JUNO

*** JUNO * USA 2007 * Musik: Kimya Dawson, The Moldy Peaches, Sonic Youth, The Kinks, The Velvet Underground, Hole, The Drop, Astrud Gilberto, Belle & Sebastian, Ellen Page, Mott the Hoople, Michael Cera, Jason Bateman, Cat Power, u. a. * Drehbuch: Diablo Cody * Regie: Jason Reitman * Darsteller/-innen: Ellen Page, Michael Cera, Jennifer Garner, Jason Bateman, Allison Janney, J. K. Simmons, Olivia Thirlby, Eileen Pedde, Rainn Wilson, Daniel Clark, Darla Vandenbossche, Aman Johal, Valerie Tian, Emily Perkins, u. a. * 96 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Juno
(Bildrechte: 20th Century Fox)

Juno MacGuff: „Wait… No! I mean, can’t we just, like, kick this old school? Like, I have the baby, put it in a basket and send it your way, like, Moses and the reeds?“
Mark Loring: „Technically, that would be kicking it Old Testament.“

Leah: „Dude, that thing looks freaky.“
Juno MacGuff: „I am a sacred vessel; all you got in your stomach is Taco Bell.“

Synopsis: Sie waren zusammen in einer band, sie waren beste Freunde/-innen, aber dann wollte Juno MacGuff (kein Superlativ mehr, nirgends – bitte heirate mich: Ellen Page) lieber mit ihm rummachen als sich mit Paulie „Bleek“ Bleeker (Michael Cera) das BLAIR WITCH PROJECT ansehen – Ergebnis: Die sechzehnjährige Schülerin ist schwanger.

Juno fällt natürlich aus allen Wolken, muss „es“ Vater und Stiefmutter (J. K. Simmons und Allison Janney) schonend beibringen, teilt „es“ auch Paulie mit und findet echten Trost nur bei ihrer besten Freundin Leah (noch so eine Göttin: Olivia Thirlby). Juno erwägt eine Abtreibung, entscheidet sich dann aber dazu, ihr Ungeborenes dem scheinbar perfekten yuppie-Pärchen Mark’n’Vanessa Loring (Jason Bateman und Jennifer Garner) als zukünftiges Adoptivkind in den unfruchtbaren Familienschoß zu legen.

Doch während sich sämtliche „Erwachsenen“ als gar nicht so erwachsen entpuppen, wie / wo sie biologisch eigentlich sein sollten und ihr Körper derweil naturgemäß Wal-Dimensionen annimmt, muss sich Juno eingestehen, dass sie ernsthaft in ihren one night stand / besten Freund / Vater „ihres“ Kindes, den schüchternen Langstreckenläufer „Bleek“ verliebt ist …

Gibt es also etwa doch eine gemeinsame Zukunft zu dritt?

Kritik: Das sind eigentlich zu viele Probleme für ein sechzehnjähriges Mädchen, aber Juno wird sie meistern. Is’ aber auch kein Wunder bei der Unterstützung, die sie dabei erhält: Ex-Stripperin Diablo Cody, inzwischen für ihr hinreißendes Drehbuch, das mit einem Dialogwitz-Arsenal aufwartet, als gelte es, ganz Hollywood in Schutt und Asche zu legen, mehr als verdient mit dem „Oscar“ ausgezeichnet, hat hier ein Schwangerschaftsbauch-body painting auf den Leib von Ellen Page gepinselt, das in so hinreißenden Farben karfunkelt, dass man seinen Augen kaum trauen mag, so wunderschön und herzzerreißend und beglückend und aufrichtig und toll und hier bitte Superlativ einfügen ist das alles.

Punktabzug gibt es aber dennoch, zum einen dafür, dass sich JUNO dermaßen im popkulturellen Subtext suhlt, als gelte es, dem mainstream-Kinopublikum einen Nachhilfeunterricht in Sachen independent culture zu geben: Die Dialoge besitzen bei all der Schwangerschaftsthematik auch noch die chuzpe, die Genesis des splatter-Films, Hershell Gordon Lewis’ Urgestein THE WIZARD OF GORE gegen Dario Argentos SUSPIRIA auszuspielen, während Juno und der sich als ewiges grunge kid entpuppende und mit seiner band mal im Vorprogramm der Melvins aufgetretene Adoptivvater ihres ungeborenen Kindes zusammen „Doll parts“ von Courtney Love’s band Hole intonieren. Zwischendurch wird Iggy (Pop) und den Stooges, Sonic Youth, den Carpenters und Mott the Hoople gehuldigt, japanische underground mangas müssen auch noch erwähnt werden und über allem trohnt die Göttin des anti-folk, Kimya Dawson, mit ihrer Kleinmädchenstimme und all ihren wunderbaren songs, die den Großteil des fantastischen soundtracks übernehmen dürfen – das sind fast schon zuviele Fußnoten. (Und zum anderen, Minuspunkt that is, für das doch etwas zu schamlos betriebene product placement; keine Ahnung ob tictac, Apple und Gibson das hier so dermaßen nötig hatten …)

Schleichwerbung hin, allzu sehr auf das Nichtwissen bedauernswerter mainstream-Abziehbildchen im Publikum ausgerichtetes indie name dropping her, jetzt mal abgesehen von der ganzen anti / pro choice-Thematik, die höchstens nur noch US-amerikanische Gemüter in Wallung bringt: Ja, JUNO ist ein Anti-Abtreibungs-(Schwangerschafts-)Streifen, aber / und den hype mehr als wert. Dieser Film könnte sich nicht nur als bester des Jahres gebären, sondern ebenfalls als Antidepressivum in der Zelluloid-Apotheke zum Kassenschlager werden, auch wenn JUNO nicht ganz den charme von GARDEN STATE erreicht, der in dieser Medikamentengruppe für mich immer noch führend ist.

Alles andere als ein placebo ist aber – man(n) kann es einfach nicht oft genug betonen – Ellen Page. Und das comic intro. Und der soundtrack. Und die anderen Darsteller/-innen. Und das Drehbuch. Und die Regie, für die sich Jason Reitman verantwortlich zeichnet, womit sich der Kreis wieder schließt, zur menschlichen Fortpflanzung nämlich, hat der Regisseur sein Talent doch offenbar schon in die Wiege gelegt bekommen: Sein Vater ist Ivan Reitman, Schöpfer der GHOSTBUSTERS:

If there’s something strange, in the neighbourhood, who you gonna call? …

… Leah (on phone): „Juno?“
Juno MacGuff: „No, it’s Morgan Freeman. Do you have any bones that need collecting?“
Leah: „Only the one in my pants …“


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