DRACHENLÄUFER

Drachenläufer     (The Kite Runner, USA 2007)

Regie: Marc Forster.
Drehbuch: David Benioff, nach dem Roman von Khaled Hosseini. Kamera: Roberto Schaefer
Mit: Khalid Abballa (Amir), Zekeria Ebrahimi (Amir als Kind), Homayoun Ershadi (Baba, Amirs Vater), Shaun Toub (Rashim Khan, Amirs Onkel), Ahmad Khan Mahmidzada (Hassan), Said Taghmaoui (Farid), Atossa Leoni (Soraya) u.a.
128 Minuten      (7 von 10 Punkten)

Synopsis: Kabul, Ende der 70er Jahre. Die unbeschwerte Kinderfreundschaft zwischen Amir und Hassan geht zu Bruch, als Hassan von einer Jugendbande überfallen wird und Amir dabei tatenlos zuschaut. Seine Schande täglich vor Augen sorgt letzterer dafür, dass Hassans Vater – der Diener bei Amirs begütertem Vater ist – die Stelle aufgibt. Nach der Invasion durch die Sowjets fliehen sie in die USA. 20 Jahre später – Amir ist inzwischen verheiratet und angehender Schriftsteller – erreicht ihn ein Anruf seines Onkels aus Kabul, der ihm eine folgenschwere letzte Bitte Hassans übermittelt.

Kritik: An diesem Samstagnachmittag hatte sich eine ansehnliche Schlange an der Kasse des Schlosstheaters gebildet. Für einen Film, dessen Bekanntheitsgrad weder durch die Medien noch durch beinhaltete Star-Power befördert wurde, eine kleine Überraschung. Was mag der Reiz gewesen sein?

Vermutlich war es die Kombination aus Familiendrama biographischen Einschlages einerseits und moderater Geschichtsstunde andererseits, die dem Geschmack des meist mittelalten Publikums zupass kam. Zeigte Michael Winterbottoms ROAD TO GUANTANAMO deutlich anklagend, was nach den Interventionen der Großmächte und dem zwischenzeitlichen Taliban-Terror aus dem Land am Hindukusch geworden ist, so blickt DRACHENLÄUFER zunächst wohlwollend zurück auf die Zeit davor und präsentiert dem Betrachter ein Bild von relativer Normalität.

Jene Stabilität, obwohl fragil, scheint auch ein Ergebnis patriarchalischer Weisheit und Lenkung zu sein. Hier unterhalten sich Männer oft und ernsthaft, nüchtern und kraftvoll. Für Amirs Vater, der beileibe kein Traditionalist ist und dessen Wohlstand sich auch in westlichen Statussymbolen ausdrückt, zählen Werte wie Ehrlichkeit, Gehorsam, Respekt und Solidarität. Sie sollen aus dem Sohn einen ehrbaren Mann machen. Fatalerweise ist es gerade die Strenge der Erziehung in der „Welt der weisen Männer“ und das Fehlen des weiblichen Konterparts (Amirs Mutter starb bei seiner Geburt), die letztlich den Bruch der Jungenfreundschaft besiegelt.

DRACHENLÄUFER nimmt sich behutsam der literarischen Vorlage an. Immer wieder vermögen es Forster und sein Team besonders im ersten Teil, Szenen und Bilder von erlesener Leichtigkeit und Eindringlichkeit auf die Leinwand zu zaubern. Man wünscht, im Film und in Afghanistan hätte es ewig so weitergehen mögen. Latenter Rassismus und spätere politische Ereignisse wollten es anders. Doch auch jene Abschnitte von Gewalt, Flucht und Neuanfang im Exil führen nicht zu einer zu erwartenden Temposteigerung, sondern Forster macht mit ruhiger Hand und dramaturgischer Tiefe dort Punkte, wo andere Filmmacher die „Actionkeule“ herausgeholt oder auf die Tränendrüse gedrückt hätten. Auch die Musik von Alberto Iglesias (Hofkomponist für u.a. Pedro Almódóvar und Julio Mendem) hält sich den ganzen Film über dezent zurück und hat Lob verdient.

Vor der exotischen und später dramatischen Kulisse Kabuls verblassen die Episoden in Kalifornien naturgemäß etwas, was allerdings durch durchaus bewegende, bisweilen auch amüsante Stationen von Amir im Geflecht der afghanischen Gemeinde in den USA zu umschiffen versucht wird. Man wollte – offenbar auch mit Rücksicht auf die Buchvorlage – dem Zuschauer nicht einen inhaltsleeren Zeitsprung von 20 Jahren zumuten. Und einen Film ohne hoffnungsvolles Ende auch nicht. Das Publikum ist nahe bei den Figuren, ohne sich in ihnen zu verlieren. Das bewirkt ein objektives Verständnis für ihre Taten und lässt den Blick frei für die (politischen) Verhältnisse, die der Film mit aufzuzeigen versucht. Der Schwerpunkt und die Stärke liegen auf den Kindheitserinnerungen, das agile Leben im Häusermeer Kabuls (das in China filmisch erweckt wurde) prägt sich nachhaltig ein. Später dann entfaltet sich eine mehr schlaglichtartige Darstellung der Stationen, die in ihrer Intensität variieren, aber insgesamt immer noch einen überzeugenden Gesamteindruck hinterlassen. Sehenswert.


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