ABGEDREHT

*** ABGEDREHT / BE KIND REWIND * USA 2008 * Musik: Jean-Michel Bernard, Michel Gondry, Jack Black, Mos Def, Fats Waller, Oui Oui, Booker T & the MGs, u. a. * Drehbuch und Regie: Michel Gondry * Darsteller/-innen: Jack Black, Mos Def, Danny Glover, Mia Farrow, Melonie Diaz, Sigourney Weaver, Irv Gooch, Chandler Parker, Arjay Smith, Quinton Aaron, Marcus Carl Franklin, Blake Hightower, Amir Ali Said, Kid Creole, Matt Walsh, John Tormey, u. a. * „Geschwedete Filme“: 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM, BOOGIE NIGHTS, BOYZ N THE HOOD, CARRIE – DES SATANS JÜNGSTE TOCHTER (1976), D.N.A. – DIE INSEL DES DR. MOREAU (1996), GHOSTBUSTERS, KING KONG (1933), DER KÖNIG DER LÖWEN, DER LETZTE TANGO IN PARIS, MEN IN BLACK, MISS DAISY UND IHR CHAUFFEUR, ROBOCOP, RUSH HOUR 2, WHEN WE WERE KINGS * [teilw. s/w] * 101 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Abgedreht
(Bildrechte: Senator Film)

Synopsis: Ein herunter gekommenes Viertel, irgendwo in der New Yorker Vorstadt Passaic, New Jersey, das sich bislang trotzig gegen die „Schöner wohnen“-Initiativen der Stadtverantwortlichen zu Wehr gesetzt hat, ist dem Untergang geweiht: Der historische Straßenzug soll einem modernen Büro- und Geschäftskomplex weichen, dabei besitzt diese kleine Ecke der Welt doch Kultcharakter, hat hier doch der jazz-Pianist Fats Waller (1904-1943), der „schwarze Horowitz“ und Schöpfer von Klassikern wie „Honeysuckle Rose“ und „Ain’t misbehavin’“, seine Kindheit verbracht.

Zumindest wird Elroy Fletcher (Danny LETHAL WEAPON Glover), Inhaber der im DVD-Zeitalter immer noch mit VHS-Kassetten ihr kümmerliches Dasein fristenden örtlichen Videothek „Be Kind, Rewind“ niemals müde, dieses Ammenmärchen in die Welt zu setzen, das vor allem für die Ohren seines naiven Schützlings Mike (US rap star Mos Def) bestimmt ist, dem der Eckladen und seine Nachbarschaft alles bedeuten.

Als Fletcher Mike und seinem chaotischen Kumpel Jerry (Jack Black) seinen Laden für ein paar Tage überlässt, geschieht das Unfassbare: Jerry, elektromagnetisch aufgeladen durch einen völlig verpfuschten Sabotage-Versuch des nahen Elektrizitätswerks, von dem er allen Ernstes glaubt, das es sein Bewusstsein kontrolliert, löscht sämtliche VHS-Kassetten, die sich im repertoire von „Be Kind, Rewind“ befinden.

Kurzerhand drehen Jerry und Mike Film-Klassiker wie GHOSTBUSTERS, ROBOCOP und KÖNIG DER LÖWEN nach, um den Ausfall zu kompensieren: Zwar sind ihre Versionen nur zwanzig Minuten lang und tricktechnisch dilettantisch, doch den treuen Stammkunden gefällt’s und bald wird der kleine Videoladen an der Ecke sogar zur Anlaufstelle von New Yorker Cinéasten, die die liebevoll „geschwedeten“ Kopien den Originalen vorziehen.

Dummerweise bekommt auch die Filmindustrie Wind von der Sache und schickt ihre Agentin Ms. Lawson (Sigourney „Bitte kein fünftes ALIEN, ich bin so alt, wie ich aussehe!“ Weaver) nach Passaic, um die gegen das copyright verstoßenden VHS-Kassetten mit „geschwedetem“ Inhalt im wahrsten Sinne des Wortes platt zu machen …

Kritik: Schon der völlig verhaspelte Anfang von ABGEDREHT macht klar, dass das ewige Kind in Regisseursgestalt, der geniale Michel Gondry (VERGISS MEIN NICHT!, THE SCIENCE OF SLEEP) selber Schwierigkeiten hatte, in seinem Drehbuch einen roten Faden zu finden: ABGEDREHT beginnt mit der „geschwedeten“ hommage an Fats Waller, welche Jerry, Mike und die Bewohner von Passaic, New Jersey, gegen Ende des Films drehen, nur um urplötzlich die Vorgeschichte des Films im Film zu erzählen, deren Charaktere in einem derart halsbrecherischen Tempo eingeführt werden, dass man als Zuschauer schon nach wenigen Minuten überfordert die Waffen strecken muss: Worum geht es hier bitteschön eigentlich? Um eine hommage an Fats Waller? Um eine Liebeserklärung an das sterbende Format VHS-Kassette? Um anti-kapitalistische Zivilisationskritik? Um ein sich als Spielfilm gebärdendes making of? Oder ist BE KIND REWIND gar „nur“ eine als Dreharbeiten getarnte BLOCK PARTY (diesmal ohne Dave Chappelle) für die gesichtslose New Yorker Vorstadt Passaic, New Jersey? (Und somit noch ein push up-BH für das hühnerbrüstige Ego des GARDEN STATE?)

ABGEDREHT, fürwahr. Es geht nämlich um all das, doch wirklich funktionieren tut die Wundertüte namens BE KIND REWIND nur als Ode an die menschliche Kreativität. All die anderen Ingredienzien machen zusammen genommen nämlich noch keinen abendfüllenden Spielfilm aus; Michel Gondrys neuestes Werk bleibt in seiner Gänze diesmal nur Geniestreich-Versuch, so wirr und chaotisch gebärdet sich das Drehbuch, das statt einer story line höchstens mit Trampelpfaden in die verschiedendsten popkulturellen Gefilde aufwarten kann, die letzten Endes nirgendwo hin führen: Als Summe der einzelnen Teile geht ABGEDREHT leider nicht auf.

Dafür rührt Michel Gondry allerdings einen Kitt an, der mehr als hält, was er verspricht, denn in Sachen genial-dilettantischer Tricktechnik macht dem hoffnungslos verspielten Franzosen wirklich niemand etwas vor, auch wenn man Gondrys Pappmaché- und Zellophan-Eskapaden angesichts des Einsturz gefährdeten Gesamtkonstrukts hier zum ersten Mal den l’art pour l’art-Vorwurf machen kann: BE KIND REWIND ist auf derartig hinreißende und überbordende Art misslungen, dass man seine Augenlider angesichts des wieder einmal fantastischen auf Zelluloid gebannten Kreativpotentials beschämt niederschlagen muss: Warum wird an mich, kriecherischer Nichtsnutz von Konsument der ich nunmal bin, soviel leidenschaftliche Hingabe verschwendet?

Besonders die „geschwedete“ hommage an Fats Waller, welche sich das größtenteils aus Laiendarstellern von Passaics Straßen bestehende team am Ende selbst zu Gemüte führen darf und bei deren Anblick ihnen angesichts ihrer eigenen Arbeit, die sie in den Film im Film gesteckt haben, völlig zurecht die Augen übergehen, während zwischen ihnen Hollywood-Größen wie Jack Black, Danny Glover und Mia Farrow, nebst Zuckerschnute Melonie Diaz (Was für eine Entdeckung!), sitzen, kommt als die definitive Liebeserklärung an das Medium Kino daher. Und nicht umsonst vergeht inzwischen kaum ein Tag mehr, an dem im Internet-Video-Portal „youtube“ mehr oder weniger witzige „geschwedete“ hommagen an den jeweiligen Lieblingsfilm auftauchen.

BE KIND REWIND ist, so ABGEDREHT er sein mag, aber eben auch ein naives Rührstück, dessen Weltverbesserungs-Attitüde reichlich betulich daher kommt, selbst Disney fährt inzwischen härteres Kaliber auf. Zudem hat er es als Vertreter des genres Komödie zumindest hierzulande gerade mit JUNO zu tun und verliert nicht nur auf der Wortwitzebene gegen ihn in allen Punkten.

Aber wer während der letzten fünf Minuten keine feuchten Äuglein bekommt, der möge doch bitte seinen fälschlich auf ihn ausgestellen Cinéasten-Ausweis wieder zurück geben und zwischen seinen blu ray discs elendig verrecken. Allen anderen legt Michel Gondry in Peter Lustig-Manier hier das Abschalten nahe und fordert sie so unmissverständlich wie vorbildlich auf, gefälligst eigenhändig kreativ zu werden: Swede your own life! Don’t get sweded by mass media consumption!

(Alle der im Film „geschwedeten“ remakes gibt es in voller Länge im übrigen entweder hier (homepage) oder hier (you tube channel) zu sehen.)

Nachtrag: So what is „swedeing“ anyway? Guckst Du hier.


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