MY BLUEBERRY NIGHTS

*** MY BLUEBERRY NIGHTS * China / Frankreich / Hongkong 2007 * Musik: Norah Jones, Cat Power, Ry Cooder, Otis Redding, Cassandra Wilson, Gustavo Santaolalla, u. a. * Kamera: Darius Khondji * „Schnitt“ (besser: Verschmelzung): William Chang * Drehbuch: Wong Kar Wai und Lawrence Block, nach einer Geschichte von Wong Kar Wai * Regie: Wong Kar Wai * Darsteller/-innen: Norah Jones, Jude Law, David Strathairn, Rachel Weisz, Natalie Portman, Chan Marshall, u. a. * 95 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

My Blueberry Nights
(Bildrechte: Studio Canal)

Butch: „Ich bin zurück, bevor du ‚Blaubeerkuchen’ sagen kannst!“
Fabienne: „Blaubeerkuchen!“
Butch: „Vielleicht nicht ganz so schnell …“
(PULP FICTION)

Synopsis: Der herzensgute Brite Jeremy (Jude Law) ist Inhaber des russischen „Café Kljuc“ (sprich: „Kljutsch“ = „Schlüssel“) im New Yorker Stadtteil Coney Island, Treffpunkt der Liebeskranken und Verlassenen aus der Nachbarschaft, die bei Jeremy oftmals Schlüssel hinterlassen, die sie nie wieder abholen: Es sind dies Schlüssel zu den Wohnungen oder appartements ihrer Ex-Liebhaber/-innen, deren Türen ihnen nie wieder offen stehen werden.

Zu diesen Menschen mit gebrochenem Herzen gesellt sich eines Abends Elizabeth (Sängerin Norah Jones gibt hiermit ihr Schauspieldebüt), die von ihrem Freund verlassen wurde, ohne den sie sich ihr Leben nicht mehr vorstellen kann. Nächtelang findet sie bei Jeremy nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch ein Stück Blaubeerkuchen für sich reserviert – doch bevor die beiden Nachteulen zueinander finden können, ist Elizabeth auf und davon … in den Westen der USA, um möglichst viel Raum und Zeit zwischen sich und ihren Ex-Freund zu bringen.

Ihre Reise führt Elizabeth über Memphis, Tennessee, nach Las Vegas, Nevada – doch wohin sie auch kommt, überall scheitern die zwischenmenschlichen Beziehungen: In Memphis trifft sie als Kellnerin in einer Bar auf den alkoholkranken cop Arnie (David Strathairn, Oscar-nominiert für GOOD NIGHT, AND GOOD LUCK.), dem seine femme fatale-Ehefrau Sue Lynne (Rachel Weisz, Oscar für DER EWIGE GÄRTNER) weggelaufen ist und in Las Vegas auf die coole Pokerspielerin Leslie (eine blondiert-aufgebrezelte, wenngleich wie immer hinreißende Natalie Portman), die jeglichen Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen hat: Entgegen ihren on the road-Bekanntschaften hat Elizabeth aber immer noch jemand, zu dem sie zurückkehren kann … (und) in ein Café in New York, in dem der beste Blaubeerkuchen der Welt serviert wird …

Kritik: Mein erstes US-amerikanisches Frühstück bestand bei meinem ersten Besuch overseas vor sechzehn Jahren aus einem blueberry muffin der fast food-Kette „Hardee’s“ in Roanoke, Virginia. Geradezu entsetzt darüber, mit welch industriell-klebriger Süßigkeit sich die Amis allmorgendlich freiwillig die Zähne verkleben, blieb es damals bei einem mühsam herunter gewürgten Bissen. Bis heute, im übrigen. Ansonsten aber popkulturelle Blaubeerenverehrung allerorten, von PULP FICTION bis MY BLUEBERRY NIGHTS, Wong Kar Wais erstem Ausflug auf US-amerikanisches terrain.

Hongkongs Chefmelancholiker betritt hiermit also Neuland, genauso wie die Sängerinnen Norah Jones und Chan Marshall alias Cat Power, die in MY BLUEBERRY NIGHTS auf der Leinwand debütieren und tatsächlich alle beide so anbetungswürdig sind, wie die Kamera sie darstellt. Aber schöne Frauen anzuschmachten, das war ja noch nie ein Problem für WKW … dafür scheint er aber eins, zumindest seit 2046, mit dem Verfassen von Drehbüchern zu haben, denn trotz des langen Weges über den großen Teich verkommt der Atlantik zur zweidimensionalen Spiegelfläche, fügt MY BLUEBERRY NIGHTS dem oeuvre des großen Meisters doch so rein gar nichts Neues dazu, dass es fast schon erschreckend zu nennen ist. Nicht nur, dass WKW zum mythischen Filmland USA nichts weiter einfällt als Neonlicht zu New York, Tennessee Williams’sches Ehedrama zu Memphis und schon wieder Neonlicht zu Las Vegas … nein, der road movie-Anteil von MBN muss auch noch auf der Route 66 stattfinden, klischeebeladener geht’s fast wirklich nimmer.

Noch enttäuschender als die Tatsache, dass WKW seinen Blaubeerkuchen mit Klischees übergießt, ist aber, dass er sich seit 2046 offenbar nur noch selbst kopieren kann. So macht es zum Beispiel keinen Unterschied mehr, dass zum ersten Mal seit langem nicht Christopher Doyle hinter der Kamera Platz nehmen durfte, sondern der gebürtige Iraner Darius Khondji (DELICATESSEN, ALIEN – DIE WIEDERGEBURT, PANIC ROOM): MBN glänzt wie auch schon 2046 lediglich durch eine Romantik der Bilder, nicht des Herzens und ist zugleich Abbild von zu vielen offensichtlichen Vorbildern, von denen WKW sogar einige selbst inszeniert hat – das ist zu wenig für ein wirklich berührendes Liebesmelodram, was WKW aber vielleicht auch gar nicht hat drehen wollen, entstammen seine liebeskranken Charaktere doch einer anderen Ära, als die Frauen noch femme fatales sein und die sie liebenden Männer, deren einzige Zuflucht die nächstgelegene Bar war, straight to hell in den Wahnsinn treiben durften; hier verkörpert durch Rachel Weisz, die mehr sex appeal verströmt, als die Kinoleinwand ertragen kann und David Strathairn, der eine todtraurige Bogie-Interpretation als am Liebeskummer vergehender Trinker abliefert und einem damit nicht nur die Kehle, sondern auch die Herzarterie zuschnürt. (Überhaupt ist ihre Episode die mit Abstand stärkste, weil emotionalste.)

Vielleicht ging es WKW hier also mehr um eine hommage, MBN (funktioniert durchaus) als perfekt vollendete Antithese zu postmodernen Liebesfilmen, deren Drehbücher nicht mehr an die wahre Liebe glauben wollen, weil ihr der Zeitgeist längst abgeschworen, oder weil man zu viele Filme mit Meg Ryan gesehen hat: WKW verschließt die Augen hinter seiner Markenzeichen-Sonnenbrille vor der zynischen Realität des zeitgenössischen Melodrams; er sehnt sich sichtlich nach Glamour und Fassade und einem Hollywood zurück, das es möglicherweise so ja gar nicht gegeben hat, einmal „Hollywood Babylon“ gelesen und gestorben.

In MBN wird nichts ironisch gebrochen, Liebe ist nichts, worüber man sich lustig machen sollte, findet der Meister – WKW schließt seine Interpretation von Romantik in einen im Neonlicht gleißenden, mit coolness-Zaubersprüchen gegen die harte Welt da draußen geschützten, Zelluloid-Kokon ein, schafft es aber gleichzeitig nicht, aus eben diesem Kokon auszubrechen und auch nur irgendetwas wirklich Neues, Erfrischendes zum ewigen Thema „Liebe“ zu erzählen: MBN ist Kinokino, Filmfilm, ein karfunkelndes CASABLANCA-Destillat aus zu hartem Alkohol, zu vielen Zigaretten und zu schönen Bildern, die nicht etwa aneinander geschnitten werden, sondern in einem orgiastischen Farbenrausch ineinander verglühen, WKWs cutter, William Chang, hat sich hiermit wahrlich selbst übertroffen.

Nur Verpackung ist MBN dann aber auch nicht, dafür liebt WKW das Kino viel zu sehr, was dankenswerterweise in jeder Einstellung deutlich wird, denn jedes Bild, jeder „Schnitt“, jeder Ton auf dem soundtrack (vor allem das unvergleichliche „The greatest“ von Cat Power) zeugen von echter Hingabe an das Medium Film; WKW bleibt dahingehend ein hoffnungslos Verliebter, der seiner alten Liebe Kino aber einfach nichts Neues abgewinnen kann, möglicherweise aber auch gar nicht will. Letzteres wäre nun aber wirklich ein Jammer, denn wer will schon große Meister, die sich nur noch selber kopieren? (Ist WKW nur noch Hongkongs Antwort auf Wim Wenders?)


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