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An ihrer Seite         (Away from her, CDN, GB, USA, 2006)

Regie: Sarah Polley
Drehbuch: Sarah Polley, nach der Erzählung „Der Bär kletterte über den Berg“ von Alice Munro. Kamera: Luc Montpellier. Musik: Jonathan Goldsmith
Mit: Julie Christie (Fiona Anderson), Gordon Pinset (Grant Anderson), Olympia Dukakis (Marian), Kristen Thomson (Kristy), Michael Murphy (Aubrey), Wendy Crewson (Madeleine) u.a.
109 Minuten        (7 von 10 Punkten)

An ihrer Seite
(Bildrechte: Majestic)

Synopsis: Ontario, Kanada, Gegenwart. Das Ehepaar Anderson hat sich in seinem Landhaus für einen gemeinsamen Lebensabend eingerichtet. Da wird bei Fiona Alzheimer diagnostiziert. Als die Vergesslichkeit und zeitweilige Orientierungslosigkeit bedrohlich werden, weist sie sich gegen den anfänglichen Widerstand von Grant in eine Betreuungsstätte Meadowlake ein. Für den Ehemann beginnt eine schmerzvolle Zeit des Abschiednehmens.

Kritik: Der Film kommt schleichend daher, ganz so wie die Krankheit auch. Der Beginn widmet sich ganz der Darstellung des gemeinsamen Glückes und Friedens in trauter Zweisamkeit. Die Liebe ist über die Kinoleinwand hinaus spürbar, sie drückt sich in Worten und Taten aus und durch eine Offenheit, die zwischen zwei sich respektierenden Partnern selbstverständlich sein sollte. Allein schon wegen der Darstellung des erfüllten Lebens im Alter (körperliche Liebe eingeschlossen) verdient der AN IHRER SEITE Lob, ist doch die Generation 60+ nicht allzu häufig Gegenstand im gegenwärtigen Filmbusiness.

Die Andersons sind ein Idealbild materieller und beziehungstechnischer Sorglosigkeit, ein Idyll, das schnell den Beigeschmack des Kitschigen tragen kann. Dass es dazu nicht kommt, dafür sorgen rasch die Vorboten der Gehirnkrankheit und die Art und Weise, wie die Hauptakteure mit dem Fortgang der Ereignisse umgehen. Julie Christie und Gordon Pinsent spielen ihre Rollen gelinde gesagt herzergreifend. Die Darstellung der einstmals so lebensbejahenden und aufmerksamen Fiona, die in den Monaten und Jahren mehr und mehr den Bezug zur Wirklichkeit verliert, verlangt ihr eine Menge ab, nie aber lässt sie die Würde des Menschen dahinter vermissen. Gordon Pinsent hat die mehrdimensionalere Rolle, er kämpft mit dem Schmerz, mit ihrer Entfremdung und schließlich um eine neue Orientierung. „Das ist das Leben. Dagegen kommt man nicht an!“ muss er in einem der vielen intensiven Gespräche mit der ebenfalls betroffenen Marian sagen lassen. Grants einsame Autofahrten zum Heim und das dortige Warten, bis Fiona bereit für den Besuch ist, geben ihm viel Zeit, mit den Gefühlen klarzukommen. Und obwohl er sich sehr unter Kontrolle hat, ist sein unbewegtes Gesicht ein deutlicher Ausdruck für den hoffnungslosen Kampf, der in ihm wütet.

In kleinen Dosen bekommt der Zuschauer Informationen über die Krankheit zugespielt, sei es durch Gespräche mit dem Heimpersonal, zwischen Grant und Marian oder durch Grants Stimme aus dem Off, ein Lehrbuch zitierend. Sie werden parallel zum Fionas gegenwärtigen Zustand gegeben, so dass ein unmittelbares Miterleben jederzeit gewährleistet ist. Die anderen Insassen von Meadowlake – mal abgesehen von Marians Ehemann Aubrey – sind nur Randfiguren, und verstörend passiv, beinahe wie Zombies, schieben sie sich mit ihren Rollatoren durchs Bild. Sekunden lang glaubte ich mich in einer Pappkulisse mit fehl geleiteten Komparsen wiederzufinden. Um kurz darauf ertappt zuzugestehen, dass ich mich mit millionenfach abgestorbenen Synapsen auch nicht anders bewegen würde. Und die finalen Auswirkungen der Krankheit werden noch nicht einmal gezeigt.

Das vorgestellte Heim steht sicherlich für eines der besseren Sorte, und die Vorstellung, wie es den Menschen ergeht, die sich ohne Geld dem Befund Alzheimer stellen müssen, ist ungleich unangenehmer. Der Film weiß um die Problematik und lässt an der einen oder anderen Stelle einen kritischen Ton zum Gesundheitswesen einfließen, wobei sich AN IHRER SEITE allerdings weniger auf institutionelle Bedingungen als auf den zwischenmenschlichen Bereich der vier hier direkt Betroffenen konzentriert. Für Rundumschläge sind andere Filmemacher zuständig.

Man sollte nicht vermuten, dass sich eine 28-Jährige gerade diesen Stoff für ihr Regiedebüt auswählt. Betrachtet man aber Sarah Polleys Filmographie (z.B. MEIN LEBEN OHNE MICH, DAS GEHEIME LEBEN DER WORTE), dann ist manches klarer. Und vieles noch zu erwarten.


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