BEN X

*** BEN X * Belgien / Niederlande 2007 * Musik: Sigur Rós, dEUS, Lords of Acid, Praga Khan, Liam Chan, u. a. * Drehbuch: Nic Balthazar, nach seinem Roman „Niets was alles wat hij zei“, und seinem darauf basierenden Theaterstück „Niets“ * Regie: Nic Balthazar * Darsteller/-innen: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Marijke Pinoy, Pol Goossen, Titus de Voogdt, Maarten Claeyssens, Tania van der Sanden, Johan Heldenbergh, Jakob Beks, Peter de Graef, u. a. * 93 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

Ben X
(Bildrechte: Kinowelt)

„Our life is not a movie or maybe“ (Okkervil River)

„I believe in looking reality straight in the eye and denying it.“ (Garrison Keillor)

Synopsis: Ben (hervorragend, wenn auch immer an der Grenze zum overacting agierend: Greg Timmermans), 17jähriger Schüler an einer weiterführenden Schule im flämischen Teil Belgiens, ist Autist – genauer gesagt leidet er am sogenannten „Asperger-Syndrom“. Seine Schullaufbahn ist deswegen gekennzeichnet von Übergriffen seiner Mitschüler auf ihn – doch wirklich zur Hölle ist sein schulischer Alltag erst durch das Auftreten von Bogaert und Desmedt (ungeheuer fies von Titus de Voogdt und Maarten Claeyssens verkörpert) geworden, die ihn jeden Morgen auf brutalste Art und Weise drangsalieren; weder bei seinen durchaus verständnisvollen Lehrern, noch bei seiner überforderten und von seinem Vater (Pol Goossen) geschiedenen Mutter (Marijke Pinoy), findet Ben echten Trost.

Wirkliche Flucht aus der für ihn schrecklichen Realität, der sich Ben zunehmend verweigert, bietet nur das online-Rollenspiel „Archlord“ (gibt es „wirklich“). Sein Avatar hat dort längst level 80 erreicht, weil Ben hier endlich sein darf, was ihm die „reale“ Welt da draußen verweigert: Ein Held, bewundert von seinesgleichen: Millionen von online-Rollenspielern weltweit, allen voran der weibliche Avatar Scarlite, welche die einzige Person auf der Welt ist, der sich Ben per Tastatur anvertrauen mag und mit der er gemeinsam „virtuelle“ Abenteuer epischen Ausmaßes erlebt.

Als das „real“ existierende (und selbstverständlich wunderhübsche) Mädchen (Laura „Superlativ, anyone?“ Verlinden), das sich hinter dem Avatar Scarlite verbirgt, ihn eines Tages in der „realen“ Welt treffen will, überschlagen sich die Ereignisse: Obwohl Ben sich kurz zuvor zum ersten Mal gegen seine Peiniger zu Wehr setzt, wird er von ihnen zu Tode gedemüdigt und beschließt, mit Hilfe von Scarlite „kreativ“ zu „sterben“ … mit vor allem für den Zuschauer gelinde gesagt überraschenden Ergebnissen …

Kritik: Dem Film BEN X (flämisch frei gesprochen: „Benniks“ = „Bin nichts“) gingen ein Roman („Niets was alles wat hij zei“ / „Nichts war alles was er sagte“) und ein auf dem Roman basierendes Theaterstück mit dem schlichten Titel „Niets“ / „Nichts“ voraus, allesamt aus der Feder von Nic Balthazar, dessen Filmadaption seiner eigenen Vorlagen sein Regiedebüt darstellt, was man dem Machwerk leider und vor allem in der ersten halben Stunde anmerkt.

Denn BEN X krankt, angefangen bei seiner überkandidelten video clip-Ästhetik mit halsbrecherischen Schwenks und zooms, seiner nervtötenden Stakkato-Schnitttechnik und, jetzt mal abgesehen von den hinreißenden audio-Beiträgen von Sigur Rós und dEUS, seinem pathetischen techno soundtrack, am „Wir können über alles reden-Syndrom“: Nic Balthazars Roman- und Theatervorlage waren auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten und die Zelluloid-Variante macht dabei leider keine Ausnahme: BEN X ist in erster Linie ein Film für den Ethikunterricht (und vor allem für die zwangsverpflichtende Diskussionsrunde danach), nicht aber fürs Kino. Dabei gelingt es ihm doch auf bisher nie dagewesene Weise, „virtuelle“ Bildelemente so selbstverständlich wie konsequent in die „reale“ Welt einzugliedern, dass es schlichtweg ein Augenschmaus ist: Wenn Ben beispielsweise auf seinem Bett liegt, wird er in das Spiel-design von „Archlord“ eingebettet: Das komplette Menü des populären online-Rollenspiels geistert dabei um sein gepeinigtes Antlitz herum – selten wurde Eskapismus radikaler und schöner bebildert als in BEN X.

Warum Nic Balthazar dieser so innovativen wie hinreißenden Mischung aus Spielfilm und Computerspiel nicht traut und sie mit seiner schrillen audiovisuellen MTV-Ästhetik aufzupäppeln zu müssen vermeint, bleibt ein Rätsel. Erst das Auftreten der „realen“ Scarlite (Mann kann nicht nur aus sex appeal-Gründen das viel zu späte Erscheinen von Laura Verlinden nicht genug würdigen) kann dann auch den Film endlich erden; nicht nur Ben findet in ihr seinen Ruhepol, auch der Zuschauer. Endlich werden tatsächlich Gefühle auf der Leinwand sichtbar, die der Film bis dahin nur vorzugaukeln im Stande war: Much ado about nothing until then, aber dann kann endlich das kunstvoll und vollkommen zurecht in die Länge gezogene Ende, Bens selbsttituliertes „endgame“, in Erscheinung treten und das zuvor teilweise nur mühsam Ausgestandene in positiver Hinsicht revidieren: In der letzten Viertelstunde wird BEN X dem realen Schicksal eines 17jährigen belgischen Autisten, der sich in den Tod stürzte und dessen Schicksal Nic Balthazar erst zu Buch, dann zum Theaterstück und letztendlich zum Film inspirierte, mehr als gerecht.

Und angesichts der üblichen peinlichen Verlautbarungen Berufsbetroffener gegenüber angeblich von zuviel Computerspielkonsum befeuerten Amokläufen in letzter Zeit ist BEN X schlichtweg eh eine Wohltat, vor allem weil er endlich auf herrlich großflächigen Kinoleinwänden zu zeigen bereit ist, wie ungeheuer überlegen die „virtuelle“ der „realen“ Welt längst sein kann, Schleichwerbung für „Archlord“ hin oder her.

Fazit: BEN X ist vor allem dank seiner Hauptdarsteller/-innen Greg Timmermans und Laura Verlinden und mit seiner so überzeugenden wie innovativen Verquickung von Computerspiel- und Spielfilm-Elementen ein trotz zahlreicher ästhetischer und inhaltlicher Mängel sehenswertes Plädoyer für „das Andere“ im Menschen geworden.

Ein wenig mehr Spielfilm als Sozialbetroffenheitskitsch wäre dennoch nett gewesen. Als Endprodukt ist BEN X nämlich leider zu schwach, um nicht von sogenannten „Experten“ zerredet und positivistisch in Richtung eines latent faschistoiden Die-„Realität“-ist-alles-was-wir-haben-Diktats umgedeutet zu werden, immer darauf bedacht, sogenannte „nicht sozialisierbare Subjekte“ auf Teufel komm raus und auf Biegen und Brechen in die ach so verständnisvolle (Konsum)-Gesellschaft eingliedern zu wollen.

Ein überzeugenderes „Fuck you! / Eat shit and die!“ wäre hier nötig gewesen, als BEN X es zu formulieren vermag.

BEN X: Immerhin aber … ein Anfang … (Dem durchaus ein Zauber innewohnt.)


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