LIEBESLEBEN

Liebesleben      (Haye Ahavah, D, Israel 2007)

Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Maria Schrader u. Laila Stieler, nach dem Roman von Zeruya Shalev. Kamera: Benedict Neuenfels. Musik: Niki Reiser
Mit: Netta Garti (Jara), Rade Serbedzija (Arie), Tovah Feldshuh (Hanna, Jaras Mutter), Stephen Singer (Leon, Jaras Vater), Ishai Golan (Joni), Arie Moskona (Nathan), Clara Khoury (Shira) u.a.
114 Minuten      (6 von 10 Punkten)

Arie: „Was ist so schlimm an diesem Leben?“
Jara: „Gar nichts. Nichts Bestimmtes jedenfalls.
Nur dass es meines ist und ich immer tiefer darin versinke.“

Synopsis: Israel, Gegenwart. Aus unerfindlichen Gründen verfällt die Mitte 20-jährige verheiratete Jara dem weit älteren Arie, einem Studienfreund des Vaters, der nach 30 Jahren Abwesenheit wieder nach Jerusalem gezogen ist. Die Beziehung ist gekennzeichnet durch Zurückweisung und sexueller Demütigung von Seiten Aries und dem gesteigerten Verlangen Jaras, in seine Welt vorzudringen. Binnen weniger Tage verändert sich ihre bislang so sichere Existenz, und auch bei Jaras Eltern brechen durch Aries plötzliches Erscheinen alte Wunden wieder auf.

Kritik: Hochzeiten, Geburtstage und andere Familienfeste sind nicht selten Ausgangpunkte von Dramen und Tragödien ungeahnten Ausmaßes. So auch in LIEBESLEBEN, obwohl die Feier wegen kurzfristiger Unpässlichkeit der Mutter ins Wasser fällt. Jara findet sich einen Moment zu lange in der Gegenwart des einzigen Gastes, Arie blickt sie unverhohlen an, sie windet sich sichtlich unter der schroffen Direktheit. Nach einer weiteren zufälligen Begegnung ist es um Jara geschehen. Und auch um mich: Denn verabschieden konnte ich mich davon, die nachfolgenden Handlungen auf Jaras rationale Entscheidungen begründen zu wollen. Reiz und Dilemma obsessiver Beziehungen sind es, dass die Vernunft nur noch in raren lichten Momenten eine Rolle spielt und man ihnen sowohl als Betrachter als auch als Handelnde (Opfer?) vorrangig nur mehr gefühlsmäßig zu folgen vermag.

Vor fünfzehn, zwanzig Jahren hätte Maria Schrader die Hauptrolle sicherlich selbst gespielt, nun liegt die Last der Geschichte hauptsächlich auf den zierlichen Schultern von Netta Garti. Hübsch ist sie ja. Erklärt aber nicht, warum ihre Jara sich an den zwar mit gewissem Charisma behafteten, aber sich bereits nach der dritten Begegnung als hinterfotziger Manipulator herausstellenden alten Mann verschenkt. „Ich mach’ mein Leben kaputt, und du langweilst dich?“, wirft sie ihm in einem der wenigen Gespräche vor, in dem ausnahmsweise er ein paar Brocken seines Gefühlslebens offenbart. Fürchtet sie sich vor dem Fortgang der früh geschlossenen Ehe mit ihrem nett-biederen Joni? Fehlt ihr, der angehenden Magistra der vergleichenden Religionswissenschaften, der Kick im Leben? Ich kann es nur erahnen. Jeglichen Zugriffs verwehrt sind die Motive von Arie, der, wie er sagt, sexuell schon alles probiert hat.

So beobachte ich, wie Jara während des gesamten Filmes wie von unsichtbaren Fäden geführt von einem Ort zum anderen läuft, rastlos, von Gefühlen getrieben, die sie keinem Dritten anvertrauen kann, zugleich verstrickt im Dickicht eines erahnten Familiendramas, zu dem sich keiner der Beteiligten äußern will. Ihr Hasten und Suchen wird zurückhaltend eingefangen von Benedict Neuenfels, dessen Kameraführung auch den Spagat erfolgreich meistert, die im Buch beschriebenen sexuellen Begierden und Praktiken adäquat wiederzugeben, ohne die Nacktheit (vor allem Jaras) zum bloßen Gegenstand voyeuristischen Betrachtens zu machen. Nebenbei gelingen in stillen Phasen eindrucksvolle Innen- und Außenaufnahmen der Architektur Jerusalems und Jaffas.

Allerdings ist der Film nun nicht explizit auf Israel fixiert und funktioniert meiner Meinung auch in jeder anderen (europäischen) Hauptstadt. Die Konzentration liegt auf der geographisch unfixierten bedingungslosen Hingabe eines Menschen, der man über die 114 Minuten mit unumschränkter Sympathie, aber abnehmender Vernunftzuweisung für die Hauptfigur folgt. Die finale Auflösung bringt Licht in das Dunkel, das Arie umgibt, bewegt sich aber durchaus im Bereich des Vermutbaren. Sie schließt das Kapitel Vergangenheit befriedigend ab, die Ungewissheit für Gegenwart und Zukunft bleibt.


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