DAS WAISENHAUS

Das Waisenhaus      (El Orfanato * Spanien, Mexiko, 2007)

Regie: Juan Antonio Bayona
Drehbuch: Sergio G. Sánchez. Originalmusik: Fernando Velázquez. Kamera: Óscar Faura. Produzent: Guillermo del Toro u.a.
Mit: Belén Ruedav (Laura), Fernando Cayo (Carlos), Roger Príncep (Simón), Mabel Rivera (Pilaru), Edgar Vivar (Balaban), Óscar Casas (Tomás), Geraldine Chaplin (Aurora) u. a.
105 Minuten      (6 von 10 Punkten)

Das Waisenhaus
(Bildrechte: Senator Film)

Synopsis: Spanische Atlantikküste, Gegenwart. Die 37-jährige Laura zieht mit ihrem Mann Carlos und dem 7-jährigen Adoptivsohn Simón in das ehemalige Waisenhaus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Dass ihr Sohn sich mit unsichtbaren Freunden unterhält, halten sie für nur eine Phase. Die Lage spitzt sich allerdings zu, als Simón kurz darauf spurlos verschwindet. Die Polizei tappt monatelang im Dunkeln und Laura wird zunehmend von der fixen Idee besessen, dass der Schlüssel zum Fundort nicht von dieser Welt ist.

Kritik: Gute Horrorfilme in der heutigen Zeit zu machen ist auch nicht mehr so einfach. Die Patentrezepte bestehen entweder aus der fortwährenden Kopie einer Grundidee (RING, HOSTEL, SAW etc.), oder aus einer Kombination von Elementen bewährter Vorzeigemodelle des Genres. DAS WAISENHAUS gehört sicherlich zur letzten Gruppe. Bei aller Versuchung, sich an den neuzeitlichen Heroen des subtilen Horrors zu orientieren, kommt DAS WAISENHAUS zwar nicht an deren Klasse heran, besitzt aber genügend eigene Ecken und Kanten, um zu gefallen.

Das Bemühen um Originalität fällt an allen Orten auf, als aus einem Guss ist der Film aber nicht zu bezeichnen. Es mangelt ihm nicht an hochkarätigen Ideen, aber deren Einbau in Verbindung mit der Verwendung verschiedener Stilelementee bewirkt eine Überkonstruierung. Mit dem Ergebnis, dass die Befremdung und das Unwohlsein, die das Publikum befallen, gleichzeitig Produkt von Inhalt und Form des Gesehenen sind. Eine Sache, die Puristen missfallen wird.

Zu den positiven Aspekten zu zählen ist die saubere Kameraführung, die mit den klassisch-gruseligen Gegebenheiten eines großen, einsamen Hauses und dessen verschachteltem Innenleben umzugehen weiß. Die Hauptperson Laura wird in häufigen Closeups so lange eingefangen, bis auch der letzte bärbeißige Zuschauer kapiert, welche Mutterängste ausgestanden werden. Wobei die Sensibilisierung stellenweise allzu dramatisch vorgetragen wird. Bevor es zu rührselig wird, streut Autor Sergio G. Sánchez seine kleinen Schockeffekte dort ein, wo man sie nicht erwartet und passenderweise auch umgekehrt. Für mehr als nur den kurzen Kick sorgen alptraumhafte Passagen wie z.B. der Besuch einer alten Dame, das Maskenfest und – ich liebe es – die Einspielung grobkörnigen Filmmaterials aus längst vergangenen Zeiten. Hatte Produzent Guillermo del Torro in seinem PANS LABYRINTH Monster und Fabelgestalten aufgefahren, so beschränkt sich DAS WAISENHAUS ganz auf Menschen in der Ist- und Unterwelt. Und das muss auch nicht unbedingt weniger phantasievoll sein.

Im Zentrum des Geschehens steht – wie gesagt – die tapfere Laura. Deren Tapferkeit resultiert aber eher aus einer mütterlichen Verzweiflung heraus denn eines radikalen Kampfeswillens in Verbindung mit Sonderkräften. Das macht sie zur Sympathieträgerin, aber nicht unbedingt zur Identifikationsfigur, denn dafür ist die Situation um sie herum zu befremdlich und ihre Entscheidungen zu unüberlegt. Schon allein die Frage, ob es für Laura einen Gegner überhaupt gibt und wie ihm dann zu begegnen ist, bleibt lange Zeit offen. Ein Lösungsansatz für ihr Problem zeigt sich nicht, ihre Mitmenschen verlieren zunehmend den Glauben an ihre Visionen, die Story tritt zwischenzeitlich gar auf der Stelle, gruselig zwar, aber ohne dass etwas Entscheidendes geschieht. Zur Verwirrung von Laura und des Publikums trägt mancher Handlungsstrang des Filmes bei, der in der Endbetrachtung zwar nicht zum Fortgang beitrug, aber immerhin ein enorm spannendes Füllsel war.

DAS WAISENHAUS hat beileibe nicht das Zeug zu einem Klassiker, dazu fehlen ihm inhaltliche Qualität und ein überzeugend ausbalancierter Handlungsverlauf von Anfang bis Ende. Aber er zeigt, wie man aus einer relativ simplen Geschichte und deren geschickten Ausstaffierung flotte 105 Minuten Grusel hinkriegen kann. Und das, obwohl das einzige Blut im Film von einem eingeklemmten Fingernagel stammt.


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