KIRSCHBLÜTEN – HANAMI

Kirschblüten – Hanami      (Deutschland, 2008)

Buch und Regie: Doris Dörrie
Kamera: Hanno Lentz. Schnitt: Inez Regnier. Musik: Claus Bantzer
Mit: Elmar Wepper (Rudi Angermeier), Hannelore Elsner (Trudi Angermeier), Aya Irizuki (Yu), Maximilian Brückner (Karl Angermeier), Nadja Uhl (Franzi), Birgit Minichmayr (Karolin Angermeier), Felix Eitner (Klaus Angermeier), Floriane Daniel (Emma Angermeier), Tadashi Endo (Butoh-Tänzer) u. a.
127 Minuten      (8 von 10 Punkten)

Kirschblüten - Hanami
(Bildrechte: Majestic)

Synopsis: Trudi und Rudi Angermeier, beide Anfang 60, leben ihr kleinstadtbayerisches Leben in liebender, aber wenig abwechslungsreicher Harmonie. Als bei Rudi eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, kann seine Frau ihn zu einer spontanen Reise zu den Kindern nach Berlin überreden, was weder bei Rudi noch bei den Besuchten auf Begeisterung stößt. Ernüchtert fahren sie weiter an die Ostsee, wo Trudi unerwartet stirbt. Erst im Alleinsein erkennt Rudi, auf wie viel seine Frau um der glücklichen Ehe willen verzichtet hat und beschließt, ihr nachträglich den innigsten Wunsch zu erfüllen: Japan und den Berg Fuji sehen.

Kritik: Nach der Betrachtung von KIRSCHBLÜTEN drängt sich kurz der Gedanke auf, der Film sei eine deutsche Version von LOST IN TRANSLATION mit Vorgeschichte. Aber die Parallelen sind nur vordergründig: Doris Dörrie mag sich einiger unverkennbarer Elemente des hervorragenden Werks von Sofia Coppola bedient haben, letztlich aber wurde es ein neuer, qualitativ vielleicht noch einen Tick höherwertiger Film. In dem es um tiefe Gefühle, verdrängte Träume, stete Hoffnungen, das Alter und sehr häufig um den Tod geht. Ein Film, der im Zusammenspiel von Drehbuch, Regie und Ensemble das richtige Maß findet, die schwierigen Themen ergreifend auf die Leinwand zu bringen.

In der ersten Hälfte, die ausnahmslos in Deutschland spielt, trägt Hannelore Elsner als treu sorgende Ehefrau die Hauptlast der Handlung. In jeder Szene wird die Bürde deutlich, die sie durch das Wissen trägt, dass Rudi bald sterben muss und sie bislang außerstande war, es ihm zu sagen. Angesichts verrinnender Zeit versucht sie, ihn zum Ausbruch aus seiner Monotonie zu bewegen, für deren Bewahrung sie jahrzehntelang auf eigene Träume verzichtet hat. Dörrie verbindet hier in doppelt tragischer Weise einen Familienzwiespalt (die fehlende Kommunikation zwischen Eltern und erwachsenen Kindern) mit den Endzeitgedanken einer charakterstarken Frau.

Das unerwartet frühe Ausscheiden von Hannelore Elsner aus dem Film lenkt die Konzentration auf Elmar Wepper, der für die Rolle des Rudi Angermeier zu Recht mit dem Bayerischen und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Mit ihm wird das Publikum in noch tiefere Täler der Betrübnis und Inhaltsleere gerissen, angemessen zurückgenommen und subtil inszeniert mit Bildern der Sprachlosigkeit der trauernden Familie, der Einsamkeit in Rudis und Trudis Haus sowie der Zurücknahme der Hintergrundmusik. Und im Kino wird es noch totenstiller als zuvor schon.

Bis hierhin handelt es sich bei KIRSCHBLÜTEN im Grunde noch um ein Familienmelodram, in dem zwar nicht die emotionale, aber dennoch alltagspraktische Entfremdung zwischen Eltern und Kindern gezeigt wird. Anklage oder Ursachenforschung unterbleiben weitgehend, nüchtern wird konstatiert, dass in der heutigen Zeit Familie einen anderen sozialen Stellenwert als früher hat und ab einem bestimmten Zeitpunkt jede Generation für sich selbst sorgen muss. Diese Erfahrung trifft Rudi verheerend nach Trudis Tod, für seine nachfolgende Katharsis bedarf es allerdings des Ortwechsels und des Einzuges von beinahe märchenhaften Elementen.

Schnitt. Japan. Rudi steht verlassen im Flughafen Narita, er besucht den „Lieblingssohn“ Karl. Eine abrupte Zäsur zu Beginn der zweiten Hälfte, aber noch lange nicht der vom Publikum erhoffte Wendepunkt. Denn hier wie in den Episoden in Deutschland lässt sich Dörrie Zeit für die Entwicklung, hastet nicht von einem Eskalationspunkt zum nächsten, sondern widmet sich intensiv ihren Charakteren und der sie umfassenden Umgebung. In dieser Phase ist KIRSCHBLÜTEN eine Verwandtschaft zu LOST IN TRANSLATION nicht abzusprechen. Während der beinahe schon typischen Szenen des hektischen Tokios (Verkehr, Neonreklame, Nachtleben) wirkt Rudi (wie weiland Bill Murray als Bob Harris) anfänglich wie ein Fremdkörper, unfähig zu durchschauen, in was er hineingeraten ist. Allerdings vermeidet KIRSCHBLÜTEN gänzlich, Rudis Auftreten in komische Situationen zu kleiden, sondern das Schmunzeln beim Publikum über die Verwirrung ist eher unfreiwillig: Drehbuch und Hauptdarsteller lassen nie den Ursprung und die sich herauskristallisierende Mission aus den Augen, wegen derer sich Rudi in das ferne Tokio aufgemacht hat.

So ist sicher nicht von ungefähr gewählt, dass er seinen Sohn Karl just zu dem Zeitpunkt besucht, als in Tokio Kirschblüte herrscht und in den Parkanlagen Hanami (= [Kirsch-] Blüten sehen) gefeiert wird. Das nur ein paar Tage dauernde Schauspiel der Blüte (Sakura) ist gleichsam ein Symbol für das Leben: Voller Schönheit, aber kurz. Rudi trifft hier auf wundersame Weise seinen Engel, der ihm den Schlüssel zur Erlösung zeigt und der gesamte Film wird – wie das Land durch die abfallende Blüten – von einem zarten Schleier der Magie überzogen.

So wie Rudi selbst durch scheinbare Zufälligkeiten und eigene Entdeckungen sich im Moloch Tokio emanzipiert und zaghaft Schritte tut, so erkennt auch das Publikum dank behutsamer Inszenierung die versteckten Hinweise: Postkarten mit japanischen Motiven, Hokusais Bildband „100 Ansichten des Fuji“ (Fugaku Hyakkei, erstmals erschienen 1834), Trudis Daumenkino. Und zentral natürlich das Motiv des Ausdruckstanzes „Butoh“, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und eindrucksvoll durch Meister Tadashi Endo sowie die jungen Aya Irizuki als Yu dargebracht wird.

War LOST IN TRANSLATION nur eine Momentaufnahme und zeigte vor fremdländischer Kulisse das Zusammentreffen eines älteren Herrn und einer jungen Frau, gestaltet Doris Dörrie zu den Themen Verlust, Tod und Bewältigung einen Film mit Anfang und Ende, die sich auf poetische wie wundersame Weise einander die die Arme schließen. Bei aller Trauer, die in KIRSCHBLÜTEN in jeder Minute durchscheint, bleibt ein Gefühl der Erfüllung im Kopf des Publikums zurück, wenn es das Kino nach über zwei Stunden intensiver Emotionen verlässt.


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