PARANOID PARK

Paranoid Park     (USA, Frankreich, 2007)

Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Gus Van Sant, nach dem Buch von Blake Nelson. Produktion: Neil Kopp und David Cress. Kamera: Christopher Doyle und Rain Kathy Li
Mit: Gabe Nevins (Alex), Taylor Momsen (Jennifer), Jake Miller (Jared) Dan Liu (Detective Richard Lu), Scott Green (Scratch), Lauren McKinney (Macy) u. a.
[OmU]    85 Minuten     (8 von 10 Punkten)

PARANOID PARK
(Bildrechte: Peripher Filmverleih)

Synopsis: Portland, Oregon. Der 16-jährige Alex hängt nach dem Unterricht am liebsten mit Kumpel Jared in der Skater-Anlage Paranoid Park ab. Eines Nachts lässt er sich von einem älteren Skater zum „Train Surfing“ überreden. Ein Wachmann überrascht sie und kommt zu Tode. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf, tappt aber im Dunkeln. Alex versucht, die auf sich geladene Last zu verarbeiten.

Kritik: PARANOID PARK besitzt die Eigenschaft, die Aufmerksamkeit des Publikums in Beschlag zu nehmen, ohne die geringsten Merkmale mitzubringen, es mitzureißen. Das Erzähltempo ist beschaulich bis behäbig, die Hauptperson besticht durch einen einzigen Gesichtsausdruck, die Musik variiert von Klassik, Hip-Hop, Rap bis hin zu simplen Schlagermelodien, welche in vielen Fällen so gar nicht zu den gezeigten Szenen zu passen scheinen. Während einer im Bild kaum dreißig Sekunden dauernden Autofahrt dudelt ein soches Potpourri aus dem Radio, und Alex macht keine Anstalten, daran etwas zu ändern. Jene Vorgehensweise besitzt doppelten Effekt: Einerseits wird vermieden, durch allzu konzentrierten Einsatz eine Wirkung zu forcieren und dem Zuschauer eine Distanz zu Geschehen zu nehmen. Andererseits unterstreicht sie die Unfertigkeit und Desorientierung der Hauptperson, wenn nicht gar der ganzen lost generation, die Gus Van Sant laut Kritikermeinung in seinen letzten Filmen GERRY, ELEPHANT, LAST DAYS und nun PARANOID PARK beschreibt.

Hauptperson Alex, der fast unablässig im Bild ist, ist wahrlich kein Übermittler von Botschaften und Befindlichkeiten, sehe ich einmal vom oben erwähnten hypnotischen Wandeln durch eine Welt ab, in die er hineingeworfen scheint und für die er weder eine Definition noch eine Perspektive für sich gefunden hat. Wenig wird über ihn gewahr, ein Highschool-Kid der Gegenwart, die indes in Van Sants Film nicht mit Schlagworten wie Bildungsnotstand, Rassenproblemen und Verweigerung angefüllt ist. Erwachsene erscheinen beiläufig, sind ohne Wirkung: Gespräche mit den Elternteilen verlaufen einseitig und lakonisch. Die Schulobrigkeit ist nur unscharf im Bild oder ertönt per Lautsprecher. Und der Polizeibeamte betont beim Verhören der Skater, er versuche ihre Welt zu verstehen, was aber bestenfalls als gut gemeinter Versuch bezeichnet werden kann.

Alex ist nicht dumm, kein Verweigerer, und in seinem Umfeld gibt es durchaus Belege dafür, dass Van Sant die Generation nicht über einen Kamm schert. Allerdings verliert er seinen Protagonisten nicht aus den Augen, und Alex’ Präsenz ist es, die uns nicht loslässt. Seine braunen Augen blicken mit einer Mischung aus Melancholie und Teilnahmslosigkeit in die Welt. Schlafwandlerisch nimmt er am Leben teil, ohne auf es wirken zu wollen. Aufforderungen, sich zu engagieren oder nur eine Meinung zu haben, prallen an ihm ab, und weder seine Freundin Jennifer, die ihm den ersten Sex quasi aufnötigt, noch der von Alex verursachte Tod des Sicherheitsmannes ändern an der inneren Unentschiedenheit etwas. Die Personen um ihn herum berühren ihn ebenso wenig wie die verlassenen Schulkorridore und die blassen Straßen von Portland, durch die er sich tagtäglich bewegt.

Einzig das Skaten reißt ihn aus der Lethargie. Christopher Doyle’s 35 mm- und Rain Kathy Li’s Super 8-Kameraarbeit gelingt es immer wieder, in phantastischen und mit Musik unterlegten Bildern ein Lebensgefühl jener Subkultur zu beschwören. Aber selbst dort entledigt sich Alex nicht vollständig seiner Passivität, bezeichnet sich als noch nicht gut genug, sitzt nur dabei und beobachtet.

PARANOID PARK springt in der Chronologie vor- und rückwärts, und dies findet seine Entsprechung in den fliegenden Blättern, auf denen Alex die Ereignisse der letzten Tage niederschreibt. Als Therapie gegen Frust und Angst, wie ihm eine Freundin vorschlug, und die Zeilen dienen als rudimentäres Erzählgerüst für den Film. Dass er die Seiten gegen Ende des Films doch verbrennt, zeigt, dass er noch immer nicht bereit ist für die linear ausgerichtete und an Problemlösung orientierter Erwachsenenwelt.


About this entry