JAGDHUNDE

*** JAGDHUNDE / HOUNDS * Deutschland 2007 * Musik: Udo Lindenberg, Werle & Stankowski, u. a. * Kamera: Florian Foest * Drehbuch: Marek Helsner und Ann-Kristin Reyels * Regie: Ann-Kristin Reyels * Darsteller/-innen: Constantin von Jascheroff, Josef Hader, Luise Berndt, Sven Lehmann, Judith Engel, Ulrike Krumbiegel, Marek Harloff, u. a. * 86 Minuten * (5 von 10 Punkten) ***

Jagdhunde
(Bildrechte: Zauberland Film)

Mia: „Hassen Sie das nicht auch?“
Vincent: „Was denn?“
Mia: „Unbehagliches Schweigen.“
(PULP FICTION)

Synopsis: Lars (Wieso ist der eigentlich noch kein Teenie-Schwarm, kreisch?: Constantin von Jascheroff) und sein Vater Henrik (wie gewohnt großartig: Österreichs Star-Kabarettist Josef Hader) leben erst seit kurzem, zusammen mit ihren beiden Hunden, auf einem Bauernhof in der tiefverschneiten, vorweihnachtlichen Uckermark, dessen verfallene Scheune Henrik in ein Hochzeitshotel umbauen will.

Dumm nur, dass in der ländlichen Abgeschiedenheit im tiefsten Osten der Republik, wo die Geschäfte „Salon Ursula“ und „Volker`s Imbiß“ (sic!) und die „Frikadellen immer noch Buletten heißen“, wie eben jener Volker (Sven Lehmann) weiß, zum einen niemand mehr heiratet und zum anderen niemand mit Vater und Sohn Stadtmensch sprechen will: Selbst als Lars die Nachbarn zur Weihnachtsfeier zu sich nach Hause einlädt, erscheint niemand von der Landbevölkerung.

Das allgegenwärtige Schweigen ist allerdings nichts neues für Lars, das ist er von seiner „Familie“ schon gewohnt: Vater Henrik und Mutter Brigitte (Ulrike Krumbiegel) haben sich getrennt, dafür hat Henrik ein Verhältnis mit Brigittes Schwester (Judith Engel), die zu Lars maßloser Überraschung und noch größerer Frustration gleich bei ihnen einzieht. Und zu Weihnachten schneit dann auch noch Mutter Brigitte mitsamt ihrem jungen Liebhaber Robert (Marek Harloff) herein … der große Familienkrach ist vorprogrammiert.

Glücklicherweise lernt Lars während all diesem familiären Tohuwabohu die taubstumme Marie (für diese Frau muss ein Superlativ noch erfunden werden: Luise Berndt), Tochter von Imbissbudenbesitzer Reschke, kennen und lieben, scheint sie doch der einzige Mensch weit und breit zu sein, der mit ihm – wenn auch wortlos – kommunizieren kann und will …

Kritik: JAGDHUNDE ist kein Taubstummendrama wie JENSEITS DER STILLE geworden, obwohl auf den ersten Blick dieselben Ingredienzien vorhanden sind: Eine gehörlose Hauptdarstellerin, viel Schnee, noch mehr Vorweihnachtsstimmung und schwelende Familienkonflikte: JAGDHUNDE spielt aber vielmehr diesseits der Stille, sind es doch die zum (Zu-)Hören und (An-)Sprechen fähigen Menschen, die hier die Zähne nicht auseinander kriegen und wenn doch aneinander vorbeireden: Die uckermärkische Landbevölkerung will die Städter nicht in ihrer Mitte aufnehmen, und die Rumpffamilien der Protagonisten wollen kein patchwork bilden, nicht einmal am Fest der Liebe; nur die jugendlichen Helden Lars und Marie, so will es das anfangs noch annehmbare Drehbuch, dürfen sich ohne Worte verstehen: Wenn sich die beiden Jagdhund-Masken aufsetzen, um dann miteinander über den zugefrorenen See zu tanzen – das hat fast soviel Charme wie das romantische Geschlittere von Naomi Watts und dem unglücklich in sie verliebten Riesenaffen auf der Eislaufbahn im Central Park in Peter Jacksons KING KONG-remake.

Charme besitzt auch der Film JAGDHUNDE durchaus, vor allem am Anfang, zumal sich der Besetzungscoup, Josef Hader die männliche Hauptrolle spielen zu lassen, wie erhofft als geglückt heraus stellt, auch wenn ihm die Rolle des Privatdetektiv Brenner in den Wolf Haas-Verfilmungen (zuletzt: SILENTIUM) besser steht. Neben ihm darf noch die unfassbare Luise Berndt alle anderen an die Wand spielen – für ihre hinreißend verkörperte Rolle der taubstummen Marie erhielt sie völlig zurecht den in diesem Jahr erstmals vergebenen First Steps Award für die beste Nachwuchsdarstellerin: Für ihr Spielfilmdebüt, wohlgemerkt.

Zusammen hieven Hader und Berndt, mit Hilfe der elegant-elegischen Bildsprache von Kameramann Florian Foest, Ann-Kristin Reyels’ Regiedebüt gerade noch so über die Schmerzgrenze, denn allzu bald will dem Drehbuch nichts mehr einfallen. Zudem zeigt es sich nicht immun gegen die Sprachlosigkeit der Protagonisten, deren Schweigen alsbald auf das Skript übergreift: Zeitweise ist da einfach nichts vorhanden, quälend lange Szenen von unfassbarer Überflüssigkeit muss man über sich ergehen lassen, die immer dann abrupt und beglückend zugleich enden, wenn die Kamera Luise Berndt anhimmeln darf, dann ist Weihnachten auf der Leinwand und im Zuschauerherzen.

JAGDHUNDE umschifft fast eine gute Stunde lang mit Lakonie, Poesie und sogar dem ein oder anderen Lacher die unheilvollen Klippen des deutschen Problemfilms, nur um am Ende voll drauf zu laufen: Wird die zarte und mit leichter Hand inszenierte Liebesgeschichte von Lars und Marie durch das den Film alles andere als voran bringende Auftreten von Mutter Brigitte und ihrem Liebhaber schon empfindlich gestört, erlaubt sich das immer schwächer werdende Drehbuch, das seine Protagonisten zum bitteren Ende hin an der ausgestreckten Schreibhand verhungern lässt, ein dermaßen ärgerliches, unfreiwillig komisches und grotesk überkonstruiertes Finale, dass man es einfach nicht fassen kann:

JAGDHUNDE kippt unbeholfen in eine Tragödie, nur um diese im Handumdrehen durch ein beschämt drangeklatschtes offenes Ende wiederum zu relativieren: Ein völlig neben den Takt gesetzter Paukenschlag sondergleichen, von solch ohrenbetäubender Dissonanz, dass man sich angesichts solcher Drehbuch-„Kniffs“ doch bitte nicht wundern sollte, wieso das deutsche Kinopublikum lieber in den nächstbesten US-amerikanischen blockbuster flüchtet, nur um sowas nicht nochmal sehen zu müssen, Josef Hader hin, Luise Berndt her.

Apropos Luise Berndt: Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie wundertoll …

Äh. Hatte ich?


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