TÖDLICHE VERSPRECHEN

*** TÖDLICHE VERSPRECHEN / EASTERN PROMISES / PROMESSES DE L’OMBRE * Großbritannien / Kanada / USA 2007 * Musik: Howard Shore, Armin Mueller-Stahl, u. a. * Drehbuch: Steven Knight * Regie: David Cronenberg * Darsteller/-innen: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel, Armin Mueller-Stahl, Sinéad Cusack, Jerzy Skolimowski, Josef Altin, Mina E. Mina, Aleksander Mikic, Sarah Jeanne Labrosse, u. a. * [OmU] * 100 Minuten * (8 von 10 Punkten) ***

Tödliche Versprechen
(Bildrechte: Tobis)

„I have to play this naked!“ (Viggo Mortensen)

„I have a very existential approach to the human body. I take bodies seriously,
as if I’m actually photographing the essence of this person.“ (David Cronenberg)

Synopsis: Anna (Naomi Watts) ist Hebamme im Trafalgar Hospital zu London. Eines Nachts, kurz vor Weihnachten, wird ein vierzehnjähriges, hochschwangeres Mädchen namens Tatjana (Sarah Jeanna Labrosse) eingeliefert, offenbar Heroin-abhängig und Prostituierte. Das Mädchen stirbt bei der Geburt, ihr Neugeborenes, das Anna den Namen Christine gibt, überlebt. Bei Tatjana findet Anna deren Tagebuch, dass sie von ihrer Mutter Helen (Sinéad Cusack) und ihrem Onkel Stepan (Jerzy Skolimowski) vom Russischen ins Englische übersetzen lässt, schließlich hat Annas Familie den gleichen Migrationshintergrund.

Dieses Tagebuch, randvoll mit furchtbaren Erinnerungen an die TÖDLICHEN VERSPRECHEN, mit denen man Tatjana von Russland nach London gelockt hat, führt Anna in das russische Nobelrestaurant des auf den ersten Blick sanftmütigen Patriarchen Semyon (Armin Mueller-Stahl), der zusammen mit seinem Alkohol-abhängigen und gewalttätigen Sohn Kirill (Vincent Cassel) einer russischen Mafia-Familie mit sagenhaft blutiger Tradition angehört. Tatjanas Tagebuch-Enthüllungen über die Machenschaften von Vater und Sohn sind diesen beiden mehr als nur ein Dorn im Auge, befindet man sich doch, dank der gelinde gesagt unsteten Umtriebe Kirills, inmitten einer blutigen Familienfehde mit tschetschenischen Mafiosi und kann zusätzlichen Ärger nun wirklich nicht brauchen. – Ihre unmissverständliche Forderung an Anna: Das Tagebuch gegen das Leben von Tatjanas Baby. Dumm nur, dass Onkel Stepan, der das Tagebuch übersetzt hat, schon längst zuviel weiß …

Noch dümmer, dass Semyons und Kirills Fahrer Nikolai (Viggo Mortensen) ein doppeltes Spiel mit ihnen allen treibt: Der Ex-Knacki, dessen Körper von aus seiner Gefängniszeit in Sankt Petersburg herrührenden Tätowierungen übersät ist (zu deren !authentischer! Bedeutung, vgl.: http://www.imdb.com/title/tt0765443/faq#.2.1.3), ist noch zwielichtiger als Semyon und sogar noch gewalttätiger als Kirill: Vor den immer wachsamen Augen von Scotland Yard steigern sich die Russen im Londoner Exil in einen wahren Blutrausch hinein …

Kritik: Also, da hätten wir eine Australierin (Naomi Watts), einen Franzosen (Vincent Cassel), einen Amerikaner mit dänisch-norwegischen Wurzeln (Viggo Mortensen) und einen aus Ostpreußen geflüchteten Deutschen (Armin Mueller-Stahl) – allesamt spielen sie in London lebende Russen in einer amerikanisch-englisch-kanadischen Koproduktion eines kanadischen Regisseurs. Funktioniert sowas?

Ja, es funktioniert. Mehr noch: Es schimmert, funkelt und glitzert wie ein kostbares Juwel. Wie ein kostbares Juwel allerdings, das man gerade in den ausgeweideten Eingeweiden einer ihr Haltbarkeitsdatum längst überschrittenen Wasserleiche gefunden hat. Denn TÖDLICHE VERSPRECHEN ist von David Cronenberg, dem Erfinder des „Körperzersetzungsfilms“, zu dessen Kultstatus er in den 70er und 80er Jahren (berühmt-berüchtigtes Beispiel ist wohl sein DIE FLIEGE-remake aus dem Jahre 1986) noch aliens, Monster und Mutanten und / oder deren unheilige Virenbrut benötigte.

Seitdem er aber den, dank seiner Aragorn-Rolle aus den HERR DER RINGE-Verfilmungen weltberühmten, Schmerzensmann Viggo Mortensen für A HISTORY OF VIOLENCE für sich entdeckt und fast zeitgleich ankündigt hatte, nur noch mit ihm drehen zu wollen, hat sich das Cronenbergsche Kino enorm gewandelt und weiter entwickelt: Vom, aus dem von Kritikern gern (und zu Unrecht!) belächelten, Horror-Genre zu Alltagsszenarien, in die von Menschenhand verursachte unmenschliche Gewalt plötzlich herein bricht – zugespitzter Existentialismus galore.

Für dieses Schema hatte bislang A HISTORY OF VIOLENCE die alleinige Verantwortung – jetzt kommt mit TÖDLICHE VERSPRECHEN / EASTERN PROMISES sein legitimer Nachfolger daher, mit dem Zeug, ihn ein für allemal zu ersetzen, wofür sich das Drehbuch allerdings nicht hauptverantwortlich zeigt. Die Skript-Vorlage von DIRTY PRETTY THINGS-Autor Steven Knight entwirft zwar starke Charaktere, hat aber – besonders zum Ende hin – mehr als Stichwunden-große Lücken. Als Zuschauer kann man diese, nach und nach (und oft zum eigenen Erkenntnisgewinn) füllen, aber letzten Endes wirkt TÖDLICHE VERSPRECHEN einfach nicht hundertprozentig stimmig.

Was leider auch an Armin Mueller-Stahl liegt, der nichtsdestotrotz Deutschlands bester Schauspieler ist und bleibt, bloß hat sich seit Jim Jarmuschs NIGHT ON EARTH sein Englisch („Learn some English, Helmet!“) nicht im mindesten verbessert. Mit, zumindest für deutsche Ohren und in der untertitelten Originalfassung, in der Mueller-Stahl schließlich russisch eingefärbtes Englisch sprechen soll, unfreiwillig komischen Ergebnissen: Der grausame russische Mafiaboss im Londoner Exil spricht exakt das Helmut Grokenberger-Taxifahrer-Denglisch aus NIGHT ON EARTH, während Viggo Mortensen und Vincent Cassel dagegen, zumindest für nicht-russische Ohren, glaubwürdig radebrechen. Mueller-Stahl fällt deswegen noch lange kein Zacken aus der Krone, als Figur ist und bleibt er mehr als glaubwürdig: Geradezu erschreckend ist’s, wie er seine grandiose Thomas Mann-performance aus der Heinrich Breloer-Fernsehreihe nur um Nuancen verändert und plötzlich als gleichzeitig liebenswürdiger und eiskalter, ja ultra-brutaler gangster dasteht. Nur mit der Sprache hapert es halt gewaltig – ausnahmsweise freut man sich deswegen auf die deutsche Synchronfassung eines ausländischen Films.

Was Howard Shores (Oscars u. a. für DER HERR DER RINGE) Tonspur zum Glück nicht betrifft, ist er doch seit 1979, was mich angesichts der in seinen Filmen behandelten Themen überrascht hat, David Cronenbergs Hauskomponist. Sein score hat nichts mehr mit dem überbordenden Epos und Pathos der Ringtrilogie gemein, verglichen damit hat die Filmmusik (die hiermit einen Einklang mit der kargen Bildsprache findet, die eher an einen BBC-Fernsehfilm erinnert) fast schon punk rock-Charakter, obwohl sie dennoch orchestral (und dabei fein auf das Geschehen auf der Leinwand abgestimmt) bleibt. (Überhaupt wirkt TÖDLICHE VERSPRECHEN wie die hardcore-, respektive lo-fi-Version von Mafia-thrillern wie THE DEPARTED.)

Hardcore bleibt hier im übrigen das Stichwort. TÖDLICHE VERSPRECHEN hat nämlich genug Potential um auch den letzten hartgesottenen thriller-fan mit durchgeschissenen Windeln heulend aus dem Kino zu jagen: Nicht nur, dass hier ein Neugeborenes aussieht wie ein frisch geschlüpftes, von H. R. Giger ausgekotztes ALIEN; nicht nur, dass hier Finger in Großaufnahme abgeschnitten werden; nicht nur, dass hier gleich zweimal Kehlen so dilettantisch aufgeschlitzt werden, dass es schier endlose Sekunden dauert, bis überhaupt sowas wie Blut in Erscheinung treten darf …

… nein, TÖDLICHE VERSPRECHEN hat viel mehr zu bieten: Eine knapp fünfminütige Sequenz, die in das Archiv der Filmgeschichte eingehen wird: Der möglicherweise brutalste, jemals auf Zelluloid gebannte Faust-, Messer-, Nahkampf aller Zeiten, in dem es Hauptdarsteller Viggo Mortensen splitterfasernackt (ja, splitterfasernackt, denn die Kamera „beschönigt“ hier ausnahmsweise nix, Cronenberg ist nicht Hollywood) in einem russischen Dampfbad mit zwei tschetschenischen Schergen zu tun bekommt, die mit zu Säbeln geschwungenen Messern auf ihn los gehen. Diese Szene ist body horror per excellence, so unfassbar grausam und zugleich stilsicher inszeniert, dass einem schlichtweg der Atem versagt. (Deswegen seien die „Mitstreiter“ von Viggo Mortensen an dieser Stelle – we’re talking movie history, here! – nicht vergessen: David Papava und Tamer Hassan.)

Cronenberg und seinem grandiosen Hauptdarsteller Mortensen, der doch bitteschön hierfür wenigstens eine Oscar-Nominierung erhalten sollte, gelingt hier ein meines Erachtens noch nie dagewesenes Kunststück … ich zumindest habe so etwas noch nie zuvor gesehen … nämlich eine alle Vorurteile der Gewaltverherrlichung ohne falsche Scham munter auslotende Sequenz, die zeitgleich die ungeheure Verletzlichkeit und Fragilität und somit Schützenswertigkeit des menschlichen Körpers (Seele mitinbegriffen) darstellt und einfordert: Hat man hier gerade einen belehrenden Dokumentarfilm über Folteropfer gesehen? Nein, nur einen „gewaltverherrlichenden“ Spielfilm.

Angesichts nicht nur dieser Episode gerät das offene Ende allerdings merkwürdig konventionell, beinhaltet es doch sogar so etwas wie Hoffnung (TÖDLICHE VERSPRECHEN – letzten Endes nichts weiter als ein weiterer trostbringender Weihnachtsfilm?): Ein Gefühl, das weder die Protagonisten noch den Zuschauer jemals zuvor beschlichen haben dürfte, was fast schon wieder eine Enttäuschung darstellt.

Aber keine Sorge: TÖDLICHE VERSPRECHEN wird an den Kinokassen, verglichen mit den üblichen gewaltverherrlichenden Hollywood-blockbustern, schon in erhabener Schönheit scheitern, dafür werden sowohl arthouse-, als auch mainstream-Publikum zu sehr abgeschreckt sein.

Therefore, and once again: Mission accomplished, Mr. Cronenberg!

And: Thank you!

(Bundesstart: 27.12.2007)


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