ONCE

*** ONCE * Irland 2006 * Musik: Glen Hansard, Markéta Irglová, The Frames, The Swell Season, Van Morrison, Felix Mendelssohn Bartholdy * Drehbuch und Regie: John Carney * Darsteller/-innen: Glen Hansard, Markéta Irglová, Bill Hodnett, Danuse Ktrestova, Marcella Plunkett, Gerard Hendrick, Alaistair Foley, Hugh Walsh, Geoff Minogue, Mal Whyte, Kate Haugh, u. a. * [OmU] * 85 Minuten * (7 von 10 Punkten) ***

Once
(Bildrechte: Kinowelt)

Synopsis: Dublin, zu irgendeiner Jahreszeit, nur eben nicht im Sommer: Ein namenloser Straßenmusiker (nennen wir ihn doch einfach „guy“) trifft zu mitternächtlicher Stunde auf ein ebenfalls namenloses, aus Tschechien stammendes, Mädchen (nennen wir sie doch einfach „girl“), ist sie doch die einzige Person in der verwaisten Fußgängerzone, die seine schmerzensreich förmlich herausgebrüllten Liebeslieder an seine verflossene Ex-Freundin hören will.

Außerdem ist ihr Staubsauger kaputt und wie Schicksal (und Drehbuch) es wollen, repariert guy (Glen Hansard) zusammen mit seinem Vater in dessen winzigem Geschäft Irish Rovers, !quatsch!, Hoovers. Guy und girl (hinreißend, wunderhübsch, eine Offenbarung sondergleichen: Markéta Irglová) verabreden sich für den nächsten Tag zum Staubsaugeraustausch.

Der wird dann auch ausgetauscht, aber erst nachdem die beiden Hobby-Musiker im Hinterzimmer eines Klaviergeschäfts ihre musikalische Seelenverwandtschaft für einander entdeckt haben: Guy spielt einen seiner unzähligen songs über seine Ex auf seiner semi-kaputten Akustikgitarre, girl begleitet ihn dabei auf dem Piano: Man versteht sich auf den Instrumenten derart gut, dass guy girl einlädt, ihn und „seine“ Straßenmusiker-band ins Tonstudio zu begleiten, damit er dort sein demo tape aufnehmen kann, dass er dann nach London mitnehmen will, wo hoffentlich Ruhm und Ehre (und seine Ex) auf ihn warten.

Spätestens bei den Aufnahme-sessions wird den beiden klar, dass sie ähnlich gut zueinander passen, wie die Gitarre und das Piano, die sie spielen … Doch auch das girl trägt ihre unglückliche Liebesgeschichte mit sich herum: Die Einwanderin aus Tschechien ist verheiratet, hat eine kleine Tochter und erwartet, obwohl sie ihn frustriert zurück nach Prag verbannt hat, sehnsüchtig die Ankunft ihres Gatten, um einen neuen Anfang zu versuchen.

Den musikalisch Liebenden bleiben nur noch wenige Stunden, um während der Aufnahme-session Entscheidungen zu treffen, die ihr ganzes späteres Leben beeinflussen werden …

Kritik: How often do you find the right person?, fragt die Schlagzeile des Films und liefert in seinem Titel gleich die Antwort: ONCE. (Tja, liebe Witwen und Witwer … das war’s dann wohl …) Das ist natürlich billige, wenngleich berückend-romantische Demagogie, womit man gleich beim Hauptkritikpunkt angekommen ist, den man ONCE gegenüber machen muss: Demagogie, und zwar auf der Tonspur. Genauer gesagt auf der, für die sich Hauptdarsteller Glen Hansard verantwortlich zeichnet.

Im „wirklichen Leben“ ist Hansard Frontmann und Chefsongschreiber bei der Dubliner folk rock band The Frames (und „sein“ Drehbuchautor und Regisseur John Carney war mal Bassist bei denen und kann deswegen offenbar nicht genug von „seinem“ Helden kriegen), doch im lo-fi musical ONCE liegt das musikalische Hauptaugenmerk auf ihm als solo singer/songwriter … mit zum Teil verheerenden Ergebnissen, denn der gute Glen hat sein Ego leider nicht im Griff, womit er sich in die unheilvolle Reihe von aus Irland stammenden rock’n’pop stars einreiht, denen Begriffe wie Subtilität und understatement offenbar nicht bekannt zu sein scheinen: Bono Vox (U2), Sinéad O’Connor, Dolores O’Riordan (The Cranberries) – allesamt auf ihre Art begnadet, trampeln diese Künstler auf der Gefühlsklaviatur des pop herum wie Elefanten in Porzellanläden … auch Hansard kann sich dementsprechend nur schwer zurückhalten, seine songs bis zum Überdruss-overkill in die Welt hinaus zu posaunen, was besonders angesichts der völlig auf independent und understatement und low fidelity getrimmten Bildsprache von ONCE sauer aufstößt:

„Falling slowly“, zum Beispiel, eigentlich ein schönes, kleines folk-Lied, mutiert in der ärgerlich selbstgerechten Art, wie Glen Hansard es in ONCE vorträgt, zu einem nihilistischen Stadionrock-Opus, gegen das „We will rock you“ von Queen wie eine Elegie von Franz Schubert klingt: Irgendwann hofft man einfach nur noch, Hansards Kopf möge wie in David Cronenbergs Horror-Klassiker SCANNERS einfach platzen, stimmlich gesehen hat er dieses Niveau eh längst erreicht: Hansard winselt, kreischt, heult sich durch den nicht enden wollenden chorus von „Falling slowly“ wie ein quengelndes Kind, dem sein Nachtisch verweigert wird … und das Ganze wird dann auch noch mehrmals auf der Tonspur wiederholt, so als hätte der Film ohne den song nicht schon genug Potential, denn das hat er zweifelsohne, nicht umsonst war er nicht nur der Publikumsliebling im Spielfilm-Wettbewerb beim vergangenen Filmfestival Münster, sondern auch beim Sundance.

ONCE hat als Liebesfilm das Zeug, zum keuschen Klassiker seines genres zu werden, sowas rockt zwar in erster Linie natürlich das irisch-katholische Gotteshaus, ist aber mit seinem gänzlichen Verzicht auf Sex und allzu vordergründige Romantik einfach nur gelungen zu nennen. Doch als Anti-, oder lo-fi-Musical ist ONCE leider eine mittelschwere Katastrophe, was ausschließlich an Hansard und seinen, eine gewisse Zeit lang hörenswerten, irgendwann aber in eine nervtötende Dauerzeitschleife geratenden folk songs liegt: Regisseur Carney hat als ehemaliges band-Mitglied (und somit fan) von Hansards band The Frames, offenbar den cutter im Schneideraum gefesselt und geknebelt, denn jeder song auf dem soundtrack von ONCE wird bis zum Ende ausgespielt, was bei den Piano-Elegien von Markéta Irglová Sinn ergibt, bei Hansards Gitarrengeschrammel aber … oh, shut the fuck up, please!

Markéta Irglová als Erfüllungsgehilfin bei Hansards nach Anerkennung buhlender Gesinnungspoesie (leider nicht nur bei „Falling slowly“) beobachten zu müssen, entbehrt irgendwann schon keiner gewissen Komik mehr, sondern ist einfach nur noch tragisch zu nennen: Die zweifelsohne hübsche Tschechin (mit ihrem süßen „Tschirisch“) stiehlt ihm bald nicht nur optisch, sondern in jeder musikalischen Szene mit ihrem dezenten und natürlichen understatement die show; wenn sie alleine in die Tasten greifen darf, ist das einfach nur das schönste Audio-Geschenk, dass ONCE einem machen kann, der zum Schluss (wenn die Aufnahme-session vorüber ist und Hansard, der im übrigen ein besserer Schauspieler als singer/songwriter ist, endlich sein Pulver verschossen hat und die „Waffen“ schweigen dürfen) als Vertreter des Liebesfilms zu wirklich großer Klasse aufläuft:

Das berückende Ende nämlich zitiert implizit den Klassiker der selbstlosen Liebe, auch wenn Dublin nie CASABLANCA sein wird: Final wird dem tschechischen Mädchen und auch dem im besten Fall zu Tränen gerührten Zuschauer ein großes, selbstloses Geschenk gemacht: Kein Flugzeug mit von den Nazis gejagten Liebhaber als Co-Pilot, aber von ähnlich großer Wirkung: ONCE zeigt zum Schluss wirkliche menschliche Größe und noch größere Würde, hängt diesem Moment nicht ostentativ nach, sondern lässt ihn angenehm kurz melancholisch an- und ausklingen und feiert sich in diesem Kontext endlich einmal nicht ab, sondern endet einfach nach 85 bisweilen viel zu kurzen (und bisweilen nicht enden wollenden) Minuten.

Und beim Abspann läuft dann der Titelsong „Once“, bei dem Glen Hansard endlich zusammen mit seiner besseren Hälfte Markéta Irglová zeigen kann, dass er sein musikalisches Ego nicht nur im Griff haben kann, sondern tatsächlich ein guter singer/songwriter ist: Das leise, traurige, wunderschöne Lied „Once“ ist das musikalische highlight des Films, das es leider aber eben nur zur Untermalung der credits gebracht hat … dabei hätte dieser song statt dem unsäglichen und in einer Endlosschleife durchgenudelten „Falling slowly“ den Film und seine romantische Grundstimmung für immer gerettet.

Hansard und Irglová haben ihre fiktive musikalische Liebe zueinander im übrigen in die „Wirklichkeit“ hinüber gerettet: Überdeutliche Parallelen tun sich hier zu dem deutschen indie rock movie KEINE LIEDER ÜBER LIEBE auf: Da fanden sich die Musiker und Schauspieler auf der Leinwand gegenseitig so geil, dass sie nach Abdreh des fiktiven Films eine reale Band gründeten: Bei KEINE LIEDER ÜBER LIEBE hieß diese nach dem Hauptcharakter Hansen Band, nach ONCE gründeten Hansard und Irglová The Swell Season, beide spielen bei live-Auftritten die songs der Personen, die sie auf Zelluloid verkörperten … und, ja, in beiden Fällen ergibt das mehr als Sinn.

ONCE: Ein zweischneidiges Schwert, das sich nichtsdestotrotz ins Herzlein bohrt.

(Bundesstart: 17.01.2008)


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