem, höchstens zwei Akteuren (von denen dann einer tot oder nahe dran ist) und ein ellenlanger Monolog, der hohe Ansprüche an Empathie und Sitzfleisch des Publikums stellt.

Im Grunde weicht ELEGY nicht weit von dieser Vorstellung ab: Das Lied wird über die Kunst zu Lieben gesungen und David Kepesh ist derjenige, dem es an Klagestoff nicht fehlt. Die Bewegungen sind behutsam, die Bilder von Personen und Interieur elegant (na eben kunstvoll), die Musik (Bach, Beethoven, Vivaldi) sparsam instrumentiert und ausgewählt von der Regisseurin selbst. Das alles hat Stil und Klasse und der Film verfügt mit Penelope Cruz und Ben Kingsley über die passenden Hauptdarsteller, um die Inhalte optisch ansprechend zu transportieren. Dabei ist es besonders letzterer, der mit seinem Spiel dem alternden Frauenschwarm und emotional plötzlich überforderten Literaturprofessor ein markantes Gesicht verleiht. Um sein Gefühlsdilemma dreht sich die ganze Story, der teilweise aus dem Off Kommentierende ist prädestiniert zur Identifikationsfigur.

Und wird es dennoch nicht. Um wirklich emotional bewegend zu sein und das Publikum mitzureißen, fehlt es an gemeinsamen Bezugspunkten, zumal Davids zögerliche, im Vergleich zu seiner nach außen getragenen Souveränität so gar nicht erwachsene Art des Umgangs mit Consuelas Gefühlen ihm einiges an Sympathie kostet. Auf mich hinterließ der Film den Eindruck, in eine artifizielle Welt zu blicken, die mich streckenweise unberührt ließ. Auf hohem Niveau dreht sich die Hauptperson im Kreis und sieht sich mit Problemen konfrontiert, für die er – absehbar fürs Publikum – keine Lösung finden wird. Intensive Darstellung innerer Zerwürfnisse ist Coixets Spezialität, hier nimmt sie ebenfalls einiges an Film-Zeit in Anspruch, und das Publikum muss mitleiden.

Cruz’ Rolle ist das Schicksal beschieden, zu Kingsleys wegen ihrer „Normalität“ etwas in den Hintergrund zu geraten, zumal Consuela häufig durch die Augen Davids wahrgenommen und auf das Schönsein reduziert wird. Das dürfte auch der Romanvorlage entsprechen und wird vorteilhaft mit der Kamera eingefangen. Consuela stellt durchaus die richtigen Fragen und Forderungen, aber Kingsleys Darstellung der inneren Zerrissenheit und äußeren Beherrschung ist einfach zu erdrückend.

Während David oftmals mit Schweigen auf Konfrontation reagiert, sind es die Rollen an seiner Seite, die teils lebensmunter (Dennis Hopper als Davids Literatenkumpel George), teils elegisch gehaltvolle Sätze zum Thema Gefühle und vor allem das Älterwerden äußern. Exkurse zum Leben der Nebenrollen gibt es so weit, wie es zur Unterstützung des Hauptstranges vonnöten ist, indes nur in Wort und nicht in Bild. Damit bleibt der Film seiner strengen Linie treu und erlaubt dem Zuschauer zu keiner Minute, der Sinnkrise in Kopf und Bauch des Protagonisten zu entkommen.

* Meyers großes Taschenlexikon in 24 Bänden, Bd. 6. – Aktual. Neuaufl. – Wien, 1983, S. 102


About this entry