EIN EINZIGER AUGENBLICK

Ein einziger Augenblick      (Reservation Road, USA 2007)

Regie: Terry George
Drehbuch: John Burnham Schwartz und Terry George, nach dem Roman von John Burnham Schwartz
Produktion: Nick Wechsler, A. Kitman Ho. Kamera: John Lindley. Musik: Mark Isham
Mit: Joaquin Phoenix (Ethan Learner), Jennifer Connelly (Grace Learner), Elle Fanning (Emma), Mark Ruffalo (Dwight Arno), Eddie Alderson (Lucas), Mira Sorvino (Ruth Weldon) u. a.
102 Minuten     (5 von 10 Punkten)

EIN EINZIGER AUGENBLICK
(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: Connecticut, Gegenwart. Eines Nachts blendet ein entgegen kommendes Fahrzeug den Anwalt Dwight Arno, der kurz von der Fahrbahn abkommt und einen Jungen anfährt. In anfänglicher Panik flieht er vom Unfallort und stellt sich auch in den kommenden Tagen und Wochen nicht der Polizei. Währenddessen versucht Ethan Learner, der Vater des Jungen, immer verbissener auf eigene Faust auf die Spur des Fahrers zu kommen. Prekär wird die Lage, als er ausgerechnet Dwight als juristischen Beistand engagiert, um die Nachforschungen zu forcieren.

Kritik: Wie so oft bildet die Idylle der amerikanischen Mittelschicht den Einstiegspunkt für ein persönliches Drama. Die Learners sind eine Vorzeigefamilie mit wohlgeratenen Sohn Josh und Tochter Emma, eigenem Häuschen an der Ostküste, Ethan arbeitet als Collegeprofessor, Grace ist einfach nur da und sorgt treu. Anwalt Dwight, der bald der Täter sein wird (und das Dreckschwein, das nach Ethans Meinung hinter Gittern verschwinden sollte), hat außer Querelen mit seiner Ex-Frau um das Besuchsrecht nichts Anrüchiges an sich, die Liebe zu seinem Sohn Lucas wird nur noch übertroffen von der gemeinsamen Passion für das Boston Red Sox Baseball-Team. So weit, so unspektakulär.

Jene heile Welt wird verständlicherweise etwas durchgeschüttelt, als Josh zu Tode kommt. Für alle Beteiligten beginnt nun eine Zeit des Leidens. Doch während die Protagonisten sich mehrheitlich Sorgen um die Zukunft nach dem schrecklichen Ereignis machen, stellt sich für uns Kinobesucher die Frage, was wir vom gegenwärtigen Geschehen auf der Leinwand zu halten haben. Ist dies nun ein subtil inszeniertes Drama, das von psychologischem Tiefgang und intensiv dargebrachten Gefühlen lebt? Oder entwickelt sich mittels des sichtbar getroffenen und von zunehmender Ergebnisarmut polizeilicher Nachforschungen enttäuschten „Normalos“ Ethan doch noch ein unrealistischer, aber spannungsgeladener Thriller à la DIE REGELN DER GEWALT oder 21 GRAMM?

Um es kurz zu machen: EIN EINZIGER AUGENBLICK ist viel zu brav und bieder inszeniert, um den Zuschauer wirklich in seinen Bann zu ziehen. Hinter den Fassaden der schmucken Kleinstadt gibt es keine Leichen im Keller und die Handlung wird nicht von heroischen Taten, sondern allenfalls von Beharrlichkeit und Winken des Schicksals vorangetragen. Der Tod von Josh, durch die Fahrerflucht zur Straftat geworden, bleibt ein Unfall und nichts wird unversucht gelassen, Dwight ebenfalls als Opfer denn als Auslöser jener Geschehnisse darzustellen, die an jenem Abend an der Reservation Road (so auch der amerikanische Originaltitel) ihren Ursprung hatten. Für Zuschauer, die auf ähnliche Weise eine nahe stehende Person verloren haben und / oder über ein überdurchschnittliches Maß an Empathie verfügen, mag dies zu Gefühlswallungen Anlass geben, für den nüchternen Betrachter stellt sich angesichts der zurückgenommenen Dramaturgie aber ein Anflug von Eintönigkeit ein.

Dwights Gegenpart Ethan ist zunehmend besessen von der Vorstellung, den Täter eigenhändig finden zu müssen, allerdings inszeniert Regisseur Terry George wieder nur ein verhaltenes Katz- und Maus-Spiel zwischen den Männern. Es wird zwar ständig zwischen ihnen hin- und hergeschaltet, deren Leben auf Augenhöhe gebracht, aber über weite Strecken ist es ein Nebeneinander mit angezogener Handbremse. Die Interaktion erfährt Einschränkungen dadurch, dass Ethan lange Zeit im Dunkeln tappt und sein Handeln nur seiner stummen Verzweiflung zusätzlichen Ausdruck verleiht, während der von Schuld beladene Dwight zwischen halbherziger Vertuschung und Selbstanzeige bei der Polizei herumeiert. Starke Gefühle und ein echtes Verlangen, über den Schicksalsschlag hinwegzukommen, werden im Film in ihren wenigen Auftritten nur von Jennifer Connelly als Grace transportiert, die Männer bleiben in dieser Funktion mangelhaft. Fast wie im richtigen Leben auch.


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