THREE BURIALS – DIE DREI BEGRÄBNISSE DES MELQUIADES ESTRADA

The three burials of Melquiades Estrada      (USA, F, 2005)

Regie: Tommy Lee Jones
Buch: Guillermo Arriaga. Kamera: Chris Menges. Musik: Marco Beltrami
Mit: Tommy Lee Jones (Pete Perkins), Barry Pepper (Mike Norton), Julio César Cedillo (Melquiades Estrada), Dwight Yoakam (Sheriff Frank Belmont), January Jones (Lou Ann Norton), Melissa Leo (Rachel), Levon Helm (Alter Mann mit Radio), Mel Rodriguez (Captain Gomez) u.a.
121 Minuten      (8 von 10 Punkten)

Three Burials - Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada
(Bildrechte: Kurt Media)

Synopsis: US-amerikanisch-mexikanische Grenze, Gegenwart. Vorarbeiter Pete freundet sich mit dem illegalen Einwanderer Melquiades an, der wie er auf einer texanischen Rinderranch arbeitet. Melquiades wird später irrtümlich vom jungen Grenzwächter Mike Norton erschossen und in der Wüste verscharrt. Kojoten buddeln den Leichnam wieder aus, die örtliche Polizei und die Grenzbehörde halten den Vorfall unter Verschluss und beerdigen Melquiades in einem Armengrab. Pete, der seinem Freund das Versprechen gab, ihm im Todesfall ins Heimatdorf Jimenez zu bringen, entführt Norton, zwingt ihn, die Leiche wieder auszugraben und die drei machen sich zu Pferd auf den Weg durch das Ödland nach Mexiko.

Kritik: Wie einige seiner Kollegen zuvor hat nun auch Tommy Lee Jones das Regiefach entdeckt und legt mit seinem Erstling ein beeindruckendes Werk vor, das eines Clint Eastwood würdig ist. Und übernimmt die Hauptfigur gleich selbst. Oberflächlich betrachtet spielt Jones eine seiner Paraderollen, den entschlossenen Streiter für eine gerechte Sache, der sie auch wortkarg zu Ende bringt. Aber allein schon die Wahl, nach einem Buch von Guillermo Arriaga (AMORES PERROS, 21 GRAMM, BABEL) zu drehen, lässt erkennen, dass hier mehr entstehen sollte als nur eine massentaugliche Vergeltungsgeschichte.

Ort der Handlung ist die Grenzstadt Van Horn, die außer staubigen Straßen und billigen „mobile homes“ nichts zu bieten hat und deren Zweck einzig in der Stationierung von Grenzpatrouillen zu bestehen scheint, die vor der „Plage“ mexikanische Einwanderer schützen sollen. Wie in Arriagas Vorgängerfilmen löst nun ein tragisches Ereignis eine Kette von Aktionen aus und verbindet die Schicksale einer Anzahl von zuvor unabhängig voneinander handelnden Personen. Jenes lose Nebeneinander wird in der Anfangsphase noch formal unterstrichen durch die unchronologische Betrachtung der Einzelgeschehnisse, dem Zuschauer wird dadurch einerseits Aufmerksamkeit aufgezwungen, andererseits eine schlaglichtartige und repräsentative Sicht auf den Mikrokosmos vor Ort geboten. Ein Gefühl stellt sich ein, dass man dort lieber nicht einmal begraben sein möchte.

Nach einem Drittel der Zeit bekommt die Handlung, die sich bislang um die Monotonie in Van Horn gedreht hat, eine Richtung: Petes Mission der Rückführung seines toten Freundes führt sie und Norton als Geisel in das unwirtliche Grenzland, verfolgt von Sheriff und Border Patrol. Raum genug also für Schlagworte wie Freundschaft, Pflicht, Erlösung, Buße. Die Konzentration liegt nun zum Glück nicht auf ellenlangen Dialogen zwischen dem Entführer und seinem Opfer (das gleichzeitig Täter ist), jene Rolle hätte ich Tommy Lee Jones auch gar nicht abgenommen. Pete und Norton kommen sich während der Reise nicht näher, keiner will den anderen verstehen oder ändern. Der spät und langsam einsetzende Läuterungsprozess von Norton hat vorrangig seinen Ursprung in den Begegnungen mit den zufälligen Begegnungen mit den Menschen im Grenzland und in Mexiko selbst. Moralische Unterweisung liefert THREE BURIALS nur für jene, die über Empathie verfügen, vordergründig bleibt der Fokus auf die einer Roadstory typische Aneinanderreihung von Unvorhersehbarkeiten.

Die illegale Einwanderung und das Vorgehen der US-Regierung ist natürlich ein gravierendes Problem, welches aber in THREE BURIALS nur die Rahmenbedingungen schafft, innerhalb derer bei aller Tragik um den Tod von Malquiades auch eine Menge Versöhnliches zu Tage tritt. Ist es nicht gemeinhin ein Kennzeichen eines Alterswerkes, wenn Jones mit dem Stoff von Arriagas in den Szenen, die er wohl dosiert auf Haupt- und Nebenpersonen verteilt, niemanden nachhaltig in einem wirklich schlechten Licht dastehen lässt? Ohne Hast und Weichzeichnung wird auf nachvollziehbare Weise ein Leben jenseits der Glitzerwelt des „American Dream“ gezeigt und eine Art, wie die Menschen dort ihr Dasein fristen: Entweder einmalig ritterlich für eine große Sache (Pete) oder ständig aufs Neue im Kleinen (alle anderen). Für den Betrachter mag ein Hauch von Melancholie durchklingen, der Film rundet diese Einschätzung schonungsvoll gestaltet ab.


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