DER KRIEG DES CHARLIE WILSON

*** DER KRIEG DES CHARLIE WILSON / CHARLIE WILSON’S WAR * USA 2007 * Musik: James Newton Howard, Kool & the Gang, Donna Summer, Barry White, David Bowie, u. a. * Drehbuch: Aaron Sorkin, nach dem gleichnamigen Buch von George Crile * Regie: Mike Nichols * Darsteller/-innen: Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Om Puri, Shiri Appleby, Wynn Everett, Mary Bonner Baker, Rachel Nichols, u. a. * [teilw. russ. OmU] * 102 Minuten * (6 von 10 Punkten) ***

„These things happened. They were glorious and they changed the world …
… and then we fucked up the endgame.“ (Charlie Wilson)

Synopsis: Las Vegas, Nevada, USA, 1980. Der texanische Kongressabgeordnete Charlie Wilson (Tom Hanks mit Spaß inne Backen) räkelt sich, beide Nasenlöcher voll mit Koks, in der einen Hand whisky, in der anderen mehrere unbekleidete Stripperinnen, in einem whirlpool und sieht sich eher zufällig, aber sehr interessiert, eine TV-Dokumentation über die verzweifelte Lage der afghanischen Zivilbevölkerung nach dem Einmarsch der Sowjets an.

Leidenschaftlicher Anti-Kommunist der er ist, ist Charlie entsetzt darüber, dass der Jahresetat der US-Regierung zur Unterstützung des afghanischen Widerstands gegen die russischen Besatzer lediglich fünf Millionen Dollar beträgt – ein Besuch eines afghanischen Flüchtlingslagers auf pakistanischem Boden bestärkt ihn nur noch, sein engagement diesbezüglich auszuweiten: Er tut sich mit der so wiedergeborenen wie nymphomanischen, eher Botox als Jesus anbetenden Christin Joanne Herring (Julia Roberts) und dem frustriert-vulgären CIA-Mann Gust Avrakotos (der eigentliche Star des Films: Philip Seymour Hoffman ist mal wieder fantastisch!) zusammen …

… und dem ungleichen Trio gelingt, während die US-Regierung Däumchen dreht, schier Unmögliches: Die Bewaffnung der afghanischen Mudschaheddin mit einem high tech-Waffenarsenal – finanziert von Saudi-Arabien (!), produziert in Ägypten (!!), geliefert aus Pakistan (!!!), getarnt als russisches Waffenmaterial von keinem geringeren als ausgerechnet Israel (!!!!) – mit dem Ziel, die Sowjets ein für allemal aus Afghanistan zu vertreiben.

Doch nach dem im wahrsten Sinne des Wortes (russische Panzerungen) durchschlagenden Erfolg der „Operation Zyklon“, Charlie Wilsons höchstpersönlich geführtem Krieg gegen die Kommunisten, muss der trinkfeste Texaner erleben, wie Washington das Endspiel vergeigt: Während der Etat für die Mudschaheddin am Ende 1.000.000.000 $ betrug, sieht sich die amerikanische Regierung nach Abzug der Sowjets außerstande, auch nur 1.000.000 $ für das Schulsystem des am Boden liegenden afghanischen Staates aufzubringen und überlässt das Land am Hindukusch den Taliban-Milizen … mit den bekannten Konsequenzen.

Kritik: Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte aus dem Kalten Krieg erzählt REIFEPRÜFUNG-Regisseur Mike Nichols hier, besetzt sie hochkarätig und errichtet dem texanischen Rebell Charlie Wilson, dessen gen Washington gerichteter Mittelfinger vermutlich heute noch weiß gepudert ist, ein durchaus beeindruckendes Denkmal.

Allein – das reicht nicht für einen unterhaltsamen Spielfilm. DKDCW muss naturgegeben mehr Faktenmaterial sammeln als ein übliches biography picture der Marke „Hollywood“, was Nichols und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin auch so fleißig wie tadellos getan haben, nur haben sie dabei die Inszenierung vergessen: Der Film hechelt so pflichtbewusst der so historischen wie schlichtweg unfassbaren Vorlage hinterher, dass zum einen kaum Platz zum Atmen bleibt und man zum anderen das Gefühl bekommt, gerade einem politikwissenschaftlichen Hauptseminar beizuwohnen: DKDCW ist lehrreich, besitzt immer messerscharfen Wortwitz und sprüht von pointierten Dialogen nur so über, kommt aber als filmisches Gesamtkonstrukt nur schwer in die Gänge, reiht lustlos und wenig inspiriert so unterschiedliche Schauplätze wie Las Vegas und Kabul aneinander und findet dabei weder zu seinem cinéastischen Selbst noch einen Weg zum Herzen des Zuschauers, dessen Hirn zwar ganz schön beansprucht, dem aber kaum dabei geholfen wird, einen emotionalen Zugang zu den Ereignissen auf der Leinwand zu finden.

Zudem kann man dem Film durchaus vorwerfen, ein allzu rosiges Bild der Wirklichkeit des („guten alten“) Kalten Krieges zu zeichnen. Zwar besaß jene Epoche auch in meinem heimischen Ostwestfalen durchaus komische Züge – so landete ein „Harrier“-Kampfflugzeug der Royal Air Force vom nahen Stützpunkt Gütersloh im Garten unseres Bürgermeisters genauso senkrecht wie es gestartet war und pflügte ebendort lediglich den englischen Rasen um – das Gefühl der atomaren Bedrohung konnte man dabei aber nie wegdiskutieren, was DKDCW schlichtweg unter den (Verhandlungs-)Tisch fallen lässt. So wirkt das (Flüchtlings-)Drama an der afghanisch-pakistanischen Grenze, aufgepeppt mit ein wenig Blut und halbgaren action-Sequenzen wie eine mühevoll den historischen Tatsachen abgerungene Fußnote, nach dem Motto: „Ach, ja … der Kalte Krieg war auch durchaus heiß, wollen wir mal nicht so verklärend sein …“

Zur Ehrenrettung dieses dennoch sehenswerten Streifens muss dazu aber auch angemerkt werden, dass Nichols den Fokus, durchaus zurecht, lieber auf den offensichtlichen Antagonismus richtet, welcher der Person des Charlie Wilson innewohnt, haben wir es hier doch mit einem texanischen Anti-George W. Bush zu tun, und dies nicht etwa nur, weil Charlie Wilson bis heute Angehöriger der Demokratischen Partei ist: Auch und vielmehr war er ein Lebemann, ein Draufgänger, ein koksender Trinker und Weiberheld, ein realer J. R. Ewing mit Cliff Barnes’schen Zügen, der dennoch das Herz am rechten Fleck und tatsächlich Mitleid mit den afghanischen Flüchtlingen hatte, der tatsächlich „helfen“ wollte und dabei von offizieller Seite höchstens finanzielle Unterstützung erfuhr: Die Figur des korrupt-liebenswerten Helden ist genau gezeichnet, der Film an sich aber leider eher konturlos:

Als Alptraum der christlichen Rechten und US-amerikanischen Saubermänner, die immer einen Pinkelpott Wasser greifbar haben, in dem sie sich jederzeit von allen Sünden rein waschen können, ohne dabei zu wissen, wer Pontius Pilatus überhaupt war, steht Charlie Wilsons von Mike Nichols errichtetes Denkmal durchaus makellos da, als unterhaltsame Umsetzung des weltpolitischen coups des Provinzpolitikers für die Kinoleinwand dagegen, haben sich die Macher des Films zu wenig angestrengt, vor allem die statische Kameraführung und der so lustlos wie uninspiriert eingesetzte historische soundtrack aus 80er Jahre-disco-Klassikern schlagen hier negativ ins Kontor.

Fazit: Diese Geschichtsstunde war lehrreich, danke, aber ich muss jetzt zur nächsten Vorlesung. CHARLIE WILSON’S WAR: Eher „arte“-Themenabend als Kinovergnügen, was an sich nichts Schlechtes ist, aber einfach besser, weil unterhaltsamer, hätte umgesetzt werden können. Immerhin hat man, was wiederum positiv zu verzeichnen ist, auf den moralinsauren Unterton, den mahnenden Zeigefinger, à la Hollywood macht all das wieder gut, was die US-amerikanischen Regierungen verbockt haben, verzichtet; Charlie Wilson wird’s gefreut haben.

Darauf einen Scotch.


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