TRUE NORTH

True North – Der letzte Fang      (True North, GB, D, Irland 2006)

Buch und Regie: Steve Hudson
Produzenten: Sonja Ewers, Benjamina Mirnik, David Collin, Eddie Dick. Kamera: Peter Robertson. Musik: Edmund Butt
Mit: Peter Mullan (Riley), Gary Lewis (Skipper), Martin Compston (Sean), Steven Robertson (Schiffskoch), Angel Li (Su Li), Hark Bohm (Pol) u. a.
96 Minuten    (6 von 10 Punkten)

True North
(Bildrechte: Alpha Medienkontor)

Synopsis: Schottland, Gegenwart. Goldene Zeiten hat es für die vierköpfige Besatzung des Fischerbootes „Providence“ nie gegeben, doch in letzter Zeit bleiben die großen Fänge ganz aus. Deckmann Riley schlägt Sean, dem Sohn des Skippers, vor, von Ostende aus Zigaretten zu schmuggeln. Statt der Tabakwaren werden es aber 20 Chinesen. Riley und Sean versuchen, die Sache vor dem Skipper geheim zu halten, was ihnen über den Kopf wächst, als wegen vermeintlicher Fischgründe Umwege gefahren werden und nach einem Sturm die Chinesen an Unterkühlung erkranken.

Kritik: Die Idee zu TRUE NORTH kam Autor und Regisseur Steve Hudson, als im Jahre 1990 vom britischen Zoll ein Container geöffnet und dort 58 an Hitzschlag und Dehydrierung gestorbene Asiaten gefunden wurden. In den folgenden fünf Jahren schrieb Hudson an dem Drehbuch, das die Thematik Menschenschmuggel nach Schottland verlegt und sie mit dem Niedergang des auf Familientradition basierenden Fischfangs verbindet.

Hudson bewegt sich damit ganz auf dem Gebiet des British working class movie und knüpft an Vorbilder wie Mike Leigh und Ken Loach an. Die Nähe zu letzterem drückt sich auch in der Wahl der Akteure Peter Mullan (der kurzfristig für Robert Carlyle einsprang), Gary Lewis und Martin Compston aus, die in wechselnder Besetzung alle bereits unter dessen Regie gespielt haben. So lebt der Film denn auch von seiner atmosphärischen Dichte und einem erstklassischen Ensemble, das in der klaustrophobischen Enge des kleinen Kutters unausweichlich zur Geltung kommt. Gedreht wurde überwiegend an Bord, Wind und Wetter bekamen Akteure und Crew hautnah zu spüren und die Strapazen während der 35 Drehtage im Frühjahr 2006 flossen ungeschönt in die Darstellung ein. An die mit viel Geld und Technik gestalteten Unwetterszenen in Wolfgang Petersens DER STURM kommt der Film zwar nicht heran, aber jene Sequenz, als Riley and Sean um das verloren zu gehen drohende Netz kämpfen, gehört dramaturgisch ohnehin nicht zu den Unverzichtbaren. Der stille Blick in den Kühlraum, der trotz aller Bemühungen nicht voll von gefangenem Fisch werden will, ist umso eindringlicher.

Punkte verbucht TRUE NORTH immer dann, wenn er sich ganz auf die persönliche Ebene der Schiffsleute begibt und ihren Existenzkampf in einem Gewerbe zeigt, das von Überfischung der Weltmeere und zusehender Chancenlosigkeit der Familienbetriebe gegenüber den Fangflotten gekennzeichnet ist. Die traditionelle Verbundenheit zum Beruf, den schon die Vorfahren betrieben haben und sich im einzigen Besitz (dem Schiff) widerspiegelt, ist vergleichbar mit der sprichwörtlichen Treue der Bauern zur Scholle, oder der der Bergleute zur Zeche. Als sich für Sean und Riley durch den illegalen Transport unverhofft die Chance auf einige zusätzliche Euros ergibt, ergreifen sie sie nicht etwa aus kalter Berechnung, sondern aus einer Not heraus, die ihnen bereits viele Entbehrungen abverlangt hat. Über die Konsequenzen für Leib und Gewissen werden sie sich erst auf hoher See bewusst und zahlen einen hohen Preis dafür.

Der Film konzentriert sich überwiegend auf das Denken und Handeln der Crew, und Steve Hudson hätte gut daran getan, die Rolle der Chinesen auf die der unbenannten Flüchtlinge zu beschränken. Stattdessen gestattet er sich eine Nebenhandlung um die 12-jährige Su Li, die sich abseits der Gruppe als blinder Passagier an Bord versteckt und schließlich vom einfach gestrickten Schiffskoch entdeckt wird. Das geht zwar zu Herzen, verleiht der Geschichte aber zeitweise etwas Rührseliges, das nicht mit der Rauheit und Härte an Bord konform geht und vom eigentlichen Sujet ablenkt.

Bemerkung am Rande: Das benutzte Schiff musste vom langjährigen Eigentümer kurz nach Abschluss des Films für lächerliche 30.000 Euro (Pfund?) verkauft werden und wurde anschließend verschrottet.


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