HAPPY-GO-LUCKY

Happy-Go-Lucky      (GB, USA, 2007)

Buch und Regie: Mike Leigh
Produktion: Simon Channing Williams. Kamera: Dick Pope. Musik: Terry Daves
Mit: Sally Hawkins (Poppy), Eddi Marsan (Scott), Alexis Zegerman (Zoe), Sylvestra Le Touzel (Heather), Kate O’Flynn (Suzy), Caroline Martin (Helen), Oliver Maltman (Jamie), Samuel Roukin (Tim), Stanley Townsend (Obdachloser) u. a.
118 Minuten     (8 von 10 Punkten)

Happy-Go-Lucky
(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: Grundschullehrerin Pauline, genannt Poppy, 30 Jahre alt, lebt mit WG-Genossin Zoe in Nord-London. Sie begegnet der Welt und den Menschen darin mit Optimismus und entwaffnender Offenheit, und die im Film in lockerer Folge gezeigten Szenen unterstreichen dies zunächst vortrefflich. Nachdem ihr Fahrrad gestohlen wurde, nimmt sie Fahrstunden beim Misanthropen Scott, dem selbst Poppy bald nichts Positives mehr abgewinnen kann. In der Schule kümmert sie sich um einen verhaltensauffällig gewordenen Schüler. Beim Besuch der schwangeren jüngeren Schwester untermauert sich ihr Eindruck von der Borniertheit jeglicher Lebensplanung. Ihrem neuen Freund Tim versichert sie, dass sie eine glückliche Frau ist.

Kritik: HAPPY-GO-LUCKY hat die Wirkung, anschließend im Straßencafé noch stundenlang als Gesprächsstoff zu dienen und sich beinahe jede Szene erneut vor Augen führen zu wollen. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen und empfehle Nachahmung. Bei einem solchen luftig-frischen Rückblick kommen insbesondere die Passagen und Bonmots ins Gedächtnis, die uns gezügelten Zeitgenossen Poppy als „verrücktes Huhn“ charakterisieren lassen. Der Verleih und die schreibende Zunft lässt ja auch nichts unversucht, publikumswirksam auf das Prädikat Komödie hinzuweisen. Das Filmplakat strahlt quirlige Lebensfreude aus, das englische happy-go-lucky versuchten nicht einmal die sonst so erfindungsfreudigen deutschen Überschriftenmacher zu toppen, und überall steht zu lesen, dass es sich um den Publikumsliebling der diesjährigen Berlinale handelt.

Besonders in der ersten Hälfte von HAPPY-GO-LUCKY drängt sich der Verdacht auf, dass solche Leichtigkeit des Seins nur aufgrund eines verminderten IQ zustande kommen kann. Das spontane Anquatschen von fremden Leuten, Wochenend-Besäufnisse und das anschließende Abhängen in Freundinnenbuden, die Klamotten Modemarke „Grelle Achtziger Jahre“: Das Zuschauen bewirkt ein befremdlich-fasziniertes Amüsement, Poppy lebt und ist wirklich das bisschen bluna, welches die Werbung in uns anderen nur vermutet. Die Aufklärung, dass die Protagonistin als Grundschullehrerin arbeitet, verleiht dem Film einen ersten Pfeiler der Ernsthaftigkeit, allerdings besitzt die Komödie auch über diesen Zeitpunkt hinaus noch weit mehr Merkmale einer Sitcom/Comedy-Serie denn eines ausgereiften 120-Minüters: Die Episoden stehen zum Teil unverbunden nebeneinander, manche besitzen die Funktion eines Running Gags, Personen tauchen auf und verschwinden wieder etc.

Wohlgemerkt: Bis zur beendeten Paddelbootpartie ist HAPPY-GO-LUCKY ein vergnügliches Kinovergnügen und beeindruckt durch ausgefeilten Wortwitz, Schlagfertigkeit und ein gutes Händchen für die Glaubwürdigkeit der Personen. Allerdings erfährt der Film in der zweiten Hälfte eine unverkennbare Beimischung von ernsteren Beigaben, die gewahr werden lassen, dass mit Mike Leigh jemand für Buch und Regie verantwortlich ist, der seit den 70er Jahren mit kritisch-realistischen Milieustudien der britischen Arbeiterklasse seine Brötchen verdient. In HAPPY-GO-LUCKY wird jene Unterwanderung des Unbeschwerten durch eine unverhofft düstere, so gar nicht in das knallbunte Poppy-Outfit passende Szene eingeleitet, die aber nichtsdestotrotz zu den Highlights des Films zählt. Ich zolle diesem ungewöhnlichen und wirkungsvollen Schritt Respekt.

Nach diesem Exkurs ins Schaurig-Schöne, dessen Inhalt im weiteren Verlauf des Films vollkommen unerwähnt bleibt, erhebt sich der Film mittels Symbiose von Realismus und Leichtigkeit zu neuer Stärke, weiterhin transportiert und repräsentiert durch die überragende Sally Hawkins. Speed-Dating mit Therapie-Potential: Er ist kaum mehr als ein kurzer, ein- bis zwei Wochen umfassender Ausschnitt aus ihrem Leben, wir sind nur kurz zu Besuch bei einer Frau, von deren Lebensauffassung wir uns eine Scheibe abschneiden können. Und es hoffentlich auch tun.


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