NO COUNTRY FOR OLD MEN

*** NO COUNTRY FOR OLD MEN * USA 2007 * Musik: Carter Burwell, u. a. * Kamera: Roger Deakins * Drehbuch: Joel und Ethan Coen, nach dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy * Regie: Joel und Ethan Coen * Darsteller/-innen: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly MacDonald, Garret Dillahunt, Tess Harper, Barry Corbin, Stephen Root, Rodger Boyce, Beth Grant, Ana Reeder, u. a. * 122 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

„Mysteriöse Schlachter-Krankheit. Feinstaub aus Schweinehirn: Bis vor kurzem wurde in einem Schlachthof bei Austin im US-Bundesstaat Minnesota täglich rund 19.000 Schweinen buchstäblich das Hirn aus dem Kopf geblasen. […] Diese effiziente, wenn auch befremdliche Methode hatte jedoch offenbar einen hinterhältigen Makel: Winzige Teile der zerstäubten Schweinehirne trieben rings um die Metalltische durch die Luft – mit der Folge, dass Arbeiter Partikel davon einatmeten.“ (Süddeutsche Zeitung vom 26. Februar 2008)

„The weapon used by Anton Chigurh is a captive bolt pistol. It is most widely used in the slaughter of cattle to stun the animals before they are butchered.“ (IMDb)

Synopsis: Der Südwesten von Texas, nahe der mexikanischen Grenze, im Jahre 1980: Llewelyn Moss (Josh Brolin), Vietnam-Veteran und Hobby-Jäger, trifft mitten in der Wüste auf den Schauplatz eines Massakers: Ein Drogendeal ist offenbar fürchterlich schief gelaufen, die heiße Ware ist noch auf der Ladefläche eines pick-up festgezurrt, ein Toter hält einen Koffer mit 2 Millionen Dollar in Händen.

Ohne groß nachzudenken, reißt sich Llewelyn eben diesen Koffer unter den Nagel, nicht ahnend, welch sagenhaft gewalttätige Kettenreaktion er damit auslöst, denn alsbald befindet sich nicht nur er, sondern schlichtweg jede(r) der / die seinen Weg kreuzt, im „Fadenkreuz“ des Schlachtschussapparats, mit dem der kaltblütige und schier unbesiegbare Killer Anton Chigurh (Oscar für die beste Nebenrolle: Javier „Seitenscheitel“ Bardem) seine Opfer am liebsten ins Jenseits pustet.

Nur Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) und der zwielichtige Carson Wells (Woody Harrelson) sind in der Lage, den gnadenlosen Massenmörder Chigurh aufzuhalten. Doch Letzterer wird sich ihm als nicht ebenbürtig erweisen und der Vertreter des Gesetzes erkennt bald, dass es keinen Sinn ergibt, Chigurh aufzuhalten, wenn er seinen wohlverdienten Ruhestand noch erleben will …

Kritik: Ach, der arme Javier Bardem! „Oh no, now I won’t get laid for the next two months!“ soll laut IMDb seine Reaktion auf den Bata Ilic-look seiner Anton Chigurh-Frisur gewesen sein, zumal er die Rolle anfangs eh nicht hatte spielen wollen: „I don’t drive, I speak bad English, and I hate violence!“ Worauf ihm die Coen-Brüder lakonisch antworteten: „That’s why we called you!“

Zum Glück hat der zur Zeit erfolgreichste spanische Schauspieler (was macht eigentlich Antonio Banderas?) sich überreden lassen, denn das Archiv der Filmgeschichte darf dank seiner Oscar-prämierten Darstellung des völlig gefühllosen Logikers / Serienkillers Anton Chigurh den neben Anthony Hopkins’ Hannibal Lecter reservierten Platz für ihn frei machen. Und angesichts der virtuosen Handhabung seines Bolzenschussgeräts, mit dem er seinen so bemitleidenswerten wie ahnungslosen Opfern („Wozu is’n dis?“) das Gehirn aus dem Schädel pustet, dürfte wohl bald der Terminus „mit Chigurhischer Präzision“ erfunden werden.

Die Coens wiederum knüpfen mit NO COUNTRY FOR OLD MEN da an, wo sie mit FARGO aufgehört haben. Trotz literarischer Vorlage (von Cormac McCarthy) erinnert vieles an das bislang blutigste Werk der zwei begnadeten Brüder aus Minnesota, auch wenn ihre neueste Schandtat in Texas spielt und dort auch (teilweise) gedreht wurde. Regelrecht lustig ist in diesem Zusammenhang im übrigen die possierliche Anekdote, dass die Coens einen ganzen Tag lang nicht drehen konnten, weil Paul Thomas Anderson sein ebenfalls mit Oscars prämiertes Ölbohrerdrama THERE WILL BE BLOOD quasi nebenan filmte und mal wieder einen Bohrturm in die Luft jagte, wodurch sich der Himmel über West-Texas unheilvoll verdunkelte.

Doch genug von den von der IMDb trivia-Seite zum Film geklau(b)ten Anekdötchen … Was NO COUNTRY FOR OLD MEN neben Javier Bardems tour de force performance auszeichnet, ist auf den ersten, angeekelten Blick eine hommage an das Kino von David Cronenberg: Aufgeschlitzte Haut, gepeinigtes Fleisch und eine Seenplatte aus Blut, die nicht einmal die unbarmherzige texanische Sonne austrocknen kann: NO COUNTRY FOR OLD MEN ist wahrlich kein Film für schwache Gemüter und hat sein FSK 16-rating hoffentlich nur mit Ach und Krach bekommen.

Doch Gewalt wird hier nicht etwa ramboesk verherrlicht, sondern fungiert als schonungslose Form der Abrechnung mit menschlicher Schwäche und letzten Endes tragikomischer Lächerlichkeit: Ottonormalbürger Llewelyn Moss und seine Geld- und Drogen-geilen Verfolger werden angesichts des verführerischen Kofferinhalts (natürlich nichts weiter als die ominöse „Büchse der Pandora“) derart bedenkenlos zum Kriminellen, dass sie (damit) einfach nicht ungestraft davon kommen dürfen, denn das absolut Böse, der Sensenmann mit der lächerlichen Frisur namens Anton Chigurh, wird von den Coens / McCarthy quasi als Auftragskiller auf diese verheerende menschliche Unzulänglichkeit angesetzt.

Die eiskalte Logik und absolute Gefühlskälte mit der er seine Opfer, passenderweise mit einem Bolzenschussgerät, das normalerweise für Tierkadaver in spe verwendet wird, ins Jenseits pustet, ist dann auch nichts weiter als die gerechte Strafe für die menschlichen Lämmer, die sich, mit sich selbst im Reinen, sogar noch auf ihrem Weg zur Schlachtbank die Hände in ihrem eigenen, ach so unschuldigen Blut waschen. Die Tragweite dessen, was sich in der texanischen Wüste vor seinen Augen abspielt, hat nur der sich kurz vor dem Ruhestand befindliche Sheriff Ed Tom Bell begriffen – er scheint als Einziger in der Lage, einen großen, lebensrettenden Bogen um Anton Chigurh zu machen. Allerdings zerrinnt ihm dabei nicht nur das Blut von dessen Opfern, sondern auch der gesamte Fall zwischen den Händen. Doch ist ihm sein menschlicher Makel immerhin bewusst, was ihn unweigerlich zum (nichtsdestotrotz gebrochenen) „Helden“ dieser griechisch-texanischen Tragödie macht.

Mit optisch teilweise radikal brutalen Bildern aufwartend, kreiert NO COUNTRY FOR OLD MEN als existentialistischer Philosophie-Grundkurs zum Thema menschliche Gier (nicht nur) in der US-amerikanischen Geschichte, besonders in der ersten Hälfte des Films eine grandios-beklemmende Atmosphäre absoluter Bedrohung, und Anton Chigurh wird zunehmend zu einem metaphysischen Charakter, wenn nicht gar zu einer nicht-menschlichen Horrorfilmfigur – irgendwie fühlt man sich an den WEISSEN HAI oder gar ALIEN erinnert.

Zum Ende hin, wenn die philosophischen Untertöne kaum merklich als belanglose Gespräche zwischen weisen alten Männern zunehmen, verliert dieser lange mitreißende Neo-Western, der noch dazu mit einer grandiosen, an das Wim Wenderssche in TEXAS gelegene PARIS erinnernden Bildsprache aufwarten kann, allerdings leider an verve und Wucht. Sogar Langeweile kommt auf, weil irgendwann fast alle Protagonisten ihr armseliges Dasein beendet haben … das Leben rinnt zum Schluss eher zähflüssig aus NO COUNTRY FOR OLD MEN, dem es zudem leider fast völlig an dem so typischen Coenschen Humor mangelt, der zum Beispiel FARGO bei all seinem Blutzoll zu einem so vergnüglichen Streifen hat werden lassen.

Fazit: Das hier ist möglicherweise nicht der beste US-amerikanische Film des letzten Jahres und vielleicht auch nicht das so ostentativ angekündigte Meisterwerk, aber NO COUNTRY FOR OLD MEN ist unbedingt sehenswert und sicherlich eines der cinéastischen highlights, nicht nur des jungen, sondern des gesamten Jahres 2008!


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