INTO THE WILD

Into the wild      (USA 2007)

Regie: Sean Penn
Drehbuch: Sean Penn, nach dem Buch von John Krakauer. Kamera: Eric Gaultier. Musik: Michael Brook, Kaki King und Eddie Vedder
Mit: Emile Hirsch (Christopher „Chris“ McCandless), Marcia Gay Harden (Billie McCandless), William Hurt (Walt McCandless), Jena Malone (Carine McCandless), Brian Dierker (Rainey), Catherine Keener (Jan Burres) Vince Vaughn (Wayne Westerberg), Kristen Stewart (Tracy Tatro), Hal Holbrook (Ron Franz) u.a.
148 Minuten    (8 von 10 Punkten)

Into the Wild
(Bildrechte: Tobis)

Synopsis: Nach einer wahren Geschichte. West Virginia, USA, 1990: Der 20-jährige Chris McCandless verlässt nach erfolgreichem Collegeabschluss sein begütertes Elternhaus, spendet seine Besitztümer und zieht mittellos unter dem Namen Alexander Supertramp durch den Westen der USA. Sein bald erklärtes Traumziel ist die Einsamkeit Alaskas, von dem ihn auch zahlreiche Begegnungen auf dem Weg nicht abbringen können. Im April 1992 erreicht er die Wildnis um Fairbanks. Als er nach 113 Tagen Aufenthalt zurückkehren will, wendet sich das Schicksal gegen ihn.

Kritik: Ich denke nicht, dass Christopher McCandless gewollt hätte, dass man aus seinem Leben einen Film macht. Dazu war er viel zu sehr Egoist, als dass er seine Vorstellungen von Freiheit und einem erfüllten Dasein in die Welt rufen ließe. Ein Freund der Bücher, ja, von Tolstoi, London und Thoreau, aber nicht der Worte, er zitiert, aber er predigt nicht, und seine Hintergründe und Motive bekommen wir aus dem Off durch die Worte seiner Schwester Carine vermittelt. Auch wenn Chris’ letzte schriftliche Eintragung „Happiness only real when shared“ lautet, so war sein bisheriger Weg durch die USA und bis nach Alaska hinauf geprägt durch eine permanente Ablehnung von zu großer Nähe und langfristiger Bindung. Er hält es an manchen Orten eine Weile lang aus, findet Freunde, bewirkt ungewollt als quasi verlorener Sohn Heil bringende Veränderung, zieht dann aber wieder weiter, zuweilen bei Nacht und Nebel, meist ohne Wiedersehenszusage.

Wir können nur ungenügend in seine Seele schauen, sehen vordergründig einen jungen, gesunden, gut aussehenden Mann, der unverdrossen freundlich und scheinbar vom Glück verfolgt von Ort zu Ort zieht. Tief in ihm, so will uns das Drehbuch und die Buchvorlage Glauben machen, ist es eine Reaktion auf die schwierige Kindheit, auf jene gut nach außen kaschierten Abgründe innerhalb einer US-amerikanischen Wohlstandsfamilie, die dem hoch intelligenten wie auch sensiblen Chris aufs Gemüt geschlagen sind. Nachdem er sich mit der Erlangung eines Qualitätsabschlusses formal ein letztes Mal dem Willen der Eltern gebeugt (und sich eine Bastion des Rückzugs geschaffen) hat, wählt er den Weg des „positiven“ Amoklaufes: Den unverhofften Totalausstieg.

Was dann folgt, ist die filmische Rekapitulation einer Erfolgsstory. Jeder, der in seinen Tagen des Sturm und Drangs davon träumte, mal – oder später – etwas ganz anderes zu machen als die da, erfährt in INTO THE WILD, wie toll das Leben auf der Straße ist. Die Leute sind durchweg wohl gesonnen (bis auf die von Amtrack …), it never rains in Southern California, wer braucht schon Geld, das macht nur vorsichtig, und wer jung ist, dem steht die Welt offen. Hat Sean Penn die negativen Seiten von McCandless’ Trip ausgeblendet? Ist Krakauer bei seinen Recherchen auf nichts Derartiges gestoßen? Wohl auch kaum anzunehmen, dass sich Zeitzeugen auf einen Aufruf melden und berichten, wie sie Chris bei Nacht und Nebel die goldene Uhr geklaut haben.

Für den positiven Touch der sonnendurchfluteten Story sorgt auch der smarte Emile Hirsch selbst in der Rolle des Chris McCandless: Bei aller Bärtigkeit und chronischer Geldknappheit kommt er stets gepflegt daher, nimmt keine Drogen, stählt seinen Körper, schnorrt die Leute nicht an, lässt die Finger von den Frauen und bringt mit seiner offen Art Freude ins Leben. Ein moderner Vorzeige-Tramp, den selbst deutsche, durch die Debatten um Randgruppenkriminalität verunsicherte, Biederfamilien noch in ihrem Vorgarten zelten lassen würden.

Latent wird in INTO THE WILD eine Lanze für den amerikanischen Freiheitsgedanken und die unverblümte Nächstenliebe gebrochen, je weiter man nach Westen zieht. Es ist Anfang der 90er Jahre, Vater Bush wirft in einer TV-Einblendung bereits die Schatten einer Zeit der Entschlossenheit voraus, aber das Bild der Gesellschaft (mindestens der abseits der Städte) ist ein positives. Und es zeigt sich ja am Schluss des Filmes, dass Chris nach Erreichen seiner Einsamkeit und Naturverbundenheit im Schatten des Mount McKinley durchaus den Drang zur Rückkehr in jene Welt verspürte. Ob nun als aufgeklärter Zarathustra vom Berge steigend oder als Sohn zu alten oder neuen Eltern zurückkehrend, das bleibt Spekulation.

Der Film ist mit 148 Minuten lang, hat aber beileibe keine Längen. Hauptdarsteller Emile Hirsch dominiert, ist zwangsläufig der Fixpunkt der Story, die sich im Alaska-Zeitraum ganz auf ihn und die ihn umgebende Wildnis konzentriert. Auf den Weg dorthin ist Chris jedoch mehr der Wanderer, dessen Begegnungen Raum für die „Performance“ weiterer Figuren und deren Darsteller schaffen. An der Seite des jungen Emile Hirsch hat die Garde gestandener Veteranen (William Hurt, Catherine Keener, Vince Vaugn, Hal Holbrook) dankbare Szenen, die allesamt die positiven Werte Nächstenliebe, Gastfreundschaft, Solidarität bis hin zu altersweiser Sentimentalität transportieren.

Um der Gefahr der übergroßen Weichspülerei zu entrinnen, vollzieht der Film nach dem kurzen Einstieg in die bröckelige Familienidylle der McCandless den Bruch der strengen Chronologie: Die sonnigen Passagen der Zeit vor Alaska werden immer wieder unterbrochen durch Szenen des Alleinseins am Traumziel und alptraumhafte Einblendungen vom Ort der Reaktionen der Eltern auf das Verschwinden ihres Sohnes. Die Dreiteilung trägt wesentlich dazu bei, die Spannung zu halten und das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle zu versetzen. Jene Strategie wird optisch noch untermalt durch die Erdfarben der Sonnenstaaten der USA und im Gegensatz dazu die der harten Kontraste der Winterwelt am Polarkreis. Dass Kamerachef Éric Gautier sein Metier versteht, hat er bereits in Walter Salles’ THE MOTORCYLCE DIARIES – DIE REISE DES JUNGEN CHE unter Beweis gestellt.

Insgesamt ist INTO THE WILD mehr als nur ein Film für jene, die nach der Lektüre von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ nach neuen Zielen suchen. Bei aller Bewunderung für Chris McCandless‘ Prinzipien empfehle ich indes Nachahmern, in der Wildnis Alaskas vielleicht doch nicht auf die Segnungen des Fortschritts (Satellitentelefon, Navigationsgerät) zu verzichten. Denn die Ironie der Geschichte ist: „Chris McCandless lived out his Alaskan ordeal just 16 miles from a National Park tourist hub“. (Sight & Sound, 17 (2007) 12, S. 49)


About this entry