LARS UND DIE FRAUEN

*** LARS UND DIE FRAUEN / LARS AND THE REAL GIRL * USA 2007 * Musik: David Torn, Talking Heads, Tom Tom Club, Ryan Gosling, Nick Black, Buckeleven, Hello Stranger, Feed the Kitty, u. a. * Drehbuch: Nancy Oliver * Regie: Craig Gillespie * Darsteller/-innen: Ryan Gosling, Emily Mortimer, Paul Schneider, Kelli Garner, Patricia Clarkson, Nancy Beatty, u. a. * 106 Minuten * (5 von 10 Punkten) ***

Lars und die Frauen
(Bildrechte: Senator Film)

„I’ll tear the hands that touch me!“ (Chokebore)

„I’m an island of such great complexity!“ (Pavement)

„You must be a masochist to love a modern leper on his last leg!“ (Frightened Rabbit)

Synopsis: Das ländlich-verschneite Minnesota, USA, heutzutage, wenn auch nicht gerade FARGO: Der krankhaft schüchterne Lars Lindstrom (wie immer sehenswert: Ryan Gosling), 27 Jahre alt, lebt bei seinem Bruder Gus (schlichtweg großartig: Paul Schneider) und dessen schwangerer Ehefrau Karin (etwas zu bemüht auf Grimassen aus: Emily Mortimer), genauer gesagt in einem Anbau ihrer Garage: Obwohl Lars einen job hat und mehr oder weniger am Kleinstadtleben teilnimmt (ergo: er geht zur Kirche), erträgt er es nicht, von anderen Menschen berührt zu werden und hatte deswegen noch nie eine Beziehung.

Eines Abends steht er dann doch plötzlich in Begleitung und zum Abendessen vor der Tür von Bruder und Schwägerin, doch seine neue (und erste) Freundin entpuppt sich als Sexpuppe aus dem Internet (http://www.realdoll.com – gibt es wirklich!). Sie „heißt“ „Bianca“, ist laut Lars halb Dänin, halb Brasilianerin und Missionarin und sitzt im Rollstuhl.

Das sind definitiv zu viele Informationen für seine völlig verdatterten Angehörigen, die auf Anraten der Psychologin Dagmar (Patricia Clarkson) allerdings bald mitspielen – und mit ihnen die gesamte Bevölkerung von Lars’ Heimatnest: „Bianca“ wird ohne Umschweife in die Dorf„gemeinschaft“ „integriert“, liest im Kindergarten vor und nimmt einen job als Schaufensterpuppe an. Allein Lars und seine heimlich in ihn verliebte Kollegin Margo (Kelli THUMBSUCKER Garner) sind schon bald mit der Gesamtsituation unzufrieden …

Kritik: LARS UND DIE FRAUEN hat eigentlich alle Ingredienzien zum US-amerikanischen independent cinema-Kulthit: Ein verschneites Kleinstadt-Utopia voller skurriler Charaktere, schräger Humor (eine Sexpuppe als Projektionsfläche für „Gemeinschaftssinn“ und „Nächstenliebe“), meditative Landschaftsimpressionen, nebst einer generell gekonnt geführten Kamera, tolle Schauspieler, sowie einen schönen, sich aber nicht den Gehörgängen aufdrängenden soundtrack.

So weit, so gut. Also darf man LARS UND DIE FRAUEN getrost zwischen Kleinode wie GARDEN STATE, STATION AGENT und THUMBSUCKER einreihen? Nein. Nein? Nein!!! LARS UND DIE FRAUEN ist größtenteils ein ärgerlicher fake und hat in dieser illustren Riege absolut nichts zu suchen! Zwar operiert er in etwa mit denselben Mitteln wie oben genannte Meisterwerke, aber das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Zwar gibt es hinreißend berührende Sequenzen (die „Teddybär-Wiederbelebungsszene“ beispielsweise ist schlichtweg Gott!), doch wirken diese angesichts des einfach nicht überzeugenden Gesamteindrucks wie Zufalls-, wenn nicht gar Abfallprodukte dieser auf dem Reißbrett entstandenen Wie-mache-ich-einen-erfolgreichen-independent-Film-Blaupause.

Okay, LARS UND DIE FRAUEN ist ein Märchen und funktioniert auch (durchaus, aber eben nur) auf diese Weise. Aber dass er sich und seine Außenseiterrettungs-message dabei nie in der Lage ist, auch nur annähernd zu hinterfragen, wird ihm unweigerlich zum Verhängnis.

Beginnend mit dem völlig realitätsfremd dargestellten Charakter von Lars’ Arbeitskollegin Margo, die von Beginn an vom Drehbuch als Lars’ Rettungsanker aus Fleisch und Blut vorgesehen ist, gerieren sich die Hauptverantwortlichen hinter der Kamera als fadenscheinige Integrationsinitiative für nicht mehrheitskompatible Außenseiter, dass es einfach nur ärgerlich zu nennen ist. Zumal die Charakterentwicklung von Hauptfigur Lars Lindstrom ziemlich unglaubwürdig daher kommt – Menschen wie er bestellen sich keine Sexpuppen aus dem Internet und geben sie als real existierende Personen aus, dafür sind sie viel zu schüchtern. Und falls doch, dann hätte so eine Konstellation, noch dazu in einer US-amerikanischen Kleinstadt nicht den Hauch einer Chance: Lars und seine männlichen wie weiblichen Epigonen würden im realen Leben schlichtweg vernichtet, nicht umsonst sind Außenseiter der (US-amerikanischen) Gesellschaft längst dazu übergegangen, sich nicht etwa Sexpuppen als Liebesersatz aus dem Internet zu bestellen, sondern großkalibrige Schnellfeuerwaffen und Anleitungen zum Bombenbau – ist auch billiger, wenn man sich die Preise für die sogenannten „real dolls“ auf der oben erwähnten website ansieht und nicht nur deswegen arg ins Grübeln kommt – jede Nobelprostituierte ist da günstiger zu haben, no pun intended.

Überhaupt wird die Idee, eine Gummipuppe mit (durchweg guten) menschlichen Insignien auszuzeichnen, so schnell überreizt, wie sie in die Handlung eingeführt wird – die Macher des Films hätten getrost auf diesen überkandidelten Drehbuchkniff verzichten können, wäre es doch interessanter gewesen, wie sie (und die ach so verständnisvollen Dorfbewohner) mit einem völlig einsamen Lars umgegangen wären. Aber leider liefern sie ja die Antwort gleich postwendend mit: Integration – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste – ist hier Zauberwort und Stilmittel zugleich. Schon komisch, wie die durchweg ansehnliche Schauspielerriege sich ohne mit der Wimper zu zucken (gut, „Bianca“ kann da nicht mithalten) dieser Forderung unterwirft, ist der unbedingte Wille des Drehbuchs, Lars seine Launen auszutreiben, doch fast schon pathologisch, wenn nicht gar letzten Endes faschistoid zu nennen, nimmt LARS UND DIE FRAUEN doch nie die Sicht des Außenseiters und Protagonisten ein, sondern immer die der völlig selbstvergessen und altruistisch agierenden Dorfidylle, was schon entlarvend genug ist: DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN, und sie wollen, dass Du dich wohl fühlst: Statt sich DIE WELLE anzusehen, sollte man sich eher LARS UND DIE FRAUEN zu Gemüte zu führen, denn hier wird Faschismus als liebevoller Kleinstadt-Gemeinschaftssinn getarnt und in keinster Weise hinterfragt: Jeder Mensch ist keine Insel – und wenn doch …

… dann werden einfach alle Inseln nach Celebration, Florida, in eben jene, von Disney ausgekotzte Rentner-Idölle zwangsverschickt, damit man ihnen dort „Gemeinschaftssinn“ mit dem Dampfhammer einbleut, von mir aus auch mit Sexpuppe als Ehefrau – Inselgruppe, Dorfgemeinschaft, Staatsvolk, Leitkultur: Here we come! (Und wehe, jemand hängt seine Wäsche im Garten auf!): „What? The land of the free? Whoever told you that is your enemy!“ (Rage Against the Machine)

Sorry, so mies ist der Film gar nicht.

It has its moments.

Aber wie man so blauäugig-unbedarft in die selbst gestellte Falle tappen kann, ist mir schlichtweg ein Rätsel.


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